Zum Tod von Fritz Muliar Zornig, grantig, stur

"Größenwahnsinnig und nicht leicht zu ertragen": Fritz Muliar war ein begnadeter Volksschauspieler und Querulant. Jetzt starb er im Alter von 89 Jahren.

Von Christine Dössel

"Ich bin größenwahnsinnig, grantig und nicht leicht zu ertragen", "ich bin ein Sturer, ein Unbelehrbarer , "in meinem Herzen gibt es nur zwei Säulen: Die eine ist die Liebe, die andere ist der Hass" - mit solchen Sätzen charakterisierte sich der österreichische Schauspieler Fritz Muliar in Interviews gerne selbst, ein Wiener Grantler par excellence. Ihn, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, hätte seine lose Schnauze 1942, mit Anfang zwanzig, beinahe das Leben gekostet. Damals war Muliar Soldat und wurde wegen Wehrkraft zersetzender Reden zum Tode verurteilt. Neun Monate verbrachte er in Einzelhaft, immer in der Angst: Jetzt holen sie mich. Dass er schließlich zu fünf Jahren Haft begnadigt wurde, aus denen drei Jahre wurden, weil dann der Krieg aus war, änderte nichts an den schlimmen Träumen, die ihm blieben: "dass man mich erschießt, köpft, hängt, jede Art von Todesstrafe".

Paraderolle als "Braver Soldat Schwejk": Fritz Muliar posiert im Jahre 1979.

(Foto: Foto: dpa)

Um so unerschrockener und geradliniger ging der Überlebende, ein leidenschaftlicher, streitbarer Sozialdemokrat, seinen Weg, der ihn in die vorderste Riege der österreichischen Theater-Granden führte. Muliar war mehr als nur ein begnadeter Wiener "Volksschauspieler", er war ein Kopf, eine Stimme, ein zorniger Humanist und Querulant, der sich mit Jörg Haider und dessen rechter FPÖ ebenso anlegte wie mit dem "meschuggenen" Theatermann Claus Peymann, den er einen "Piefke ohne Manieren" nannte.

Vertrackter jiddischer Humor

Geboren am 12. Dezember 1919 in Wien als unehelicher Sohn einer Bankbeamtin, lernte Muliar von seinem Stiefvater Mischa, einem strenggläubigen Juden russischer Herkunft, Toleranz und jenen hintergründig-vertrackten jiddischen Humor, der ihn als Mensch, Schauspieler, Rezitator, als Kolumnist und Buchautor prägte. Kein Wunder, dass das Kabarett für Muliar die Sprungbrettlbühne in den Beruf war: Er hatte 1937 bei Stella Kadmon am Wiener Kabarett "Der liebe Augustin" begonnen und trat nach dem Krieg in Karl Farkas' "Simpl" und am Wiener Volkstheater auf, bevor er ans Theater in der Josfstadt und 1974 ans Burgtheater kam.

Solcherart satirisch gerüstet und mit einer stattlichen Leibesfülle ausgestattet, war Fritz Muliar die Idealbesetzung für Haseks Schwejk, diesen bauernschlauen Prager Hundefänger, mit dem er Anfang der siebziger Jahre in der Fernsehserie "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk im Ersten Weltkrieg" berühmt und sehr populär wurde. Mit einem herausfordernd stoischen Lächeln und sanfter Ironie machte er aus dieser Rolle alles andere als eine Witzfigur, sondern einen Anwalt der kleinen Leute mit plebejischem Stolz, der für das moralisch Richtige eintritt und die Mächtigen ins Leere laufen lässt.

Muliar war als Schauspieler immer näher an Brecht als an Shakespeare. Die großen Tragöden spielte er nicht, aber die tragischen Komödianten. Am Wiener Burgtheater glänzte er viele Jahre lang als Peachum in der "Dreigroschenoper" (er erhielt dafür die Kainz-Medaille) und in zahlreichen Nestroy-Rollen wie etwa dem Knieriem im "Lumpazivagabundus". Im Zorn auf den deutschen Direktor Claus Peymann, welchen Muliar als ein erklärter Vertreter des "alten Burgtheaters" heftig bekämpfte, verließ er 1990 das Haus Richtung Josefstadt, blieb der Burg aber trotzdem treu und wurde 1995 sogar zum Ehrenmitglied ernannt.

"Das Burgtheater war mein ganzer Stolz"

Seine letzten großen Rollen dort waren der Ill in Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame", der Arje-Lejb in Babels "Sonnenuntergang" und der alte Mann in Felix Mitterers Einpersonenstück "Sibirien", eine Erfolgsproduktion, die Muliar von 1990 an 115 Mal spielte, auch bei Gastspielen in Deutschland. Mitterer schenkte dem Schauspieler 2007 zu seinem 70. Bühnenjubiläum auch das Stück "Der Panther", in dem ein betagter Passant von einer alten Frau angefahren wird und dieser dadurch näher kommt.

Muliar trat zwar auch bei den Salzburger Festspielen und in fast 200 Kino- und Fernsehproduktionen auf, aber es waren die Wiener Bühnen, die ihm die Welt bedeuteten, vor allem die der Josefstadt. "Das Burgtheater war mein ganzer Stolz", sagte er einmal, "aber in meinem Herzen bin ich immer ein Josefstädter geblieben." Dort stand er noch am Sonntag als alter italienischer Baron in Peter Turrinis Komödie "Die Wirtin" auf der Bühne, bevor er in der Nacht zum Montag in einem Wiener Krankenhaus im Alter von 89 Jahren starb. Wien verliert mit ihm einen Solitär - nicht nur des Theaters.