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Zufallsbegegnung:Slapstick mit Erzscholastiker

Markus Orths verkuppelt in seinem Roman "Picknick im Dunkeln" den Komiker Stan mit Thomas von Aquin.

Eine charmante Idee, sich auszumalen, wie eine postume Begegnung berühmter Personen, die einander nicht gekannt haben, verlaufen könnte: Michel de Montaigne muss Lou van Burg erleiden, Voltaire begegnet Derek Walcott, unter dessen Vorfahren wahrscheinlich just dieselben Afrikaner waren, an deren Transport und Verkauf Voltaire Geld verdient hat. Markus Orths hat sich für die Kombination von Thomas von Aquin mit Stan Laurel entschieden - Doof trifft Kirchenlehrer. Ort ist der Bereich nach dem Tod, es herrscht tiefe Finsternis, Stan tastet sich an einer glatten Wand entlang, stolpert dabei über den korpulenten Mönch und meint zuerst, es sei Olli. Es ist das ideale Szenario einer philosophischen Erzählung, wie man sie aus der Aufklärung kennt: Nachtrag zu Bougainvilles Reise von Denis Diderot, Gullivers Reisen von Jonathan Swift oder L'Ingénu von Voltaire zum Beispiel, wo Europäer erleben, wie ihr Lebensmodell vor vernünftigen "Wilden" nicht bestehen kann.

Im Dunkeln lässt sich der Heilige des 13. Jahrhunderts ein paar Begriffe erklären: Amerika, was ein Film ist, das Skifahren wird ihm ungefähr so geschildert, wie man Goethe eine Hüpfburg erklären könnte. Im Gegenzug erfährt Stan ein bisschen über die Geistseele und was Manichäer sein sollen und ist vor dem Hintergrund seiner zahlreichen Ehen interessiert, wie viel Bedeutung der Kirchenlehrer dem Sex um seiner selbst willen beimisst. Schließlich kommen sie auf das Lachen zu sprechen. Stan hat mit schlichter Komik Lachen erzeugt und damit Millionen beglückt, während sich Thomas als Fünfjähriger mit Eintritt ins Kloster das Lachen auf ewig hat verkneifen müssen. Er kann mit so etwas Sinnlosem gar nichts anfangen.

Offen bleibt, ob Thomas von Aquin wirklich vergiftet wurde

Passend zur Handlung des Buchs und weit entfernt von aller grauen Theorie des Lachens hätten Orths' Helden in der Dunkelheit einiges an Funken schlagen können aus derlei entlegenen Gedankengängen oder auch aus Fragen danach, wie nah Thomas dem aufklärerischen Sensualismus eines John Locke wäre, was Stan Laurel von seinem Freund Marcel Marceau berichten könnte, ob das Lachen eine Unterkategorie der Aggression, ob das Kino eine Verwirklichung des platonischen Höhlengleichnisses ist und Thomas von Aquin tatsächlich vergiftet wurde. Fehlanzeige. Stan und Thomas unterhalten sich mit dem intellektuellen Drive Heranwachsender, die erstmalig Gedanken zu formulieren beginnen. Wenn theologische Höhenflüge drohen, kommt Stan auf Pasta, Wurst und Suppen zu sprechen. Immerhin bringt er durch seinen Trick, mit dem Daumen Feuer zu machen, als wäre die Hand ein Feuerzeug, ein wenig Licht ins Dunkel.

Die Romansujets von Markus Orths reichen von Schwarzen Löchern bis hin zum Zimmermädchen, das sich unter Gästebetten legt, um die Welt kennenzulernen. Dabei gelingt es ihm, aus kleinen Begebenheiten des Alltags Erkenntnisse zu destillieren, die den Blick auf das Leben bereichern, und oft ist das unterlegt mit entspannter Heiterkeit. Leichtigkeit bestimmt auch dieses Buch. Am Ende lässt er Stan in die Tiefen des Alls entschwinden, während Thomas aus einer Ohnmacht erwacht. Offenbar hat ihm der Filmkomiker einen Besuch aus der Zukunft abgestattet und ihn mit seinen Ansichten über die Freuden des Lachens auf etwas Neues gebracht. Wieder zu sich gekommen, lacht er seine humorlos ehrfürchtigen Betbrüder geradezu nieder. Das ist die überraschende Pointe des Buchs. Sie tröstet ein wenig darüber hinweg, dass es den Dialogen verwehrt blieb, philosophisch werden zu dürfen.

Markus Orths: Picknick im Dunkeln. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2020. 237 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 02.04.2020

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