Zukunft des Kinos:Philosophieren im Faserland

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Steven Spielberg und George Lucas unter sich: "Homer hat nichts anderes gemacht als Steven heute tut."

(Foto: AFP)

Das Kino ist tot, es lebe der Film! Steven Spielberg und George Lucas philosophieren über die Zukunft des Kinos, Geschichten und die Computerspiele-Industrie. Die Erkenntnis, zu der sie dabei kommen, ist nicht sonderlich originell: It's the story, stupid!

Von Helmut Martin-Jung

"Am Anfang steht die Geschichte." Er wird das noch ein paar Mal sagen, der drahtige Mann mit dem getrimmten, grauen Vollbart. Der Mann ist Steven Spielberg, der bekannteste Regisseur der Welt. Zur Eröffnung des neuen Gebäudes für interaktive Medien an der Universität von Südkalifornien sitzt er in dem brandneuen Vorführkino und beantwortet mit George Lucas ("Star Wars", "Indiana Jones") Fragen, wie es denn weitergeht mit Hollywood, mit der Unterhaltungsbranche.

Auch Lucas findet: "Es wird immer darum gehen, Geschichten zu erzählen. Die Themen sind seit 10 000 Jahren dieselben. Homer hat nichts anderes gemacht als Steven heute tut."

Die Frage ist, wie man sie erzählt, die Geschichten. Vielleicht als Computerspiel, als interaktiver Film? Die Grenzen zwischen Film und Computerspielen verschwimmen zusehends, meint der Dritte auf dem Podium, Don Mattrick. Er ist Chef der Sparte: Elektronische Unterhaltung beim Computerkonzern Microsoft.

"Die Gamer wollen immer jemanden den Kopf wegschießen"

Doch Lucas widerspricht: "Spiele und Filme können niemals dasselbe sein. Wenn man in einem Spiel alle dort hinlaufen lässt, wohin sie wollen, dann ist das doch keine Geschichte mehr." Die Spiele bräuchten vielleicht mehr Figuren mit Charakter, "aber einen Plot, den kann es nicht geben."

"Es gab mal ein Videospiel", sagt Spielberg, "da musste man Babys auffangen, die aus dem Fenster eines brennenden Hauses geworfen wurden." Die Entwickler hatten gedacht, wenn es um Babys geht, müssten die Spieler doch ein emotionales Verhältnis entwickeln. "Aber die haben bloß Punkte gezählt. Oder die Babys aufs Pflaster klatschen lassen, um zu sehen, was passiert. Etwas im Inneren schaltet sich einfach ab."

"Die Gamer wollen immer jemandem den Kopf wegschießen", sagt Lucas, in dessen Star-Wars-Filmen durchaus geballert wird. "Das kommende große Spiel wird eines sein, das emotional ist, das wird wie eine ,Titanic' der Games-Industrie sein."

Das Kino ist tot, es lebe der Film

Doch kann einen ein Spiel so erfassen wie eine große Geschichte? Nicht solange wir auf einen Bildschirm starren und mit einem Controller herumfuchteln, glaubt Spielberg. Lucas, der Technikfreak, redet sich hingegen in Begeisterung: Mit Computern werde man sich bald unterhalten können, es werde Hirn-Implantate geben, sodass man Spiele direkt mit den Gedanken steuern könne.

Wie viel Einfluss hat sie eigentlich, die Technik, auf das Filmemachen? Soviel wie es braucht, um - na was? - eine Geschichte zu erzählen. Da sind sich die beiden Hollywood-Legenden einig.

"Als ich 'Jurassic Park' gedreht habe, da wollte ich keine Dinos mit Stop-Motion mehr, wie sie Ray Harryhausen gemacht hat", erzählt Spielberg, "das sah mir zu sehr nach einem Abenteuerfilm aus den 50er-Jahren aus." Also setzte er auf digitale Animation, der Rest ist Geschichte - im doppelten Wortsinn.

It's the story, stupid!

Was sich zurzeit dramatisch verändert, ist der Marktplatz für die Geschichtenerzähler. Früher, sagt Lucas, hätten die Distributoren alles beherrscht, doch heute ist alles zerfasert in viele einzelne Kanäle, am meisten natürlich durch das Internet. Alles ist immer verfügbar, meint auch Spielberg: "Die große Gefahr bei der Sache ist: Die Studios geben lieber 250 Millionen Dollar für einen Blockbuster aus, als dass sie zehn wichtige Filme machen, die womöglich in dem riesigen Angebot untergehen. Der Tag hat ja nur 24 Stunden."

Stirbt also das Kino? Ja, sagen die beiden Großmeister, das Kino werde implodieren, aber es lebe der Film. Denn viele gute Filme werden mittlerweile gleich fürs Fernsehen oder für Internetdienste produziert. Ins Kino zu gehen, meint Lucas, werde ein Luxus werden wie heute ins Theater oder in die Oper zu gehen.

Lucas ist jedoch regelrecht begeistert von den neuen Möglichkeiten, die sich auftun: "Für Kreative ist jetzt die beste Zeit, wo vieles Überkommene in Schutt und Asche liegt." Und was rät Spielberg den Studenten? "Es gibt nichts, was man in dieser Branche nicht tun kann, aber überlegt euch, was ihr erzählen wollt." It's the story, stupid!

© SZ vom 19.06.2013/jspe
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