Zum Tod von Christa Wolf Sie wurde harsch kritisiert

Aus dem Jahr stammt auch der offene Brief "Für unser Land". Darin trat sie mit Stefan Heym und Friedrich Schorlemmer für die Weiterexistenz der DDR und gegen eine "Vereinnahmung" durch die Bundesrepublik ein. An die Ausreisewilligen wandte sie sich mit der Bitte zu bleiben, um eine "wahrhaft demokratische Gesellschaft zu gestalten". Nach zahlreichen Stellungnahmen, Reden, offenen Briefen, Lesungen und Interviews zog sich Wolf, angegriffen als "Verfechterin des Sozialismus" und "domestizierte Opponentin" des SED-Staates, von der Tagespolitik zurück.

Einen Literaturstreit entfachte Mitte 1990 ihre (bereits 1979 geschriebene) Erzählung "Was bleibt". In diesem Text mit autobiographischen Zügen schilderte sie die Überwachung durch die Stasi und das daraus resultierende Gefühl der Bedrohung. Vor allem der Zeitpunkt der Veröffentlichung nach dem Zusammenbruch des SED-Staates war Gegenstand harter Kritik, die in eine Diskussion über die Frage nach der Mitschuld von Intellektuellen der DDR mündete.

Der deutsch-deutsche Literaturstreit führte auch zu einer teilweisen Neubewertung der Schriftstellerin und Zeitzeugin, die in der Zeit von 1963 bis 1967 sogar ZK-Kandidatin der SED gewesen war, nach einer kritischen Rede auf dem 11. Plenum (1965) aber aus diesem Gremium 1967 ausgeschlossen wurde. Der insbesondere von westdeutschen Kritikern und Journalisten als "Staatsdichterin" beschimpften Autorin wurde vorgehalten, sich mit "Was bleibt" zu Unrecht auf die Seite der Opfer mogeln zu wollen.

Harsch kritisiert wurde die Schriftstellerin, die sich in der Berliner Zeitung zu ihrer Vergangenheit als "IM Margarete" bekannte, vor allem deshalb, weil sie seit Mai 1992 Kenntnis von ihrer "Täterakte" hatte und dennoch weitere Monate darüber schwieg. Wolf reagierte darauf, indem sie 1993 in einem bis dahin beispiellosen Vorgang ihre Stasi-Akte veröffentlichte ("Akteneinsicht Christa Wolf") und damit Spekulationen beendete. Die harte Auseinandersetzung in der Presse empfand Wolf als ungerechtfertigte Abrechnung mit ihrer DDR-Biographie.

Eine Sammlung von Texten aus den Jahren 1990-1994 mit dem Titel "Auf dem Weg nach Tabou" legte sie 1994 zur Leipziger Buchmesse vor und gab in dieser sehr persönlichen Chronik in nahezu unverhüllter Intimität Zeugnis von den erlittenen Verletzungen und Wunden. Konrad Franke nannte in der Süddeutschen Zeitung (17.3.1994) "Christa Wolfs Selbsterklärungen ein literarisches Denkmal deutscher Aufrichtigkeit". Andere Kritiker zogen dagegen die biografische Aussagekraft dieses Bandes in Zweifel. Kontrovers diskutiert wurde im Feuilleton auch ihr 1996 erschienener Roman "Medea. Stimmen", in dem sie den antiken Mythos im Sinne ihrer Kritik an der gesellschaftlichen Ausgrenzung des Fremden umformte.

Zu ihrem 70. Geburtstag brachte Wolf den Sammelband "Hierzulande. Andernorts" mit Erzählungen, Erinnerungstexten und Grußadressen aus den Jahren 1994-1998 heraus, in dem sie eine "differenzierte Lebensbilanz" zieht und dabei wegrückt von fast allem, was sie einmal vertrat. Das musste, so die tageszeitung "selbst den Feinden der früheren Verkündigungstonart nur Respekt abnötigen".

Dennoch ließ sie von ihrem Lebensthema nie ab. Die Spannung zwischen einer sozialistisch geprägten gesellschaftlichen und einer selbstbestimmten individuellen Existenz bestimmte auch den 2003 publizierten umfangreichen Band "Ein Tag im Jahr", mit dem Wolf ein wichtiges Dokument zu ihrer Biografie sowie zum Alltag und zur politischen Geschichte der DDR und der Jahre nach der Wiedervereinigung lieferte. 40 Jahre lang, von 1960 bis 2000, hatte sie jeweils am 27. September Ereignisse und Gedanken tagebuchartig festgehalten.

Christa Wolf war die wohl einzige Autorin, deren Werk und Leben unmittelbar mit der DDR verknüpft ist, deren Wirkung aber weit darüber hinaus reicht. Im Osten wie im Westen wurde sie mit Beifall und höchsten Auszeichnungen bedacht. Ihre Romane, Erzählungen und Essays waren stets von ausführlicher Publizität begleitet und wurden in viele Sprachen übersetzt. 2002 wurde sie als bedeutendste zeitgenössische deutsche Schriftstellerin für ihr Lebenswerk mit dem erstmals verliehenen Deutschen Bücherpreis geehrt, weil sie sich, so die Jury, "mutig in die großen Debatten der DDR und des wiedervereinigten Deutschland eingemischt" habe.

Im gleichen Jahr erwarb die Berliner Akademie der Künste das literarische Archiv der Schriftstellerin, das neben Werkmanuskripten und Tagebüchern auch persönliche Korrespondenz mit berühmten Literaten enthält.

Am 1. Dezember 2011 ist Christa Wolf in Berlin gestorben, ihrem Heimatort seit 1976.