Zum Tod des Regisseurs Abbas Kiarostami Ein großes Kapitel des Kinos geht zu Ende

Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami konnte wie kein anderer Alltagsszenen einfangen und in ihnen das Universelle sehen. Zum Tod eines Weisen des Kinos.

Nachruf von Tobias Kniebe

Wieder geht ein großes Kapitel des Kinos zu Ende. Und wie immer, wenn so eine traurige Nachricht kommt, denkt man zurück - an die Welt des Films, wie sie einmal war und nicht mehr ist. Es kommt einem wie gestern vor, und zugleich muss man einsehen, dass die Zeit vorangeschritten ist, mit einer Unerbittlichkeit, die man ihr dann doch nicht zugetraut hätte.

Der Moment, in dem das Werk des iranischen Filmemachers Abbas Kiarostami im Westen richtig sichtbar wird, ist so lange nun auch wieder nicht her. Das war 1989 beim Festival von Locarno. Dort lief sein Film "Wo ist das Haus meines Freundes?". Kiarostami, 1940 in Teheran geboren, ging damals schon scharf auf die fünfzig zu. Unter den Cinephilen der Welt aber war fast auf Anhieb klar: Hier ist einer der bedeutendsten Filmemacher seiner Zeit hervorgetreten, nach einer langen Phase der Arbeit fast im Verborgenen.

Große Filmemacher waren seine Fans, Kurosawa, Tarantino und Godard

Ein achtjähriger Junge in einer Dorfschule hat aus Versehen das Schulheft seines Klassenkameraden eingesteckt, er versucht es ihm wiederzubringen, bevor dem anderen am nächsten Tag eine Strafe droht - das ist die ganze Idee des Films, und eigentlich auch der ganze Plot: Wie dieser kleine Held insistiert, von Sorge getrieben, die Augenbrauen zwei bange Fragezeichen unter seinem drolligen Topfhaarschnitt, und dann wirklich losmarschiert ins Nachbardorf, in eine fremde Welt . . .

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Abbas Kiarostamis Kamera begleitet diese Mission mit einer Ruhe, als gäbe es nichts Wichtigeres im Universum - und genau das war der Anspruch: dass auch im hinterletzten Dorf jeden Tag Geschichten passieren, die alle Facetten des Menschlichen umfassen, alle Erkenntnis, alle Freude, alles Leid. Allein die erste Einstellung! Der Wind bewegt die abgewetzte Dorfschultür sanft hin und her, während dahinter aufgeregte Kinderstimmen durcheinanderschnattern, mehr als eine Minute lang. Wer da nicht auf den Weg der Geduld, der Kontemplation und Entschleunigung zurückgeführt wird, der ist für ein bestimmtes Kino verloren - wie wohl die meisten heute.

Anfang der Neunzigerjahre aber war das noch nicht so, da gab es auch im Publikum noch den Wunsch, so gefordert zu werden - und bei den Cineasten sowieso. Bald wurde Kiarostami in den Pantheon der Allergrößten erhoben, nicht zuletzt von Kollegen, die schon dort waren. "Als Satyajit Ray starb", schrieb Akira Kurosawa, "war ich sehr traurig. Doch dann habe ich die Filme von Kiarostami gesehen, und ich dachte, dass Gott uns den richtigen Mann gesandt hat, um ihn zu ersetzen." Quentin Tarantino bekannte sich als Fan, und Jean-Luc Godard bemerkte: "Das Kino beginnt mit D. W. Griffith und endet mit Abbas Kiarostami." Was auch bedeutet, dass mit diesem Tod nun wirklich mehr zu Ende geht als ein erfülltes Künstlerleben.