bedeckt München 16°

Zum Tod von Harry Rowohlt:Als Übersetzer ein Produzent von Bestsellern

Harry Rowohlt

Den Gratistitel "Verlegersöhnchen" machte er vergessen: Harry Rowohlt.

(Foto: imago stock&people)

All diese Bedenkenträgereien konnten ihm herzlich gleichgültig sein, denn Harry Rowohlt war als Übersetzer ein Produzent von Bestsellern. Das abenteuerlichste Beispiel für die Geburt eines Erfolgsromans in der Übertragung sind Frank McCourts Kindheitserinnerungen "Die Asche meiner Mutter". Das Buch wollte zunächst kein Verlag drucken, zu trist, zu abseitig erschienen die Kinderknechtschafts-Rückblenden des Volksschullehrers McCourt.

Als der Luchterhand-Verlag anbiss, übersetzte Rowohlt das Werk gewissermaßen simultan: McCourt faxte ihm, was er gerade fertig hatte, und Rowohlt brachte es ins Deutsche. Das Buch fand entgegen den Erwartungen eine riesige Anhängerschaft, genau wie seine Neuübersetzung von Alan Milnes "Pu, der Bär" - Rowohlt machte den "Bären von sehr geringem Verstand" zu seinem eigenen Maskottchen.

Die Zeit veröffentlichte in unregelmäßigen Abständen Rowohlts Kolumne "Pooh's Corner" - das war so ziemlich das Lockerste, was sich in Glossen schriftlich daherplaudern ließ, Leserbeschimpfungen - eine angesichts des Auflagensinkflugs in Zeitungen heute eher wenig gepflegte Kulturleistung - inklusive. "Pooh's Corner" machte Rowohlt zum Volksautor und seine Feuilletons zu Zitaten-Schatzkisten. In diesen Geschichten vermochte Rowohlt den Leser zuweilen so freundlich anzulispeln wie Kurt Tucholsky das in seinen herrlichen Nachttisch-Kolumnen konnte: ohne großes Gepolter, dafür mit einer frischen poetischen Schwatzhaftigkeit.

Zu großem Ruhm und durchaus stattlicher Popularität kam Harry Rowohlt aber durch seine raum- und zeitgreifenden Auftritte mit Whiskeybegleitung, Schausaufen genannt. Hier raunzte er, Vortragsartist und Conférencier in einer Person, Geschichten ins Publikum - seine und die der großen anderen: Mark Twain, dessen monumentale Autobiografie er noch auf ein schönes Hörbuch gebrummt hat; dazu Stevenson, natürlich seinen weltuntergangsverliebten Freund Kurt Vonnegut und den eleganten Alfred Polgar, den der junge Harry Rowohlt noch kennengelernt hat und dessen Feuilletons er in zwei Lesebüchern für die Jetztzeit brauchbar machte.

Das Schau-, ja, das Saufen überhaupt hatte Rowohlt vor einigen Jahren drangegeben, als er an Polyneuropathie erkrankte, einem Nervenleiden, das gerne solche Trinkkünstler ereilt, die ihr Getränk wie Rowohlt sagte, "an der Leber vorbei direkt ins Nervensystem fließen lassen." Selbst die Krankheit verwandelte er in artistische Sensationen. Er war ein Lebenskünstler auch, nein, vor allem: in der Sprache.

Und dann war da noch die Lindenstraße

Ja, und dann gab es noch diese eine Sache, die unter der Rubrik "einem breiteren Publikum wurde er bekannt durch" zu stehen kommt: die Fernsehserie "Lindenstraße", in der Rowohlt den Penner spielte, einen Mann namens Harry. Natürlich gab der Regisseur dem Rowohlt die Rolle, weil der die phänotypischen Voraussetzungen dazu hatte. Aber ein bisschen wird sich Rowohlt dort auch in sein Spiegelbild verliebt haben: den Paria, den aus dem Glied getretenen Sprössling einer erfolgsverwöhnten Verleger-Dynastie. Es kam ja im wirklichen Leben des reisenden Artisten Harry Rowohlt gelegentlich vor, dass ihm wegen seines Aussehens der Zutritt zur eigenen Lesung verwehrt wurde.

In den letzten drei Jahren hat ihm sein schönes raubeiniges Leben eine saftige Rechnung hingepfeffert. Am Schluss saß er im Rollstuhl, auf dem kahlen Schädel eine Wollmütze - so kam er noch im vorvergangenen Jahr zur Verleihung des Humoristen-Preises Göttinger Elch. Am Montag ist Harry Rowohlt in Hamburg gestorben, wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag. "Was du nicht willst, das man dir tu, das mach erst mal", schrieb er. Auch wegen solcher Sätze wird der Volksdichter Harry Rowohlt unvergessen bleiben.

© SZ vom 17.06.2015
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema