Zum 80. Geburtstag von Peter Härtling:Mit den eigenen Augen

Peter Härtling wird 80

Peter Härtling will seine eigene Weltwahrnehmung an jungen Lesern überprüfen.

(Foto: dpa)

Für die Vision eines besseren Lebens braucht es kein Happy End: Peter Härtling war erfolgreich mit Lyrik, Romanen, Essays, bevor er begann, realistische Geschichten für Kinder zu schreiben - nun wird er 80.

Von Roswitha Budeus-Budde

"Wut war es", antwortet Peter Härtling auf die Frage, warum er als erfolgreicher Belletrist, Lyriker und Essayist sich vor vierzig Jahren auch jungen Lesern zuwandte. Wut, die er empfand, als er mit seinen Kindern Bücher las. "Die haben mich so erzürnt, eine Kinderliteratur, von Hanni und Nanni durchzogen, von Pferdebüchern für Mädchen. Da habe ich mich gefragt, warum wird nicht von Kindern erzählt, wie ich sie kenne?"

Er traf mit seiner Kritik den Nerv der Zeit, damals herrschte Aufbruchstimmung in der Kinder- und Jugendliteratur, die antiautoritäre Erziehung machte den Weg frei, um den jungen Lesern aus ihrer eigenen Welt, aus dem Alltag mit seinen Konflikten zu erzählen. "Eine Welt, in denen keine auf Kindergröße geschrumpften Erwachsenen ihr Unwesen trieben und die die Kinder nicht ausschloss."

Hans Joachim Gelberg war es, der ihn ermunterte, "ihm auf die Sprünge half", so erschien 1973 "Der Hirbel", die Erzählung über einen besonderen Jungen, für den es in unserer Welt keinen Platz gibt. Von dessen Schicksal erfuhr Peter Härtling von seiner Frau, die das Kind in einem Stuttgarter Kinderheim kennengelernt hatte.

Bis heute sind es solche Beobachtungen und Erlebnisse, die den literarischen Stoff seines inzwischen auf zwanzig Titel angewachsenen Kinderbuch-Œuvres ausmachen.

Peter Härtling erzählt Geschichten, die er im realen Kinderleben, in seiner Umgebung entdeckt, erzählt von Fränze, die, als der Vater arbeitslos wird, mit aller Kraft versucht, den Zerfall ihrer Familie aufzuhalten, oder von Kalle, der nach dem Tod der Eltern von seiner Großmutter aufgenommen wird - für "Oma" erhielt Härtling 1976 den Jugendliteraturpreis.

Inzwischen zählen die wichtigsten Härtling-Titel zur Schullektüre. Zu den Lieblingsbüchern der Leser gehört neben dem "Hirbel" der Kinderroman "Ben liebt Anna", über die berührende Seelenlage zweier Neunjähriger, die ihre Gefühle zueinander entdecken. Dass sie am Schluss getrennt werden, weil Anna aus Polen wegzieht, können manche Leser nicht verkraften.

Sie schreiben Peter Härtling Briefe mit Textvorschlägen, wollen seine Weigerung nicht akzeptieren, ein Happy End - anscheinend ehernes Gesetz der Kinderliteratur - anzuhängen. Schon als der "Hirbel" erschien, wurde Härtling vorgeworfen, dass er den Jungen am Schluss allein lässt in seinem Elend. Dabei ist es gerade dieses schwierige Ende, das jungen Leser die Vision eines besseren Lebens vor Augen führt - als ob Peter Härtling in ihnen die Kraft des Widerstands mithilfe der Phantasie wecken würde. "Erzählte Konflikte können sogar in ihrer ärgsten Ausweglosigkeit eine Lösung ahnen lassen, durch das Echo im Leser."

Auf die Frage, was sich in der Gesellschaft seit seinem ersten Kinderbuch verändert hat, antwortet Peter Härtling eher resignativ: "Damals hatten Eltern die Erwartung, dass die Kinder frei aufwachsen, sich wehren lernen. Das war sicher nicht ganz richtig, aber es hat vieles bewirkt bei den Kindern, die heute Erwachsene sind.

Das Ergebnis dieser Erziehung stimmt mich sehr nachdenklich, denn was wir den Kindern mitgegeben haben, an Eigensinn, an Eigenwuchs, hat sich in dieser kapitalistischen Welt verfestigt als Egoismus."

Immer wieder motiviert sich Peter Härtling neu, schreibt in seinen aktuellen Büchern darüber, wie die Kinder dieser Elterngeneration in der heutigen Welt bestehen können - "Paul das Hauskind" zum Beispiel, der von den Nachbarn aufgefangen wird, als die Eltern ausfallen. Härtling bringt auch seine persönlichen Erlebnisse ein, wie vor Jahren in "Krücke", in dem es um seine Odyssee am Ende des Krieges geht, und dann in seinem im Herbst erschienenen Kinderroman "Hallo Opa, Liebe Mirjam".

Mit diesem Buch löst er ein, was er vor Jahren prognostizierte: "Wenn ich mich der Generation der Enkel nähere, kann mich nichts aufhalten, meine Wirklichkeit an ihnen zu prüfen." In diesem Mail-Roman korrespondiert Härtlings Alter ego mit seiner Enkelin: "Der Unterschied in der Verrücktheit von vierzehnjährigen Mädchen und beinahe achtzigjährigen Männern ist, dass die Mädchen an ihr leiden und die alten Männer sich an ihr vergnügen." Möge dieses Vergnügen Peter Härtling, der an diesem Mittwoch achtzig wird, weiterhin erhalten bleiben.

© SZ vom 13.11.2013
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