bedeckt München 22°
vgwortpixel

Zum 50. Geburtstag von Monty Python :Witzkrieg

Python Monty Pictures Ltd DR PATAQUESSE LA PREMIERE FOLIE DES MONTHY PYTHON AND NOW FOR SOM

Monty Python 1971 (von links nach rechts): Eric Idle, Graham Chapman, Michael Palin, John Cleese, Terry Jones und Terry Gilliam.

(Foto: imago/Prod.DB)

Am 5. Oktober vor fünfzig Jahren wurde erstmals "Monty Python's Flying Circus" im BBC-Fernsehen gesendet. Eine Verneigung.

Anlässlich der Münchner Dreharbeiten zu ihrer 1971 fürs deutsche Fernsehen produzierten Show "Monty Pythons Fliegender Zirkus" besuchten Michael Palin, Terry Jones, Terry Gilliam, Graham Chapman, John Cleese und Eric Idle nicht nur das Hofbräuhaus, sondern auch das Konzentrationslager Dachau. Als sich bei ihrer Ankunft zeigte, dass die Gedenkstätte schon geschlossen war, rief Graham Chapman: "Sagt ihnen, dass wir Juden sind!" Eine Anekdote aus Eric Idles Memoiren, die illustriert, was den Kern des PythonHumors ausmachte: die permanente Bereitschaft, zu weit zu gehen.

Dieser Wille zur Grenzüberschreitung war es, der die BBC-Erstausstrahlung von "Monty Python's Flying Circus" am 5. Oktober 1969 zu einem Wendepunkt in der Fernsehgeschichte machen sollte. Die Bedeutung der Show war damals weder an ihrer Reichweite zu messen - sie wurde spätabends gezeigt und von der BBC nicht beworben -, noch daran, dass sie mit Stars aufwarten konnte. Nur John Cleese hatte Ende der Sechzigerjahre bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad. Python bestand vielmehr aus jungen, aber bereits erfahrenen TV-Comedy-Autoren, die sich selbst ihr Wunschmaterial auf den Leib schrieben. Das Ergebnis war eine Show, welche in einer Zeit, in der Subversion noch nicht zum Comedy-Standardrepertoire gehörte, das Fernsehen in bis dahin nie dagewesener Weise mit seinen eigenen Mitteln sabotierte.

Monty Python's Flying Circus zweckentfremdete die Konventionen des Mediums: Mal wurde der Vorspann ans Ende gesetzt, und das Ende irgendwann mitten in der Sendung gezeigt. Oft führte die Show bekannte Formate ad absurdum, indem sie etwa ein Stück Holz zum Gast in einer Talkrunde machte. Die Sendung unterlief alle Prinzipien herkömmlicher Comedy-Shows. Es war keine saubere Abfolge separater Sketche, die auf eine Pointe zusteuerten, sondern eher eine Aneinanderreihung absurder Momente. Die Sendung verband surrealistische Lust am Nonsens mit der ungerührten Boshaftigkeit der großen Python-Vorbilder Peter Cook und Spike Milligan. Autoritätsfiguren wie Polizisten, Richter, Offiziere oder "die Spanische Inquisition" waren Hauptziele dieser Art anarchischer Satire. Und immer wenn es schien, als führe eine Szene ins Nichts, schoben sich die an Mad Magazine geschulten Animationen Terry Gilliams mit ihrem ebenso komischen wie verstörenden Körperhorror ins Bild.

Ein besonders hartnäckiges Klischee besagt, Monty Python sei "typisch britischer Humor". Das greift zu kurz. Im Vereinigten Königreich verlaufen die Grenzen der Begeisterung für diese aus Privatschul- und Oxbridge-Absolventen bestehende Gruppe vielmehr großenteils entlang klassengesellschaftlicher Demarkationslinien. Wenn etwa eine Oma, gespielt von Terry Jones, in einer fiktiven Rateshow eine absurd komplizierte philosophiehistorische Frage korrekt mit "Henri Bergson" beantwortet, und sich als Preis einen "Schlag auf den Kopf" wünscht, bedient diese Mischung aus Bildungshuberei, Slapstick und kreischenden Männern in Frauenkleidern eine Komiknische, die vielen kindisch und prätentiös vorkommt. Wer aber den selbstreferentiell-unreifen Studentenhumor der Junior Common Rooms englischer Eliteuniversitäten kennt, fühlt sich in dieser Nische ganz zu Hause.

Deshalb eignet sich Monty Python auch nur bedingt als Volksgut. Trotz seiner Zitierfähigkeit, besonders der Filme, ("Sie wissen schon, Sie wissen schon!"; "Er ist nicht der Messias, er ist nichts weiter als ein unartiger Bengel!") ist das Python-Material zu eigenartig, zu stachelig, um je ganz vom britischen Hang zur Nostalgie vereinnahmt werden zu können. Natürlich waren die Liveshows der verbliebenen Python-Mitglieder im Londoner O2 vor fünf Jahren binnen Sekunden ausverkauft. Und doch werden die familienfreundlichen Sketche von Duos wie Eric Morecambe und Ernie Wise oder Ronnie Barker und Ronnie Corbett im Vereinigten Königreich immer ein noch breiteres Publikum finden. Legendär ist auch der grandios gescheiterte Versuch der Redenschreiber Margaret Thatchers, 1990 eine Parteitagsrede durch Zitate aus dem "Papageiensketch" aufzupeppen, der vielleicht konventionellsten Python-Nummer. Das Ergebnis war hochpeinlich. Python verweigerte sich der politischen Aneignung.

Monty Python's Flying Circus veränderte das Fernsehen, weil Palin, Jones, Gilliam, Chapman, Cleese und Idle alle Regeln kannten und sie alle brachen. Die surreale Sprachkaskaden eines Eddie Izzard, Serien wie "Little Britain", "The Mighty Boosh" oder "The League of Gentlemen" wären ohne sie nicht denkbar gewesen. Selbst Kunstfiguren wie Ricky Gervais' David Brent oder Steve Coogans Alan Partridge verdanken ihre Fremdschämorgien der von Monty Python vorangetriebenen Erweiterung dessen, was im Fernsehen akzeptabel war. Die Pythons bahnten also den Weg, ohne dabei je einen Ansatzpunkt zur Imitation zu bieten. Kein Komiker kann sie ignorieren, keiner kann sie kopieren. Darum bleibt Monty Python's Flying Circus auch nach einem halben Jahrhundert das, was es von Anfang an war: vollkommen einzigartig. Alexander Menden

Inquisition

Aus "Monty Python's Flying Circus" ist die Szene gut erinnerlich, in der eine gemeine junge Frau Familienfotos zerreißt, die ihr eine ältere Dame zeigt. Jählings, wie direkt aus der Hölle, erscheinen da drei rotgewandete Kardinäle der Spanischen Inquisition. In den Kerker schleppen sie aber die Oma, die ratlos fragt, was man ihr vorwerfe, und höhnisches Lachen erntet. Weil sie nicht gesteht, wird sie ausgesuchten Grausamkeiten unterworfen, mit einem weichen Kissen gestupst und in den comfy chair gesetzt, den gemütlichen Sessel: "Dort bleiben Sie sitzen, bis es Zeit für den Lunch ist!"

Monty Python, das war anarchischer, absurder, rabenschwarzer Humor. Die Komiker schonten niemanden und wurden dafür geliebt. Aber man stellt sich mit Frösteln vor, sie würden erst heute anfangen, in einer Zeit, in der die Menschen so überaus gern beleidigt sind, speziell die neue Gattung der stets vorwurfsvollen Überkorrekten.

Männer, die sich als hässliche Frauen verkleiden! Frauen, die sich als Männer verkleiden, um bei der Steinigung zusehen zu dürfen! Sketche, in denen sich fremde Kulturen von sehr dubiosen Seiten zeigen! Eindeutig auftretende homosexuelle Soldaten! Ein toter Papagei ("Dieser Papagei ist tot!" "Nein, er ruht sich nur aus!")! Nicht die Spanische, sondern die digitale Inquisition würde über Monty Python hereinbrechen und ganz andere Folterwerkzeuge bereithalten als den comfy chair. Denn nichts fürchten Eiferer mehr als Humor. Joachim Käppner

Mausmenschen

Niemand suche sich das freiwillig aus, erzählt ein verschüchterter Talkshowgast einem Moderator in "The Mouse Problem". Das Gespräch ist Teil eines Nachrichtenbeitrags, der sich der Frage widmet, warum immer mehr Menschen in England sich unwohl in ihrem Körper fühlen und anders leben möchten: nicht mehr als Menschen, sondern als Mäuse. "Irgendwann merkte ich, dass ich mich mit anderen Mäusen wohler fühlte", antwortet der Mann, gespielt von John Cleese, auf die Frage, wann er diese "Tendenzen" erstmals bemerkt habe. Während das BBC-Publikum 1969 wohl vor allem über den ungewohnt schüchternen Cleese kicherte, karikiert die Gruppe im weiteren Verlauf der Sendung das gesellschaftliche Stigma, das Homosexualität damals mit sich brachte, und macht sich über das vermeintliche Privileg der Heteronormativität lustig. Anstatt die Anonymität des Gastes zu wahren, wird der volle Name und die Adresse von Cleeses Charakter eingeblendet. Ein Psychiater schätzt das "Mouse Problem" vor allem wegen seiner Illegalität als besonders attraktiv für junge Menschen ein. In einer Umfrage werden dann Menschen auf der Straße zu dem "sich verbreitenden sozialen Problem" befragt. Die meisten reagieren feindselig. Graham Chapman, der den Sketch schrieb und selbst homosexuell war, antwortet auf die Frage, wie er das mit den Maus-Menschen finde: "Die können ja nichts dafür, oder? Aber, äh, da kann man nichts machen. Also, äh, ich würde sie umbringen." Theresa Hein

Witzkrieg

Kann man sich wirklich totlachen? In einem Sketch aus der TV-Serie "Monty Pythons Flying Circus" erfindet der Witzfabrikant Ernest Scribbler (Michael Palin) den Killer-Joke - und verstirbt sofort. Das britische Militär sichert die Zeilen und testet sie in witzgeschützten Bunkern auf ihre tödliche Wirkung. Spezialisten übersetzen den Witz ins Deutsche, aus Sicherheitsgründen jeweils nur ein Worte. Im Zweiten Weltkrieg wird die Witzwaffe dann zum durchschlagenden Erfolg gegen die deutschen Truppen. Die Soldaten lachen sich reihenweise tot.

Achtung, bitte nicht weiterlesen, wenn Sie ein schwaches Herz haben! Aus dokumentarischen Gründen müssen wir nun das Risiko eingehen und den angeblich tödlichen Witz einmal hinschreiben. Er lautet: "Wenn ist das nun Stück git und Schlottermeyer? Ja! Bayerhund. Das oder die Flipperwald gespütt!" Ähm. Ist das lustig? Gesundheitsgefährdend? Ganz sicher nicht, aber grandios absurd wie das Meiste im Monty-Pythons-Kosmos. Der Subtext ist nicht tödlich, aber treffend:

Den Witzkrieg haben die Briten ganz bestimmt gewonnen. Als Reaktion auf den tödlichen Witz der Briten arbeiteten die Nazis dem Sketch zufolge zwar noch fieberhaft in Peenemünde an einem Vergeltungswitz, doch die Zeilen "Der ver zwei peanuts, valking down der strasse, and von vas assaulted peanut" rissen in Großbritannien wirklich niemanden vom Hocker. Zum Glück ist die "Witzkriegsführung" laut Genfer Konvention seitdem verboten. Titus Arnu

Schnipp Schnapp

Ein Kinderwagen, der alte Damen verschlingt, ein riesiger Fuß, der guillotinenartig vom Himmel heruntersaust: Die Animationen bei Monty Python sind wie ein kurzer, verstörender Blick in eine Parallelwelt, in der nichts und niemand sicher und alles möglich ist. Das Surreale und Anarchische der Gruppe sind hier ins Unendliche potenziert.

Ihr Schöpfer, Terry Gilliam, produzierte sie im Cut-Out-Verfahren, einer Technik, die in ihrem Wesen ziemlich genau dem Komikkonzept von Monty Python entspricht: Man nehme etwas (Anstand, Religion, Logik), zerstöre es mit Inbrunst und setze es zu etwas sehr viel Lustigerem zusammen. Man kann ihm dabei in einem Youtube-Video (ein Ausschnitt aus der Kindersendung "Bob Godfreys Do-It Yourself Film Animation Show") zuschauen. Ein paar Magazine mit interessanten Motiven (am besten historische Figuren, am besten in Uniformen), eine Schere und eine Kamera, viel mehr brauche man nicht, um zu animieren, erklärt Gilliam.

Das ist natürlich eine grobe Untertreibung. Gilliams Animationen sind meisterlich inszeniert, mit perfektem Gespür für Timing und voll von dem fantastischen Irrwitz, den auch seine späteren Realfilme prägen sollten. Den Vorwurf, seine Bildwelten seien zu gewalttätig, entschuldigt Gilliam in dem Video indes sehr geschickt: Das Cut-Out-Verfahren erlaube einfach nicht so elegante Bewegungen wie gezeichnete Trickfilme - da müssen die Füße notgedrungen mit Wumms vom Himmel sausen. Luise Checchin

Wwunderrrbaar

Allein wie John Cleese als Oberkellner auf Deutsch "Wwunderrrbaar!" sagt, als er die amerikanischen Wirtshausgäste empfängt und dazu seinen Körper auf altmitteleuropäische Weise servilst verbiegt, allein das zeigt in einem Moment seine ganze komische Kunst und seine interkulturelle Genialität. Er mag eigentlich die Deutschen sehr, hat John Cleese immer wieder erzählt, und er hat eine, nun, wunderbare deutsche Aussprache. Und ebendiese versteckte Liebe hat sich immer wieder in gnadenlosen Humorattacken auf die Deutschen ausgedrückt, wie sie dem Verhältnis zwischen britischem und angeblich inexistentem deutschen Humor eben angemessen sind.

In dem Wirtshaus-Sketch schlagen die Kellner schuhplattlermäßig auf Schenkel und Tische und skandieren extra anglizistisch "In Bavaria, in Bavaria!", dass den Amerikanern bange wird, obwohl sie ja alles wunderbar finden müssen, bis sie am Ende ihrer Tortur mit "Schweinewasser" begossen werden. Der Sketch war Teil der Sendung, die Monty Python 1971 für den WDR in München drehten, und die fast noch abgedrehter ist als die BBC-Shows - als wollte man den Deutschen noch einmal mehr Absurdität servieren. Auch sonst wurden sie liebevoll bedacht, etwa in Form des berühmten Fußballteams der Philosophen, das nicht recht zum Abschluss kommt. Und Cleese machte weiter in "Fawlty Towers" - Völkerverständigung mit Hitlerwitzen und der sprichwörtlich gewordenen Devise: Don't mention the war! Johan Schloemann

Halleluja

Ein paar Typen im Auftrag des Herrn treffen auf ein Kaninchen. Nein, eigentlich ist es kein Kaninchen, sondern das pure Böse. Die "Ritter der Kokosnuss", als die Monty Python das mittelalterliche Britannien auf der Suche nach dem Heiligen Gral durchstreifen, glauben den Warnungen zunächst nicht. Doch als sie sich der Höhle nähern, die das Kaninchen bewacht, springt ihnen die flauschige Bestie an die Gurgel.

Man bläst zum Rückzug. Drei der Recken haben die Begegnung nicht überlebt, einer hat sich in die Rüstung gemacht, die anderen überlegen, was nun zu tun ist. Ein Bogen ist nicht zur Hand, aber gelobt sei der Herr, die Ritter haben ja noch die Heilige Handgranate von Antiochia!

In einem heiligen Buch, das Bruder Maynard zur Inbetriebnahme der antiken Waffe konsultiert, wird berichtet von St. Atilla. Dieser hielt einst die Heilige Handgranate hoch und sagte: "Oh Herr, ich bitte dich, segne diese deine Handgranate. Möge sie deine Feinde in Stücke zerreißen und in die Luft sprengen."

Weltliche Macht kommt nicht vom Beten allein, es muss schon auch ein bisschen knallen, so lautet die frohe Botschaft. Theologische Symbole verweisen auf Ewiges. Aber die Ewigkeit tritt oft schneller ein, als man denkt. Nämlich wenn König Arthur die heilige Zündschnur zieht, assistiert von Galahad auf "eins, zwei, fünf" ("Drei, Sir!") hochzählt, den Arm spannt und dann - Halleluja! Philipp Bovermann

© SZ vom 05.10.2019
Zur SZ-Startseite