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Zum Tod des Sängers Dietrich Fischer-Dieskau:Der Wundermann

Vier Sänger überstrahlen das 20. Jahrhundert: Enrico Caruso, Maria Callas, Plácido Domingo - und Dietrich Fischer-Dieskau. Sein Ruhm als Liedinterpret ist kaum zu übertreffen, doch auch als Opernsänger hat er unermesslich viel geleistet. Nun ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.

Jens Malte-Fischer

"Wir sollten als gute Interpreten nur Nachschöpfer sein. Man bringt Stücke zum Leben, indem man sie klingend macht." Es gibt Interpreten, die sind nur oder kaum Nachschöpfer und es gibt solche, die "nur" Nach-Schöpfer sind. Nie hat sich Dietrich Fischer-Dieskau, der am Freitag kurz vor seinem 87. Geburtstag starb, über den Komponisten erhoben, aber sein Selbstbewusstsein war enorm, so groß, dass es bis heute, gerade in den sogenannten Kollegenkreisen, auch gewisse Animositäten gegen ihn gibt.

FISCHER DIESKAU FRANKFURTER MUSIKPREIS

Dietrich Fischer-Dieskau hat eine Jahrhundertkarriere gemacht. Zieht man ein arithmetisches Mittel aus Leistung, Ruhm und discografische Hinterlassenschaft, wird man für das 20. Jahrhundert vier Sänger nennen können, die alles andere überstrahlen: Enrico Caruso, Maria Callas, Dietrich Fischer-Dieskau und Plácido Domingo. Was die aufgenommenen Schallplatten betrifft, so dürfte der Bariton die Kollegen deutlich überragen.

(Foto: AP)

Ein Künstler von diesem Format wirft Schatten, er verdunkelt andere, wieder andere fühlen sich beschattet, verschattet, aber wie hätte sich ein Sänger wie Fischer-Dieskau kleiner machen können, als er war, um anderen den Vortritt zu lassen? Das kann man sich nicht vorstellen und auch nicht fordern.

Eine Jahrhundertkarriere war dies ohne Zweifel. Man wird, zieht man ein arithmetisches Mittel aus Leistung, Ruhm und discografische Hinterlassenschaft, für das 20. Jahrhundert vier Sänger nennen können, die alles andere überstrahlen: Enrico Caruso, Maria Callas, Dietrich Fischer-Dieskau und Plácido Domingo.

Was die aufgenommenen Schallplatten betrifft, so dürfte der Bariton die Kollegen deutlich überragen, die sich nahezu ausschließlich auf die Oper konzentrierten, während er den Löwenanteil seiner Aufnahmen im Bereich des Liedes und der Konzertmusik einspielte, daneben aber weit mehr Opern auf der Bühne sang und aufnahm, als dies dem flüchtigen Blick von heute klar ist.

Und so ist, da der Ruhm Fischer-Dieskaus als Liedinterpret weltweit nicht erschütterbar ist, es besonders wichtig, darauf hinzuweisen, was er alles als Opernsänger geleistet hat. In beliebiger Reihung und nicht vollständig sind das: Posa, Wolfram, Almaviva, Jochanaan und Morone in Pfitzners "Palestrina", Don Giovanni, Busonis Faust, Wozzeck, Falstaff und Renato, Mandryka, Mathis der Maler, Onegin, Amfortas, Mittenhofer (in Henzes "Elegie für junge Liebende"), Barak ("Frau ohne Schatten"), Verdis Macbeth, Danton (Einem), Cardillac, Germont, "Rheingold"-Wotan, Alfonso in "Così", Hans Sachs, Reimanns Lear, Amonasro. Und da sind die nur im Studio aufgenommenen oder konzertant gesungenen Rollen noch nicht mitgerechnet: Scarpia, Rigoletto, Borromeo , Messiaens Franziskus, Jago . . . hier muss die Aufzählung abbrechen.

Souveräne Einheitlichkeit des Niveaus

Noch umfassender das Liedrepertoire. Kein Mensch würde es heute mehr wagen, das (nahezu) gesamte Liedschaffen Franz Schuberts mit einem Sänger aufzunehmen. Es gibt zwei neuere Gesamtaufnahmen, beide mit einer Fülle von diversen Sängern - was Vorteile hat, aber auch den Nachteil der manchmal deutlich auseinanderklaffenden Qualität. Die souveräne Einheitlichkeit des Niveaus in Fischer-Dieskaus und Gerald Moores klassischer Einspielung wird Legende bleiben.

Und er hat ja nicht nur die Säulen des Liedrepertoires interpretiert und das in aller Breite und Tiefe, sondern sich auch beispielsweise für Othmar Schoeck, den Schweizer Meister, eingesetzt, der es wahrlich verdiente, in einem Atem mit den Größten genannt zu werden. Wenn er heute überhaupt noch gelegentlich aufgeführt und aufgenommen wird, dann doch wohl nur, weil jüngere Interpreten durch Fischer-Dieskau daraufgekommen sind, dass es da einen Schatz zu heben gilt.

Begonnen hatte Alles in einem ungeheizten Studio des Berliner RIAS beim Jahreswechsel 1947 / 48, als ein sehr junger Mann, kaum über Zwanzig, die Schubert'sche "Winterreise" aufnimmt, die er noch während des Krieges bereits vor Publikum gesungen hatte. Der Krieg ging an dem spät Einberufenen einigermaßen glimpflich vorüber.

Stupende Frühreife

Georg A. Walter und Hermann Weissenborn waren seine Lehrer gewesen, die die eklatanten ursprünglichen Anlagen eines sängerischen Wunderknaben, einer stupenden Frühreife, in die richtigen Bahnen lenkten. Sein erster Bühnenauftritt ist wie die erste "Winterreise" auch erhalten: Er singt an der Städtischen Oper seiner Heimatstadt Berlin den Posa in Verdis "Don Carlos" im November 1948, also mit 23 Jahren, und man darf feststellen, dass dies der jüngste Posa ist, der je aufgezeichnet wurde - und gleichzeitig einer der besten.

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