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"Zukunft der Stadt": Lehranstalten:"Lernen sollte integrativer Bestandteil einer Stadt sein"

SZ-Serie "Zukunft der Stadt", Folge 3: Wie sollen Lehranstalten künftig aussehen?

(Foto: CC0 1.0 (4); Collage Jessy Asmus)

Wenn Schulen, Bibliotheken und Universitäten nicht mehr als isolierte Institutionen fungieren, sondern kooperieren, wird Lernen effizienter, meint der britische Dozent Les Watson. Aus der SZ-Serie "Zukunft der Stadt".

Die Welt wird urban. Immer mehr Menschen wollen in der Stadt leben, weil Metropolen gute Jobs bieten, aber auch Universitäten und ein abwechslungsreiches Kulturprogramm. Dazu noch ein eng getaktetes Nahverkehrssystem, die besten Krankenhäuser und eine gute Internetverbindung. Nicht zu vergessen Flugzeug und Bahn, wenn man mal schnell weg will. Aber wie müssen sich Metropolen verändern, um einer urbanen Gesellschaft gerecht zu werden? Damit beschäftigt sich die SZ-Serie "Zukunft der Stadt". In dieser Folge lesen Sie über Lehranstalten. Alle Texte lesen Sie hier.

Les Watson arbeitet seit mehr als 45 Jahren im Erziehungs- und Bildungsbereich, unter anderem als Lehrer und Dozent. Inzwischen berät er Bibliotheken und Informationsportale in diversen Organisationen, um Lernen flexibler und angenehmer für den Einzelnen zu machen.

Les Watson zufolge sollten sich Bildungsveranwortliche mehr trauen - und Institutionen zusammenlegen.

(Foto: Les Watson)

Wo sehen Sie die größten Probleme?

Bibliotheken und Universitäten begreifen sich selbst zu wenig als Teil der Lern-Infrastruktur einer Stadt oder gar einer Gesellschaft. Immer noch existieren die Bibliothek, die Schule, die Universität als isolierte Institutionen. Aber Lernen und Bildung haben etwas Integratives. Was wir außerhalb des Klassenzimmers erfahren, zählt mindestens so viel wie das, was wir im Klassenzimmer lernen. Aus diesem Grund versuche ich, Schülern die beste Umgebung zum Lernen zur Verfügung zu stellen, die nichts mit herkömmlichem Schulunterricht zu tun hat. In Bibliotheken merkt man ebenfalls, wie sehr sie dem Institutionellen verhaftet sind: Bibliothekare helfen zwar, ein bestimmtes Buch zu finden. Aber mehr leider oft auch nicht. Auch Bibliothekare sollten Erziehung lernen und ihren Kunden bei der Problembewältigung helfen - nicht nur bei der Büchersuche. Zudem sind wir in Großbritannien - und das gilt für viele andere europäische Länder - besessen davon, die Effizienz von Schulen am Leistungsgrad der Schüler zu bemessen. Aber das blendet die Leistung der Lehrer, das persönliche Bemühen der Schüler und das unterschiedliche Umfeld aus, in dem die Schüler lernen.

Les Watson Saltire Centre

Im Saltire Centre an der Glasgow Caledonian University finden Studenten unterschiedlichste Arbeitsmöglichkeiten - von Tischen im offenen Raum bis hin zu aufblasbaren Büro-Iglus im hinteren Teil.

(Foto: Les Watson)

Was sind die Ursachen für diese Probleme?

Wir hängen zu sehr an alten, teils überholten Vorstellungen fest. Vielen - auch Städtebauern - fehlen die Vorstellungskraft und der Mut, auch mal etwas auszuprobieren. Wir orientieren uns noch zu sehr an den öffentlichen Räumen, die wir kennen und einem Schulsystem, das wir alle selbst durchlaufen haben, sodass wir nicht offen für Neues sind. Auch die Lehrinstitutionen selbst begreifen noch gar nicht, dass es an ihnen liegt, wie sie den Menschen Wissen vermitteln können. Wir sollten endlich anerkennen, dass die beste Lehre mehr Kunst ist als Wissenschaft - und Lernen immer etwas mit persönlichem Bemühen zu tun hat. Viele schrecken davor zurück, auf diesem Feld zu experimentieren. Weil sie im schlimmsten Fall die Bildungslaufbahn der Schüler beeinträchtigen.

Was wäre die Lösung?

Zunächst würde ich Politik und Bildungsbereich trennen, weil das Feld zu wichtig ist, als dass Politiker mit Bildung spielen sollten. Das müssen die übernehmen, die sich damit auskennen. Dann würde ich den Fokus von der Institution auf das Individuum verlagern (also auf Schüler und Lehrer). Und zuletzt würde ich ein Lernen forcieren, das Zusammenarbeit und Problemlösung verlangt und Ressourcen unterschiedlicher Institutionen bündelt. Was birgt das für Möglichkeiten, wenn etwa Universitäten oder Bibliotheken mit Museen zusammenarbeiten würden? Das passiert noch kaum. Der Forscher und Autor John Seely Brown hat einmal gesagt: "Jegliches Lernen basiert auf Konversation." Daran glaube ich ganz fest. Und diese Konversation kann ganz unterschiedlich aussehen - von den Gedanken, die ich mir in meinem Kopf mache über ein Buch, das ich lese, eine Vorlesung bis hin zur Gruppenarbeit mit Mitschülern.

Genau in diese "Konversationsräume" sollten Städte investieren und sie so flexibel wie möglich gestalten. Manche arbeiten gern in offenen Räumen, andere im Café und wieder andere bevorzugen abgeschlossene Arbeitsbereiche. Wir brauchen mehr hybride Räume, die man je nach Bedarf umwandeln kann. Der Psychologe Loris Malaguzzi hat einmal gesagt, Kinder entwickeln sich zunächst durch Interaktionen mit ihren Eltern und Lehrern, dann mit Gleichaltrigen und schließlich mit ihrer Umgebung. Anstatt Kinder also ins Klassenzimmer zu setzen, sollten sie draußen experimentieren und Erfahrungen machen. Eines meiner ersten Projekte hieß Learning Café und das haben die Studenten geliebt. Die Umgebung von Bildungseinrichtungen kann Lernen entscheidend beeinflussen. Das sollten Städteplaner und Architekten von Lehranstalten berücksichtigen. Der Schlüssel zu innovativerem Lernen sind aber nicht Vorschriften, der Schlüssel ist unsere Vorstellungskraft.

Wo gibt es das schon als bestes Beispiel für die Zukunft?

Im Saltire Centre an der Glasgow Caledonian University etwa ist jede Etage auf unterschiedliche Kommunikations- und Konversationsbedürfnisse ausgelegt. Im Erdgeschoss ist alles offen und wie in einer Markthalle gestaltet, nach oben hin wird es immer ruhiger. Im obersten Stockwerk flüstert eine Stimme "Schschhhh", wenn man den Raum betritt. Hier wird wirklich Ruhe verlangt. Aber es gibt eben auch andere working spaces. Der Guardian beschreibt das Centre als einen "futuristischen, aber menschenfreundlichen Ort des Lernens".

In Hereford im Westen Englands wird es bald eine neue Universität geben, deren Campus über die ganze Stadt verteilt sein wird. In bestehenden Gebäuden, die dann umfunktioniert werden. Vorlesungen wird es nicht geben, stattdessen lernen die Studenten in Gruppen und in Projektarbeit.

Les Watson empfiehlt flexible Arbeits- und Lernorte - unter anderem dieses aufblasbare Büro-"Iglu", das Intimität und Ruhe suggeriert, aber doch offen im Raum steht.

(Foto: Les Watson)

Ihre verrückteste Idee, die wenig kostet?

Vielleicht nicht die verrückteste, aber die erste, die mir in den Kopf kommt: Statt Bibliotheken in Schulen anzubieten, lasst uns Schulen in Bibliotheken verlagern. Wir müssen die Barrieren zwischen den bestehenden Institutionen niederreißen und sie miteinander vermischen. Als Empfehlung an alle Städteplaner: Kommt in die Gänge und berücksichtigt, wie Erziehung und Lernen im 21. Jahrhundert funktioniert, und fördert in euren Entwürfen Lernende und ihr Lernen!

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