Zum Auftakt der documenta Sado-Maso in Kassel

Die Webseite der documenta zeigt manchmal nur einen Videofilm: Eine Art Werbetrailer für Bondage-Pornos. Wollen uns die Macher der bedeutenden Weltkunstschau schon mal heiß machen? Auf Kunst? Oder doch nur zeigen, wie man mit Youtube-Videos Zuschauer fesselt?

Von Holger Liebs

Die Documenta arbeitet jetzt mit einem Juweliergeschäft in der Münchner Kaufingerstraße zusammen. Naja, vielleicht nicht ganz, aber die Blumenmotive, mit denen hier wie dort geworben wird, ähneln sich doch frappant. Jedenfalls entgrenzt man in Kassel den Kunstbegriff so stetig wie unverdrossen: Nun wird also auf der Wilhelmshöhe Reis angebaut (SZ vom 9. Mai). Das trifft sich, denn die 1001 Chinesen, die der Künstler Ai Wei Wei mitbringt, werden sicher Hunger haben.

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Die Documenta-Macher hingegen werden sich nicht wundern, wenn es jetzt etwas populistischer zugeht in der Vorab-Berichterstattung: Sie tragen zur Generierung solcher Schlagzeilen bei. Ihnen liegt an möglichst viel Öffentlichkeit, an einer neuen, ein wenig idealistischen Form gemeinschaftlichen Kunsterlebens - um den Preis, dass man es dann doch recht lustig findet, wenn die mit defekter Kamera geschossenen floralen Werbemotive darauf hinweisen sollen, "dass wir das Sichtbare nur durch einen Schirm kulturell vermittelter Bilder wahrnehmen" (Roger M. Buergel). Aber schön sind sie schon, die Fotos.

Am Dienstagnachmittag nun war auf www.documenta.de auf einmal nichts mehr zu finden außer einem Video, versehen mit Youtube-Siegel, das als Trailer einer Documenta-Arbeit der Künstlerin und Theoretikerin Hito Steyerl kenntlich wurde. Steyerl, bekannt durch wichtige Thesen und Arbeiten im Bereich dokumentarischer Videos, hat in ihrer Jugendzeit, so lautet der Plot des Zwei-Minuten-Films, in Tokio als Bondage-Fotomodell gearbeitet und sucht nun vor Ort nach ihren Aufnahmen, dabei Experten konsultierend, die die japanischen Fesselungstechniken zum Zwecke erotischer Stimulanz zum globalen Phänomen aufblenden: Man sieht auch Aufnahmen gefesselter Häftlinge in Guantanamo, und am Ende des Videos geht es um den Netze webenden Spider-Man, wobei auch eine aus dem Film "Spider-Man 1" herausgeschnittene Szene zu sehen ist: Dort hängt ein Hubschrauber im Spinnennetz zwischen den noch intakten Twin Towers.

Der Trailer an sich ist also schon spektakulär genug - das eigentlich Interessante daran ist aber die Frage: Wurde die Documenta-Website gehackt? Am Dienstag Abend war das Video wieder verschwunden, am Mittwoch jedoch erneut für kurze Zeit zu sehen. Aus Kassel hieß es, man wisse auch nicht, wo es herkomme, und bemühe sich, es wieder zu entfernen. Die Arbeit Steyerls werde aber tatsächlich in Kassel zu sehen sein.

Wurde die Website tatsächlich gehackt, darf sich die Documenta der Nobilitierung durch die Web 2.0-Gemeinde rühmen - und kann sich der Aufmerksamkeit einer neuen Klientel sicher sein. Doch wer sollte dieses Video ins Netz stellen können, wenn nicht die Macher selbst, vielleicht mit Einverständnis der Künstlerin? Dann hätte die Documenta einen recht kurzatmigen Hype geschaffen - die Webgemeinde hat es nicht so gern, wenn ihre Guerilla-Taktiken von den großen Playern nachgeahmt werden.

Am Ende könnte man in Kassel die Aktion schlicht als "Fake" deklarieren, als Spiel mit den Mechanismen der Aufmerksamkeitserzeugung. Damit wäre man in Sachen künstlerischer Selbstdarstellung auf der sicheren Seite. Bleibt nur die Frage, ob man tatsächlich, und das nicht nur bei unbedarfteren Gemütern, den Eindruck erzeugen wollte, bei der bedeutenden Weltkunstschau gehe es vor allem um Bondage-Pornos.

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