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Zum Tod des King of Pop:Wie Michael Jackson den Videoclip erfand

Erst atemlose Anspannung, dann reine Euphorie: Die Kunst des Videos, kaum erfunden, hatte mit "Thriller" auch schon ihren Zenit erreicht.

T. Kniebe

Im Dezember 1982 - das ist das Datum, das in allen Geschichtsbüchern steht - kann es schon mal nicht gewesen sein. Denn damals waren wir selbst für die billige Kellerdisco, die an einer Ausfallstraße am Rand des Stuttgarter Talkessels lag, noch etwas zu jung. Aber Zeit wurde damals unter Teenagern auch anders gemessen: Twitter, Youtube und ein weltweites Netz des Informationsaustauschs existierten nicht einmal als verrückte Idee, und selbst von MTV, das seit August 1981 in den USA auf Sendung war, ahnten wir nichts.

Die eigenwillige Schönheit dieses noch nicht zur Maske erbleichten Gesichts: Michael Jackson in "Thriller".

(Foto: Screenshot: youtube)

Es war einmal in den frühen Achtzigern, muss man also sagen, als in der dampfenden Hitze einer Disconacht, irgendwo zwischen "Relight My Fire" und "Born to Be Alive", plötzlich die Musik aussetzte, als habe der DJ einen Fehler gemacht. Pfiffe, Rufe, kurze Konfusion. Dann aber flackerte an der Wand das Bild eines sehr frühen Videobeamers auf, und plötzlich saß da ein hübsches schwarzes Pärchen im Kino, offensichtlich in einem Horrorfilm, und die Zähne des Jungen leuchteten weiß in der Dunkelheit, während er Popcorn aß, und dann wurde es dem Mädchen zu gruselig und es floh nach draußen, begleitet von einem höhnischen gutturalen Lachen - und es dauerte tatsächlich bis zu den ersten, unverkennbaren, unsterblichen Monsterbasstakten aus den Lautsprechern, bis wir "Thriller" erkannten. Sollte dieser Song seinen eigenen, haarsträubend perfekten Film haben?

Prophet einer neuen Zeit

Die ganze epochemachende Idee des Videoclips traf uns, tatsächlich erst in diesem Moment, mit voller Wucht direkt in den Bauch. Das war soviel mehr als Musik! Das ging soviel tiefer als Kino! Und der Junge, der da ganz in Rot nun plötzlich durch die nächtlichen Nebelschwaden flog, der sein Mädchen umtänzelte und dabei seinen Song sang - er war der Prophet einer neuen, unfassbar aufregenden Zeit.

Heute kann man analysieren, was da passiert ist: Dass da ein noch ganz junges Ausdrucksmittel auf einen Künstler traf, dessen Intuition die künftige Macht dieses Mediums schon vollständig erfasst hatte. Dass da ein musikalisches Genie sich mit einer Imagination verband, die nicht auf Beats und Melodien zu beschränken war: Tanzschritte, Bewegungen, Charaktere und Bildwelten gehörten bereits untrennbar dazu, waren vollständig in Michael Jacksons Kopf vorhanden, bevor der aufwendige Prozess begann, daraus ein Gesamtkunstwerk zu schaffen.

Bei dem Film "American Werewolf in London" hatte es bereits Klick gemacht, deshalb durfte der Regisseur kein anderer als John Landis sein; die Stimme von Vincent Price kam direkt aus fröhlich durchgruselten Fernsehabenden; der Friedhof im blauen Gegenlicht, die Zombies, die aus ihren Gräbern hervorkrochen - das alles verband sich dann aber so perfekt mit der Musik, dass etwas Größeres entstand. In dem Moment, als Michael Jackson schließlich die Seiten wechselte und zum Anführer des Zombieballetts wurde, schlug die atemlose Anspannung in unserer Kellerdisco in reine Euphorie um. Wer Jackson wirklich einmal für einige Jahre als "King of Pop" verehrt hat, kann sicherlich auf ein ähnliches audiovisuelles Erweckungserlebnis zurückblicken.

Das Lächeln des Königs

Dass wir den Film damals gar nicht in seiner vollen Länge gesehen haben, erfuhren wir dann erst viel später - auch so sprengte das Erlebnis jeden Rahmen. Die Kunst des Videos, kaum erfunden, hatte in diesem Moment auch bereits ihren Zenit erreicht - laut Guinness-Buch der Rekorde ist "Thriller" bis heute der erfolgreichste aller Videoclips geblieben.

Daran änderten in den Folgejahren dann auch Jacksons fulminante Anstrengungen nichts, sich selbst noch einmal zu überbieten. "Bad", das waren 18 Minuten, von niemand Geringerem als Martin Scorsese inszeniert, in denen er seinen Tanzstil zunehmend sexualisierte; "Smooth Criminal" zeigte einen weiteren seiner Versuche, die Schwerkraft zu überwinden - mit Methoden, die er sich sogar patentieren ließ. "Black or White" wurde 1991 in 27 Ländern gleichzeitig erstausgestrahlt, für ein geschätztes Publikum von 500 Millionen Menschen - genauso ein Rekord wie die sieben Millionen Dollar, die der Regisseur Mark Romanek schließlich für "Scream" ausgeben durfte.

Doch die unschuldige Power der Jugend in "Thriller", diese fast kindliche Freude am Geschichtenerzählen, die eigenwillige Schönheit dieses noch nicht zur Maske erbleichten Gesichts - das alles sollte unerreicht bleiben. Als der Clip vorbei war, damals in unserer Vorstadtdisco, fühlten wir uns unfähig, weiter zu tanzen. Erschüttert wankten wir in die Nacht hinaus - und das letzte Lächeln des neuen Königs, fröhlich und diabolisch zugleich, verfolgte uns bis in unsere Träume.

© SZ vom 27.06.2009/kar
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