Süddeutsche Zeitung

"Zum Tod meiner Mutter" im Kino:Warten auf den Tod

Lesezeit: 3 min

Jessica Krummacher hat einen radikal ehrlichen Film über das Sterben gedreht.

Von Sofia Glasl

Große Portionen Pfälzer Saumagen häuft der Kellner auf die Teller. Essen halte ja bekanntlich Leib und Seele zusammen, erklärt er. Das habe auch schon Helmut Kohl gewusst, der hart arbeitete und oft genau an diesem Tisch mit seiner Frau seine Leibspeise aß. Die Mittdreißigerin Juliane (Birte Schnöink) sitzt mit Freunden hier. Sie hat gerade erzählt, dass ihre Mutter bald sterben wird. Juliane würgt ein paar Bissen herunter. Der Altkanzler schaut wohlwollend von einem Porträt auf sie herab.

Alltägliches kippt immer wieder ins Skurrile in Jessica Krummachers zweitem Film. "Zum Tod meiner Mutter" hat sie ihn genannt und fiktionalisiert darin genau das: den langsamen Tod ihrer eigenen Mutter. Diese war mit Anfang sechzig so in ihrem schwer kranken Körper gefangen, dass ihr als einzige Möglichkeit zum selbstbestimmten Tod nur die Nahrungsverweigerung blieb. Sterbehilfe sei verboten, erklärt auch der Arzt gleich zu Beginn des Films. Mutter Kerstin (Elsie de Brauw) will niemanden zu ihrem Mörder machen und setzt deshalb in ihrem winzigen Hospizzimmer Essen und Trinken wie ein Medikament ab. Genuss sind die Mahlzeiten schon lange nicht mehr, lediglich lebenserhaltende Maßnahme. Juliane begleitet sie auf ihrem beschwerlichen Abschied, doch der Tod lässt auf sich warten.

Ethische Konflikte sind nur am Rande ein Thema, und Krummacher will diese auch nicht abschließend lösen. Für Kerstin steht fest, dass sie sterben will, und gemeinsam mit ihrem Umfeld sucht Juliane nach einem Umgang mit dieser Entscheidung und dem tatsächlichen Prozess des Sterbens. Immer wieder umkreisen sie das Ungreifbare, weil es kaum in Worte oder Bilder zu fassen ist.

Radikal ehrlich und beinahe dokumentarisch berichtet Krummacher von diesem mühevollen Verschwinden, vom Wunsch, es möge doch endlich vorbei sein, und der gleichzeitigen Angst vor genau diesem Moment. Hier in diesem Hospizzimmer mit der abblätternden weinroten Wandfarbe und dem leuchtblauen Sessel wird es passieren, wiederholt Juliane immer wieder. Kerstins Welt ist auf diesen Raum zusammengeschrumpft.

Die Reduktion eines Menschen auf seine Körperfunktionen ist skurril und traurig zugleich

So nah sich Mutter und Tochter im Leben waren, so schwer ist es für die beiden, dass sie das Sterben nicht teilen können, egal wie fürsorglich Juliane auch ist. Immer wieder liegt sie neben der ausdruckslosen Mutter im Bett, liest ihr aus dem Briefwechsel zwischen Helene Weigel und Bert Brecht vor und versucht, sich mit dem Gefühl der Trennung vertraut zu machen. "Starke Langeweile / 90% Nikotin / 10% Grammophon / offensichtlicher Mangel / an Bädern" liest sie vor und merkt gar nicht, dass sie sich auch nur noch von Zigaretten, Automatenbier und Chips ernährt. Wo geht angespanntes Warten in Langeweile über? Juliane und Kerstin sitzen diesen Widerspruch miteinander aus.

Alte Bekannte kommen vorbei und erzählen von früher. "Ich rede so viel, damit es nicht so still ist, damit wir nicht so viel denken müssen", gibt Kerstins Freundin Christa zu und erinnert sich an die vielen gemeinsamen Reisen. Von zu viel Ouzo im Griechenlandurlaub und einer Lebensmittelvergiftung in der Pension mit dem Gemeinschaftsklo. Plötzlich sprudelt ein Lachen aus der sonst lethargischen Kerstin heraus, wird jedoch bald zu bitterlichem Weinen. Die Reduktion eines Menschen auf seine Körperfunktionen, sie ist skurril und traurig zugleich und lässt die Frage zurück, was letztlich von einer Person bleibt.

Alltäglichkeiten wie ein Kaffeekränzchen oder das gemeinsame Abendessen gönnt Juliane sich nur kurz, sie wirken plötzlich fremd und deplatziert. Ein Himbeerkuchen, den Kerstins Freundin Birgit gemacht hat, um sich in kleiner Runde an gemeinsame Erlebnisse zu erinnern, bleibt letztlich unangerührt zurück. An solch vertrauten Fremdkörpern bleibt Krummachers Blick hängen. Sie zeugen vom plötzlichen Perspektivwechsel, den ein Sterben bewirkt. Jenseits der Sprachlosigkeit findet sie indirekte Dokumente für die physischen und emotionalen Verwerfungen aller Beteiligten, die viel länger nachhallen als jede Worthülse - leise und deshalb so radikal.

Zum Tod meiner Mutter, Deutschland 2021 - Drehbuch und Regie: Jessica Krummacher. Kamera: Gerald Kerkletz. Mit: Birte Schnöink, Elsie de Brauw, Susanne Bredehöft, Christian Löber. Grandfilm, 134 Minuten.

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