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Zum Tod von Dagmar Lieblová:Erinnern, versöhnen, verzeihen

Press conference on 20th anniversary of publication of Terezin Remembrance Books with first complete; FEU

Als der Krieg vorbei war, studierte Dagmar Lieblová Deutsch - die Sprache ihrer Peiniger. Sie wurde 88 Jahre alt.

(Foto: CTK Photo/imago)

Ein Schreibfehler rettete Dagmar Lieblová das Leben, nach dem Krieg studierte sie die Sprache ihrer Peiniger. Nun ist die Prager Holocaust-Überlebende im Alter von 88 Jahren gestorben.

Es war ein Schreibfehler, der ihr das Leben rettete. Dagmar Lieblová, damals 15, war wenige Monate zuvor mit ihrer Familie von Theresienstadt ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert worden, als dort im Sommer 1944 die "Arbeitsfähigen" aussortiert wurden. Frauen zählten hierzu im Alter zwischen 16 und 40 Jahren. Als die Listen der Lagerverwaltung verlesen wurden, stand hinter Lieblovás Name das falsche Geburtsjahr - 1925. Das sicherte ihr das Überleben.

Wann immer sie später davon erzählte, begriff Lieblová dieses Aussortieren als schicksalhafte Fügung, die auch eine Verpflichtung bedeutete: über den Holocaust zu reden und alles zu tun, damit sich der Hass auf Menschen, die anders sind, und Gewalt gegen Fremde nie mehr wiederholten.

Lieblová war gesegnet mit Offenheit, Humor, Heiterkeit und der Bereitschaft zum ewigen Lernen

Dagmar Lieblová wurde am 19. Mai 1929 in Kutná Hora (Kuttenberg), 70 Kilometer östlich von Prag, geboren. Im Sommer 1942 wurde sie zusammen mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Rita, ihrem Vater, dem Arzt Julius Fantl, und ihrer Mutter Irena Fantlova nach Theresienstadt verschleppt.

Dort, im Vorzeigelager der Nazis, durfte Dagmar bei der Kinderoper "Brundibár" mitsingen, die auch einer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes vorgespielt wurde - um zu zeigen, wie gut die Juden in Theresienstadt angeblich behandelt würden. Die Musik von "Brundibár", erzählte Lieblová später, habe ihr geholfen, das Ghetto zu überstehen. "Sie gab uns Hoffnung, wir fühlten uns plötzlich wieder wie richtige Menschen."

Kurz vor Weihnachten 1943 wurde Lieblovás Familie nach Auschwitz gebracht. Als die Nazis Mitte 1944 begannen, die "Arbeitsfähigen" auszusortieren, damit diese für Hitlers "Endsieg" an der Heimatfront eingesetzt werden könnten, wurde Lieblová, dank des Schreibfehlers, zum Bombenschutt-Wegräumen nach Hamburg abtransportiert. Ihre Schwester und ihre Eltern starben, weil zu jung oder zu alt, in den Gaskammern von Auschwitz.

Das Kriegsende erlebte Lieblová todkrank im KZ Bergen-Belsen. Um sie herum lagen überall Leichen, als britische Soldaten das Lager am 15. April 1945 befreiten.

Nach dem Krieg hinderten sie die Erfahrungen des Grauens nicht daran, die Sprache ihrer Peiniger zu studieren. Lieblová promovierte in Germanistik und lehrte Deutsch in Tschechien, Ghana und Schweden. Warum gerade Deutsch? "Ich habe mich immer dafür interessiert, wie es in Deutschland weiterging nach dem Holocaust. Ich habe ja schon als Kind auch Deutsch gesprochen. Und die deutsche Sprache kann doch nichts dafür."

Erinnern, versöhnen, verzeihen - das trieb Lieblová an. 1990 gründete sie die Stiftung Theresienstädter Initiative, deren Vorsitzende sie bis zum Schluss blieb.

In ihr fanden sich ehemalige Häftlinge des Ghettos zusammen, um die Erforschung der Geschichte Theresienstadts zu fördern und die Gedenkstätte zu unterstützen.

Beerdigung von Dagmar Lieblová

Der Sohn liest am Grab das Totengebet für seine Mutter: Bestattung von Dagmar Lieblová auf dem neuen jüdischen Friedhof in Prag. Unter den zahlreichen trauergästen war auch der deutsche Botschafter.

(Foto: Oliver Das Gupta)

Als Zeitzeugin und eine der letzten Überlebenden Theresienstadts reiste Lieblová durch Deutschland und Europa, manchmal sogar bis in die USA oder nach Kanada, um vor allem jungen Menschen klarzumachen: "Auf euch kommt es an. Ihr seid diejenigen, die das Gedenken an den Holocaust weitergeben müssen und die Verantwortung dafür tragen, dass so etwas nie wieder passiert. Wir, die Überlebenden, sind bald tot."

Wenn eine so viel Schrecken und Leid erlebt hat wie Lieblová, wäre es verständlich, sie wäre verbittert geworden. Doch Lieblová war gesegnet mit Offenheit, Humor, Heiterkeit und der Bereitschaft zum ewigen Lernen. Es gab nicht viele, die so bewegend und ohne Anklage ihre Geschichte der Verfolgung erzählen konnten wie sie.

Zum letzten Mal tat die Frau mit der Häftlingsnummer 70788 dies am 24. Januar, bei einer gemeinsamen Gedenkstunde von Landtag und Staatsregierung Sachsens sowie des Parlaments und der Regierung Tschechiens - in Theresienstadt.

Dagmar Lieblová ist vergangenen Donnerstag in Prag gestorben. Sie hinterlässt zwei Töchter, einen Sohn und sechs Enkel.

© SZ vom 28.03.2018

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