Zum Literatur-Nobelpreis Schädliches Geplapper

Die diesjährige Vergabe des Nobelpreises für Literatur ist eindeutig ein Versuch der Schadensbegrenzung. Nobel-Juror Horace Engdahl hatte gegen die US-Literatur gewettert.

Ein Kommentar von Thomas Steinfeld

In der vergangenen Woche tat Horace Engdahl, der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, etwas sehr Unkluges: Im Gespräch mit einer amerikanischen Nachrichtenagentur erklärte er, dass Europa das Zentrum der literarischen Welt sei - nicht die Vereinigten Staaten.

Harsche Kritik: Jury-Mitglied Horace Engdahl.

(Foto: Foto: dpa)

Die USA seien zu isoliert, zu inselhaft. Sie übersetzten "nicht genug" und nähmen "nicht wirklich Teil am großen Dialog der Literatur". Ein Sturm der Entrüstung folgte, nicht nur bei amerikanischen Schriftstellern, Kritikern und Buchverlegern, sondern auch bei deren europäischen Kollegen.

Denn abgesehen davon, dass Horace Engdahl von Amts wegen zu Neutralität und Diskretion verpflichtet ist: Er verwechselt auch Literatur und Literaturbetrieb, denn jene kann entstehen, wo und wie sie will, während der Literaturbetrieb tatsächlich auf das Gerede verpflichtet ist.

Man weiß nicht, in welchem Maße die Entscheidung, den diesjährigen Nobelpreis für Literatur an Jean-Marie Gustave Le Clézio zu verleihen, vom Geplapper des Ständigen Sekretärs beeinflusst wurde. Doch dass hier der Versuch einer Schadensbegrenzung betrieben wird, ist offensichtlich.

Nicht, weil Le Clézio ein schlechter Schriftsteller wäre. Nein, er ist zumindest interessant. Sondern weil ein Preisträger wie er die einzige Möglichkeit darstellt, den Ständigen Sekretär zu korrigieren, ohne ihn zu beschädigen: durch einen Europäer, der aus Afrika stammt, über Afrika schreibt und die meiste Zeit in den Vereinigten Staaten lebt - wenn er nicht die ganze Welt bereist.

Und doch hat diese Entscheidung einen Preis: Sie lässt die Entscheidung als Kalkül, als diplomatischen Kompromiss erscheinen und beschädigt so die Auszeichnung selber.