Zum Tod von Bruno Ganz Zu ernsthaft für den Glamour

Bruno Ganz besaß eine ungeheure Präsenz, vor der Kamera ebenso wie auf der Bühne. Das Hineinversenken und sich Vertiefen machten seine Art zu Arbeiten aus. An ihm haften blieb jedoch vor allem eine Rolle.

Von Susan Vahabzadeh

Viele Jahre nachdem Bruno Ganz sich als Theaterschauspieler einen Namen gemacht hatte, wurde er in der ganzen Welt berühmt. Er spielte Damiel in Wim Wenders' "Der Himmel über Berlin" (1987) einen Engel, der über die Menschen wacht und sie doch beneidet um ihre sinnlichen Erfahrungen. Ganz hatte auch vorher schon mit Wenders gedreht, "Der amerikanische Freund" (1977), aber dieser Film traf die Sehnsüchte seiner Zeit, und er machte Bruno Ganz so berühmt, dass er später erzählte, dass die Menschen, wenn sie ihn erkannten, ganz beruhigt waren. "Leute im Flugzeug sagten zu mir: Wir müssen uns ja nicht fürchten, wenn Sie da sind, da kann nichts passieren." Wenn Ganz spielte, dann spielte er mit Leib und Seele; mit soviel Energie, dass die Leute sogar begannen, an seine übernatürlichen Kräfte zu glauben.

Ganz wurde am 22. März 1941 in Zürich geboren, in kleinen Verhältnissen; als er dann Schauspieler werden wollte, strebte er hinaus aus der kleinen Schweiz, ins düstere Deutschland, wie er selbst es damals empfand. Er war furchtlos, fast wäre er in der DDR gelandet: Aus Verehrung für Bertolt Brecht hatte er sich beim Berliner Ensemble beworben. Er ging zunächst nach Bremen, danach zurück nach Zürich und dann doch nach Berlin, in den Westen, an die Schaubühne, 1970 war das.

Zum Tod von Bruno Ganz

Im Himmel über Berlin - Eine Karriere in Bildern

Vielleicht hat er die Art, in seine Arbeit abzutauchen, schon dorthin mitgebracht; sie wurde dort jedenfalls geschult, es wurde gelesen und diskutiert jenseits der Proben. Als ihn der französische Regisseur Eric Rohmer als Grafen für "Die Marquise von O." (1976) besetzte, hat Ganz den Nouvelle-Vague-Veteranen jedenfalls schwer beeindruckt. Rohmer benutzte gern Gemälde als Referenzen für seine Arbeit, und Bruno Ganz vertiefte sich völlig in die Bilder, die Rohmer ihm zeigte. Ganz arbeitete weiter am Theater, und wurde dennoch einer der Lieblingsschauspieler des Neuen Deutschen Films. Er drehte mit Werner Herzog "Nosferatu" (1979) und spielte in Volker Schlöndorffs "Die Fälschung" (1981) den Kriegsreporter Georg Loschen.

Seine Laufbahn am Theater verfolgte er weiter und gehört auch hier zu den besten seiner Zunft. 1996 vermachte Josef Meinrad ihm den Iffland-Ring, eine Auszeichnung für den "bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters". Ringträger bleibt man auf Lebenszeit. Botho Strauß hielt die Laudatio und lobte die Sprachgewaltigkeit: Nie habe Ganz "über einen Satz hinweggesprochen".

Ganz war zu ernsthaft, um sich dem Glamour zu ergeben

Aber das war dann doch alles noch steigerungsfähig, zumindest was den Weltruhm betrifft. Den Engel Damiel spielte er für Wenders ein zweites Mal in "In weiter Ferne, so nah" (1993), und dann einen isländischen Kellner in Silvio Soldinis "Brot und Tulpen" (2000), in den sich eine italienische Hausfrau verliebt. Eine kleine romantische Komödie, für Ganz ein völlig untypischer Film - der sich dann als Überraschungshit erwies.

Ganz hat sich sonst meist für Filme mit größeren Themen entschieden, mit mehr Gewicht - so wie die Rolle, die er vier Jahre später angenommen hat und die dann tatsächlich für viele Jahre an ihm haften blieb: der eingebunkerte Hitler in Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" (2004), der mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch die unterirdischen Gänge tigert. Vielleicht ist jede präzise Darstellung von Hitler auch irgendwie lächerlich. Auf jeden Fall hat Ganz von da an ein internationales Angebot nach dem anderen bekommen, er drehte mit Sir Ridley Scott "The Counselor" (2013), mit Lars von Trier "The House that Jack built" (2018), mit Bille August "Nachtzug nach Lissabon" (2013).

Der Glamour der Schauspielerei hat Bruno Ganz nie interessiert, dazu war er viel zu ernsthaft. Aber er hatte eine ungeheure Präsenz, selbst wenn er gar nicht spielte, sondern einem nur gegenüber saß und aus seinem Leben erzählte, oder einem eine ganz bestimmte Stelle am Zürichsee anpries, an der der Blick am schönsten sei. Zürich hat er geliebt, am Ende sicher mehr als er am Anfang gewusst hat; er kehrte immer wieder zurück. Und dort, in seiner Heimatstadt, ist er an diesem Samstag gestorben.

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