Soulsängerin Amy Winehouse Der öffentliche Tod einer großen Stimme

Sie wollte nicht in die Entzugsklinik, bloß nicht, nein. Daraus machte Amy Winehouse ihren größten Hit - und prophezeite zugleich ihr Ende. Die britische Sängerin war die prägende Stimme des weißen Neo-Souls. Für ihre Wildheit suchte sie sich Ventile. In gesünderen Tagen war das die Musik.

Ein Nachruf von Michael König

Die letzte Nachricht stammt vom 23. Juni. Amy Winehouse sage alle Auftritte ab, hieß es auf ihrer Website. Ihr werde "so viel Zeit gegeben wie nötig", damit sie wieder ihr Bestes geben könne. Genau einen Monat später war die Seite am Abend nicht mehr zu erreichen. Der Server hielt offenbar dem Ansturm nicht stand.

Amy Winehouse galt vielen als die beste zeitgenössische Soulsängerin.

(Foto: AFP)

Britische Medien berichteten, dass das stürmische Leben der Amy Winehouse in ihrer Wohnung im Norden Londons ein Ende gefunden habe.

Das zweite Kind eines Taxifahrers und einer Apothekerin aus London war bekannt für ihre ironische Art, viel bekannter jedoch durch ihre Eskapaden. So war es nur konsequent, dass der Höhepunkt ihres Schaffens letzten Endes eine sich selbst erfüllende Prophezeiung war. "They tried to make me go to Rehab / I said 'No, no, no'", sang Amy Winehouse im Jahr 2006. Ein eingängiger, fröhlicher Song, in dem sie jene Menschen veralberte, die sie in eine Drogenentzugsklinik einweisen wollte. Es war ihr größter Hit.

Für das zugehörige Album "Back to Black" erhielt sie fünf Grammys. Es landete in Großbritannien und Deutschland auf Platz eins der Charts. In den USA reichte es zu Platz zwei. Dort war vermutlich ein Gangsterrapper mit Drogendealer-Vergangenheit erfolgreicher. Amy Winehouse könnte zu seinen Kunden gehört haben. Zu seinen besten, womöglich.

In der "Rehab" war Winehouse mehr als einmal. Institutionen mit klaren Regeln sollen nicht ihr Ding gewesen sein. Ihre Biographen merken an, sie habe schon in der Schule Probleme gehabt. Sie sei von der Silvia-Young-Schauspielschule geflogen und habe auch auf einer Mädchenschule im Süden Londons Probleme gehabt. Als Grund nennt das renommierte Biographie-Archiv Munzinger in seiner unbestechlich nüchternen Art: "W. war wild." Die Fans liebten sie dafür. Ihr Körper weniger.

Winehouse suchte sich Ventile für ihre Wildheit. In gesünderen Tagen war das die Musik. 2003 veröffentlichte sie ihr erstes Album "Frank", das ein Jahr später in Deutschland erschien und in den Feuilletons teils hymnisch gelobt wurde. Der Titel "Stronger Than Me" brachte ihr den "Ivor Novello Award" in der Kategorie "Best Contemporary Song" ein. Das Album wurde zudem für zwei Brit Awards nominiert.

Im Oktober folgte "Back to Black". Spätestens jetzt war Winehouse die eindrucksvollste Stimme des zeitgemäßen weißen Neo-Souls. Und mehr: Lady Gaga soll sich bei ihr bedankt haben, weil sie dafür gesorgt habe, dass schräge Mädchen wie sie mit gut aussehenden Jungs ausgehen können. Die Britin Adele, im Jahr 2011 mit ihrer Hit-Single "Rolling in the Deep" Winehouses legitime Nachfolgerin in der Ohrwurm-Kategorie, bescheinigte Amy, ihr den Sprung in die USA erleichtert zu haben.

Eine exzessive Ader

Der Erfolg war so groß, dass die "Entzugserscheinungen", die das Management bis 2007 regelmäßig vermeldete, zunächst keinen Argwohn hervorriefen. Dann mehrten sich die Anzeichen, dass "Rehab" verdammt ernst gemeint war.

Am 18. Mai 2007 heiratete Winehouse ihren Verlobten Blake Fielder-Civil, einen Filmschaffenden mit ganz ähnlicher Lebensweise. Auf die Flitterwochen folgte ein mehrtägiger, eigentlich länger avisierter Drogenentzug. Dann ging Fielder-Civil ins Gefängnis, und seine Gattin, die sich "Blake's" als Tattoo über ihr Herz hatte stechen lassen, brach ihre Tournee ab. Aufgrund emotionaler Erschöpfung, auf ärztliche Anweisung. Vielleicht auch wegen Heroin oder Alkohol. So genau war das schon damals nicht mehr zu trennen.

"Meine exzessive Ader ermöglicht es mir, ungefiltert auf die Songs zuzugehen", hat Winehouse einmal gesagt. Was sie sich durch jene Ader verbaute, wollte sie sich offenbar nicht eingestehen.

Ihr Verfall ist gut dokumentiert. Es brauchte nicht erst den News-of-the-World-Skandal, um die Skrupellosigkeit englischer Klatschreporter offenzulegen. Amy in Jeans und Büstenhalter barfuß auf der Straße, Amy beim Crack-Konsum, Amy mit schlechten Zähnen oder einer neuen, scheusslichen Haarfarbe. Eines Tages, so wird berichtet, soll die Künstlerin die Paparazzi vor ihrem Haus mit Keksen und Tee versorgt haben. Und weil sie schon dabei war, habe sie gefragt, ob die Fotografen ihren Tee lieber mit oder ohne Zucker trinken würden.

Zuletzt war dann nur mehr Verfall. Das Angebot, den Titelsong zum letzten James-Bond-Film zu singen (an der Seite von Jack White von den damals noch existenten White Stripes), musste Winehouse absagen, ebenso wie etliche Konzerte. Und wenn sie doch auf die Bühne ging, dann endete das so wie im Juni 2011 in Belgrad: Die Winehouse, torkelnd, lallend, orientierungslos. Gefilmt von Handy-Kameras, millionenfach bei Youtube begafft und schadenfroh kommentiert.

Das Ende war da schon etwas mehr als eine böse Vorahnung. Die Musik-Legenden Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain sind im Alter von 27 Jahren gestorben. Amy Winehouse hat sich am 23. Juli 2011 diesem Klub angeschlossen. Diese ironische Sichtweise hätte ihr vermutlich gefallen. Ihren Hinterbliebenen hatte sie schon 2006 empfohlen: "I'm gonna, I'm gonna lose my baby / So I always keep a bottle near."

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