Zum Tod der Fotografin Sibylle Bergemann Aufmüpfige Grazien

Eine noch unschuldig wirkende Nina Hagen und nur scheinbar sozialistische Schönheiten: Die große Fotografin Sibylle Bergemann inszenierte poetische Ironie jenseits der DDR-Zensur.

Von Nadine Barth

Zuletzt glich Sibylle Bergemann einem Schatten auf ihren Fotografien, einer auratisch aufgeladenen Ahnung, dass da mehr ist, dass es da eine Tiefe gibt, die das Zweidimensionale eines Printabzuges sprengt.

Die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann auf einem undatierten Selbstporträt. Die 69-Jährige erlag in der Nacht zum Dienstag einem Krebsleiden.

(Foto: dpa)

Sie war eine zarte Person, eine genaue Beobachterin, zurückhaltend, kritisch, sensibel. Sie schuf Ikonen der DDR-Bilderwelt: eine Katharina Thalbach, 1974, mit durchdringendem Blick, Zigarette in der Hand; eine noch sehr unschuldig wirkende Nina Hagen mit ihrer Mutter Eva Maria, 1976, beide mit nackten Schultern; die an einem Kran baumelnde Friedrich-Engels-Skulptur, 1986, die 2009 für das Plakat zur Ausstellung "The Art of two Germanys" des LACMA, Los Angeles, verwendet wurde.

Und da wären auch die unzähligen Modeaufnahmen, die sie für das Magazin Sibylle machte, die aufmüpfigen Grazien am Strandkorb in Sellin an der Ostsee oder die beiden jungen Frauen, die Hand in Hand durch den Lustgarten laufen, und ihre langen Haare wehen ihnen hinterher. Unbeschwert möchte man meinen, dem sozialistischen Alltag treu folgend, doch Sibylle Bergemann war mitnichten ein Fan der rigiden DDR-Kulturpolitik und setzte der gängigen Bildsprache eine poetische Ironie entgegen, die sich jenseits von der Zensur bewegte.

Als in diesem Jahr zum zwanzigsten Jubiläum der Agentur Ostkreuz, die sie nach der Wende mitbegründet hatte, eine Gemeinschaftsausstellung zum Thema "Die Stadt. Vom Werden und Vergehen" anstand, begann sie, die längst auch in Farbe arbeitete, für Geo oder den Stern, und etwa mit ihrer Serie über behinderte Schauspieler Furore gemacht hatte, Berlin noch einmal zu fotografieren: in Schwarzweiß.

Neben jungen Frauen in Kleidern in einem Berliner Draußen stellte sie den Blick durch die Vorhänge aus ihrer Wohnung am Schiffbauerdamm, die sie 2004 nach 28 Jahren verlassen musste.

In der Nacht zu Dienstag erlag Sibylle Bergemann, geboren 1941, verheiratet mit Arno Fischer, in ihrem Haus am Gransee einem Krebsleiden. 1551 Fotos zählt die Agentur Ostkreuz in ihrem Archiv. Das erste zeigt einen schwarzgekleideten Mann auf dem Dach. Er trägt Engelsflügel und hält ein Licht in der Hand.

Dann mache ich mein Bild, sonst nichts

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