Theaterfestival:Geliebte Gäste

Tanzspektakel Zürich; Theaterspektakel Zürich

Auf der Leinwand tobt ein böser Geist, der alle Erinnerungen frisst: Szene aus "The History of Korean Western Theatre" von Jaha Koo aus Südkorea.

(Foto: Timo Fannoy)

Das Zürcher Theaterspektakel zeigt, was man lange vermisst hat: internationale Produktionen voller Zorn und Skepsis.

Von Egbert Tholl, Zürich

Man steht auf der Saffainsel und blickt hinaus auf den Zürichsee. Die Ufer glitzern, der Mond hängt satt über dem dunklen Wasser. Ein Mann in buntem Gewand, das aussieht wie aus verschiedenfarbigem Lametta zusammengenäht, spielt Akkordeon, erst ein bisschen schwermütig, dann schleichen sich immer mehr Melodien in sein Spiel. Hinter der leeren Bühne der See, neben ihr eine Leinwand, auch auf dieser sieht man Wasser und eine Schrift: "Anatomie der Gewalt in Kolumbien". Dann taucht auf der Leinwand ein Mann in einem weißen Kleid auf, er sitzt in einem Kanu und trägt eine schreiende Gruselmaske. Er wirkt wie ein Vorbote eines bösen, dunklen Karnevals.

Das Zürcher Theater Spektakel wurde 1980 gegründet, im selben Jahr wie die Rote Fabrik, ein linksalternatives, international bedeutendes Kulturzentrum am See, das auch als Spielstätte des Festivals dient. Beider Gründung war eine Reaktion auf damals äußerst heftige Jugendproteste in Zürich. Inzwischen spielt das Theaterspektakel längst in der obersten Liga der internationalen europäischen Theaterfestivals mit. 2019, im Jahr vor Corona, feierte man Jubiläum, 40 Jahre, 25 000 Menschen kauften Karten für die mehr als 30 Produktionen, noch einmal 130 000 sahen das kostenlose Beiprogramm. Eine Million Franken nahm man in gut zwei Wochen an der Kasse und über die Gastronomie ein, ein Fünftel des Gesamtetats. Im Jahr darauf: keine Gastro, kaum Karten, die etwas kosteten, kaum Einnahmen, aber ein (sehr reduziertes) Festival hatte es auch 2020 Jahr gegeben. Eine einzige Aufführung fand wie geplant statt, den Rest musste man umplanen oder auf dieses Jahr schieben, im dem das Angebot immer noch leicht reduziert ist.

Tanzspektakel Zürich; Theaterspektakel Zürich

Ein leuchtendes Schiffchen bringt - hochsymbolisch - außereuropäisches Theater an Land: Die Produktion "La Balsada" des Mapa Teatro aus Kolumbien.

(Foto: Christian Altorfer)

Nun wirkt die Produktion des Mapa Teatro aus Kolumbien - sie heißt "La Balsada" - wie die Erfüllung einer Verheißung, was angesichts des Themas, eben der Gewalt in Kolumbien, ein wenig bizarr sein mag. Auf dem dunklen See da draußen fährt ein leuchtendes Schiffchen, behängt mit Lichtergirlanden. Es könnte eines der Ausflugsschiffe hier sein, aber es kommt näher, legt an. Der Mensch, den man zuvor auf der Leinwand sah, kommt an Land, gefolgt von vier Gestalten, die wie Lametta-Bäume aussehen und bald ein wüstes, sehr körperliches Gebaren an den Tag legen, während der Mann im Kleid mit einer Peitsche, mit der früher die Sklaven von den Kolonialherren traktiert wurden, herumstolziert.

Man muss sich bei "La Balsada", produziert vom Theaterspektakel und der in Bogotá von der schweizerisch-kolumbianischen Künstlerin Heidi Abderhalden in den Achtzigerjahren gegründeten Truppe Mapa Teatro, für einen langen Moment den Zürichsee wie das Meer vorstellen. Über dieses kommt, was es mindestens eineinhalb Jahre hier nicht zu sehen gab - außereuropäisches Theater. Und nun legt dieses Schiff an, und seine Besatzung wie die Filme auf der Leinwand zelebrieren eine fabelhafte Mischung aus Fest und Gewalt, künden von Feierlichkeiten im Dorf Guapi, einer Beschwörung des Lebens voller Freude und Tränen: Hinweise auf die Ausbeutung der Bevölkerung, den Bürgerkrieg, Männer tragen Frauenkleider, dunkelhäutige Menschen tragen weiße Masken, man spürt einen Zorn, dem man sich nicht entziehen kann, auch wenn man nicht jedes Bild versteht.

Fast alle Aufführungen sind dezidiert politisch

Aber dieses partielle Nichtverstehen ist ja so wohltuend, weil es die Enge im Kopf aufbricht. Dass zentraleuropäisches Theater Inspiration in weit entfernten Ländern sucht, ist ja ein alter Hut, aber nun merkt man erst, was fehlte in den letztlich bald zwei vergangenen Jahren: die Unmittelbarkeit dieses Einflusses. Während die deutschsprachigen Stadttheater sich abgezirkelt der Notwendigkeit von Diversität annähern, knallen die Kolumbianer einfach ihren historisch tradierte und gesellschaftliche determinierte Rollenbilder wütend vernichtenden Karneval hin, in dessen Filmbildern man bald nicht mehr unterscheiden kann, ist das Krieg oder ein Fest.

Als Kommentar dazu könnte man einen Satz von Matthias von Hartz anführen, der seinen Vertrag als künstlerischer Leiter des Theaterspektakels gerade bis 2025 verlängert hat: "Wenn man so viel Geld für ein Festival kriegt, muss es die Welt reflektieren und kann nicht nur Kunst sein." Und die Welt ist nicht nur Mitteleuropa. Am Eröffnungswochenende kann man in Zürich Aufführungen aus Kolumbien, Ruanda, Südkorea, Hongkong und Marokko sehen, nachhaltig produziert und den Corona-Bedingungen und Reisebeschränkungen auf teils abenteuerliche Weise abgetrotzt. Manche Künstler hatten längere Residenzen in Europa, gehen hier in Folge des Spektakels auf Tour oder Recherche, kein Truppe reist nur für die Auffühung in Zürich an. Und fast alle sind dezidiert politisch oder beschäftigen sich mit den Veränderungen von Gesellschaft.

Eine unbequeme Frage: Wer bitte putzt im Museum?

Früher Nachmittag, 30 Grad. Auf der Landiwiese, dem Hauptspielort, liegen Menschen in Badekleidung, zwischen denen man sich zum Vortrag von Françoise Vergès hindurchschlängelt. Die in Paris lebende Politikwissenschaftlerin und Aktivistin spricht über dekolonialen Feminismus, kapitalistische Ausbeutungsstrukturen, in denen vor allem Frauen festhängen, und sie erzählt eine grandiose Geschichte: Sie leitet Führungen im Louvre und will dabei auf Bilder aufmerksam machen, die Sklaverei zeigen. Also führte sie ihre Gruppe vor ein Bild, das reiche, Pfeife rauchende Männer zeigt - Sinnbild für selbstgefällige Männlichkeit und für Sklaverei. Denn wo kommt denn der Tabak her, und wer arbeitet in den Plantagen? Und dann noch die Frage: Wer bitte putzt im Museum?

Theaterspektakel! CH

Sie unterläuft herkömmliche mitteleuropäische Diskurse zu Rassismus und Feminismus mit Eleganz: die ruandisch-britische Künstlerin Dorothée Munyneza mit ihrem Stück "Mailles".

(Foto: Christian Altorfer)

Eine ähnlich bewusstseinsweitende Wirkung hat "Mailles", das Stück der ruandisch-britischen Künstlerin Dorothée Munyaneza. Diese stellt sechs Frauen, sechs unterschiedliche Biografien auf die Bühne. Ihr Tanz ist afrikanisch, aber sieht nicht so aus; sie singen, eine ist eine Spoken-Word-Artistin, eine, Yinka Esi Graves, bewegt sich zwischen virtuosesten Flamenco und ästhetisierter Körperlichkeit, überspringt dabei Kontinente. Unterstützt von sehr bildhaften Gedichten, die alle auf die Entwurzelung des Individuums zielen, unterläuft diese Aufführung herkömmliche mitteleuropäische Diskurse zu Rassismus und Feminismus mit Eleganz.

Viele der Künstler kommen aus Ländern, in denen man von der Kunst allein nicht leben kann. Matthias von Hartz erzählt von Mitgliedern des Nature Theater of Oklahoma, deren Problem im Corona-Lockdown weniger die geschlossenen Theater waren, sondern die geschlossenen Restaurants. Wo sollten sie Geld verdienen? Die für 2020 geplanten und dann abgesagten Aufführungen des Spektakels konnten wenigstens zu 80 Prozent ausbezahlt werden. Aber das sichert noch kein Überleben.

Umso erstaunlicher, wie quasi wie aus dem Nichts der Hongkonger Künstler Royce NG in Zürich aufschlägt und mittels Avatar und einer Bilderflut in "Presence" vor den Gefahren der künstlichen Intelligenz warnt - falls man diese nicht intelligent nutzt. Der Südkoreaner Jaha Koo braucht hingegen nicht mehr als einen sprechenden, freundlich blinkenden Reiskocher, mit dem er sich von Mensch zu Maschine unterhält. Koo quält die Frage nach dem Verlust der theatralischen Vergangenheit in seinem Land, erst durch eine bewusste Selbstkolonisation, indem der König Theater aus dem Westen nach Korea brachte und zum Ideal erklärte, dann durch die Annexion durch die Japaner. Eine Origami-Kröte fährt herum, auf einer Leinwand tobt ein böser Geist, der alle Erinnerungen frisst. Da erinnert sich Koo an seine Großmutter, die ihn in den Schlaf sang, und in Koo keimt die Hoffnung, dass die "History of Korean Western Theatre" doch in etwas Neues, Selbstbewusstes, Selbstbestimmtes münden könnte.

© SZ/knb
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