Zukunft des Journalismus (21) Stenographen statt "Watchdogs“

sueddeutsche.de: Der Publizist und Blogger Eric Alterman glaubt, dass er für den Qualitätsjournalismus ohne die Umsätze aus dem Anzeigengeschäft schwarzsieht. Sehen Sie überhaupt Möglichkeiten, mit Journalismus im Internet Geld zu verdienen?

Huffington: Die Huffington Post arbeitet seit ihrer Gründung mit einem Geschäftsmodell, das auf der Akquisition von Werbegeldern basiert - und das hat uns noch nie davon abgehalten, auch längere Stücke und leidenschaftliche intellektuelle Debatten zu publizieren. Unsere Anzeigenumsätze steigen kontinuierlich.

sueddeutsche.de: Was halten Sie von der Strategie, über den Verkauf von Artikeln oder Ausgaben Geld zu verdienen?

Huffington: Während ich zuversichtlich bin, dass es schon bald neue Geschäftsmodelle für Journalismus im Internet geben wird, glaube ich nicht daran, dass Online-Abonnements funktionieren. Dazu muss man sich nur das gescheiterte kostenpflichtige Angebot der New York Times ansehen, das der Verlag jetzt wieder einführen will. Das einzige, wofür Internetnutzer bereit sind zu zahlen, sind Finanzberatung und Porno.

sueddeutsche.de: In unserer zersplitterten Medienlandschaft scheint Markenbildung immer wichtiger zu werden. Wie können Zeitungsverlage hier ihre Stellung verbessern?

Huffington: Führende Nachrichtenanbieter wie MSNBC, CNN, The New York Times und natürlich auch die HuffPo sind weit mehr als reine Online-Portale. Der Schlüssel für den Erfolg im Internet ist es, eine starke Stimme zu haben und einen distinkten Standpunkt zu vertreten. Alle starken publizistischen Marken im Internet bieten etwas Einzigartiges an - und bauen dann darauf auf. Journalistische Online-Angebote müssen, wenn sie gut laufen sollen, ihren Lesern unverwechselbare Inhalte offerieren und gleichzeitig interaktiver werden.

sueddeutsche.de: Sehen Sie in Journalisten immer noch die "Vierte Gewalt"?

Huffington: Ein Großteil der Unzufriedenheit mit dem traditionellen Journalismus rührt daher, dass die meisten Journalisten anscheinend vergessen haben, dass ihre erste Pflicht darin besteht, der Wahrheit nachzuspüren - egal, welche Konsequenzen ihnen blühen. Viele Journalisten haben sich in der Vergangenheit allzu häufig als Stenographen statt als "Watchdogs" verstanden, indem sie ihren Presseausweis als Eintrittskarte missbrauchten, um den Mächtigen möglichst nahe zu sein. Wir brauchen aber Redaktionen, die voll sind von aufmerksamen Wachhunden und nicht mit fetten und zufriedenen Schoßhündchen.

sueddeutsche.de: Das sollen Internetredaktionen leisten?

Huffington: Ich denke nicht, dass Online-Journalismus zu einer Abschwächung der "Watchdog"-Funktion der Presse führt, im Gegenteil: Der technologische Fortschritt und das Wachstum von Nachrichtenangeboten im Internet werden den Nutzern kontinuierlich mehr und mehr Kontrolle darüber geben, welche Informationen sie bekommen, und wie diese präsentiert werden. Die Tage, in denen uns eingebildete Wichtigtuer diktierten, was wichtig ist und was nicht, sind vorbei - Gott sei Dank!

Buchhinweis: In diesen Tagen erscheint der Band "Wozu noch Zeitungen? Wie das Internet die Presse revolutioniert" mit zahlreichen Interviews über die Zukunft des Journalismus, herausgegeben von Stephan Weichert, Leif Kramp und Hans-Jürgen Jakobs, im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht (ISBN 978-3-525-36750-6).