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Virtual Reality:Mit Virtual Reality mitten in die Katastrophe

Filmemacher Chris Milk glaubt, "dass diese Maschine unsere Gedanken verändern kann." Hier eine Szene aus seiner Ebola-Doku "Waves of Grace".

(Foto: vrse.works)

Virtuelle Realität erobert den Alltag. Doch was als "Star Wars"-Werbung unterhält, kann im Journalismus auch berühren.

Die Zukunft ist heutzutage an der Supermarktkasse erhältlich. Der Kunde bekommt sie in Form von "Star Wars"-Merchandising bei Rewe überreicht. Mithilfe eines Smartphones samt passender App und eines Pappgestells kann man daraus eine Art Hologramm-Projektor basteln. Das gezeigte Bild sieht dann beinahe so aus wie die Botschaft von Prinzessin Leia, die R2-D2 im allerersten "Star Wars"-Film projizierte und die eine ganze Generation nicht nur von weit entfernten Galaxien, sondern auch von besserer Unterhaltungselektronik träumen ließ.

Die gibt es nicht nur bei Rewe. Auf Facebook rasen die Nutzer in einem im 360-Grad-Panorama schwenkbaren Film über einen Wüstenplaneten. Sie können den Blickwinkel der Kamera mit dem Mauszeiger dirigieren, hören Laserfeuer, blicken in den Himmel und sehen den Millennium Falcon vorbeirasen. Näher dran war der Zuschauer nie, auch im Kino nicht.

Flüchtlingskinder blicken einem direkt in die Augen

360-Grad-Videos sind gerade die ultimative Waffe im Kampf um die Aufmerksamkeit. Die Entertainment-Industrie ist wie berauscht von der Möglichkeit, die Konsumenten endlich mal wieder beeindrucken zu können. Bands wie U2 oder Coldplay lassen Videos in diesem Stil produzieren. Kein Blockbuster kommt noch ohne einen rundum erfahrbaren Trailer in die Kinos.

Man kann die Zukunftstechnologie aber auch für noch wichtigere Dinge nutzen.

Anfang November hatten die Abonnenten der New York Times eine ungewöhnliche Beilage in ihrer Zeitung: ein Stück Karton, aus dem man ein grobschlächtiges Gestell basteln kann, in das man sein Smartphone steckt. So entsteht die Billigversion einer Virtual-Reality-Brille. In der zugehörigen App läuft ein Film, der das Gefühl vermittelt, an einem anderen Ort zu sein. Wenn man die Brille aufsetzt, wird jede Kopfbewegung des Zuschauers zum Kameraschwenk. Flüchtlingskinder stehen ihm vis-à-vis gegenüber, blicken ihm direkt in die Augen.

1,3 Millionen Stück dieser Brillen sind durch die Aktion der New York Times auf einmal unter die Leute gekommen. Zusammen mit dem herkömmlichen Verkauf sind es mehr als zwei Millionen. Durch den "Star Wars"-Hype kann man wohl noch ein paar Millionen Menschen hinzurechnen, die auf einmal mit der Virtual Reality (VR) in Kontakt kommen. Vor nicht mal einem Jahr war sie noch ein Spielzeug für Erstanwender. Jetzt ist VR auf dem besten Weg, ein Massenmedium zu werden. Und dafür ist es höchste Zeit.

Denn die VR-Filme sind eben nicht nur ein prima Marketingvehikel. Sie sind die "ultimative Empathie-Maschine", wie es der Filmemacher Chris Milk ausdrückt. Milk hat mit seiner Produktionsfirma Vrse schon mehrere 360-Grad-Filme gedreht und auch an dem New York Times-Film mitgewirkt. Eine solche Maschine kann gerade in diesen Zeiten durchaus hilfreich sein. Das konventionell vermittelte Elend, das jeden Tag auf die Menschen einprasselt, sei es in den sozialen Medien oder im Fernsehen, scheint vielen nicht mehr auszureichen, um ein Mitgefühl zu entwickeln.

Die meisten Filme spielen in einem Katastrophengebiet

Da ist es nur konsequent, dass Milk seine erste Dokumentation namens "Clouds over Sidra" das erste Mal Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos gezeigt hat. Der Zuschauer sieht, nein, er befindet sich im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari, das schon längst kein Camp mehr ist, sondern eine Stadt mit rund 80 000 Einwohnern. Blickt er an sich herab, sieht er Kinder herumwuseln, sieht sie zur Schule gehen, Fußball spielen, hungern, er ist mittendrin. Jungs drängeln sich vor ein paar altertümlichen Computern. Auf den Bildschirmen: Ego-Shooter. "Nach allem, was passiert ist, wollen sie immer noch kämpfen", kommentiert das Mädchen Sidra aus dem Off.

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"Es ist eine Maschine, aber innen drin fühlt es sich wie echtes Leben an, wie die Wahrheit. Man ist dann Teil dieser Welt", versucht Milk zu beschreiben, warum seine Filme die Zuschauer so berühren. Und so ist es kein Wunder, dass die meisten der Filme in dem einen oder anderen Katastrophengebiet spielen. Nach dem Erdbeben in Nepal im Frühjahr schickte das Medien-Start-up Ryot ein VR-Team in die Ruinen von Kathmandu.

Ein weiterer Schauplatz: das zerstörte Aleppo. Einmal das Smartphone vor den Augen, findet man sich plötzlich in den Straßen der syrischen Stadt wieder, kein Mensch ist in Sicht, nur Schutt. Dann wieder hat das Filmteam die Kamera auf einem Häuserdach aufgestellt. Überall zertrümmerte Fassaden, Satellitenschüsseln weisen nutzlos in den Himmel. Aus der Ferne klingt der Ruf eines Muezzin. Für die nächste Zeit ist bereits eine ganze Reihe von Filmen geplant. Einer soll Umweltverschmutzungen in Indien zum Thema haben. Zwei andere Projekte widmen sich dem Klimawandel in China und den Amazonas-Gebieten.

Nur zwei Sachen stören die Medienutopie bisher. Da ist zum einen die geringe Auflösung. Zumindest in den Kartonmodellen von Google dient ja ein Smartphone-Display als Leinwand. Durch zwei Linsen vor den Augen werden die einzelnen Pixel vergrößert. So entsteht der Fliegengittereffekt - der Film wird wie durch ein feinmaschiges Raster betrachtet. Außerdem kann sich der Zuschauer zwar frei umschauen, er ist aber noch immer auf einen Standpunkt fixiert. Denn er ist ja die Kamera.