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Zu Gast bei Ernst Jünger "Konservativer zu sein ist keine politische Idee"

Ernst Jünger, 1995 Der Schriftsteller Ernst Jünger nimmt die Gratulation des Leiters der Saulgauer Kapelle zu seinem 100. Geburtstag entgegen. Rechts im Hintergrund applaudiert Bundeskanzler Helmut Kohl

(Foto: Reuters)
Ein Jahrhundert in Gesprächen mit Ernst Jünger.
Von Jörg Magenau

Jede Ordnung wird von der Anarchie korrigiert. Denn "alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht". Der hundertjährige Ernst Jünger schrieb diese Maxime aus dem "Faust", die er oft zitierte, Schopenhauer zu. Seine Frau Liselotte korrigierte ihn, "das war Goethe". Und er: "Aber Schopenhauer hat es zitiert. Na gut." Was kümmerten ihn, der die planetarischen Ereignisse mit der Abgeklärtheit eines unbeteiligten Beobachters zu kommentieren pflegte, solche Kleinigkeiten. Längst hätte es ihm gereicht, sich auf seine Käfersammlung zu konzentrieren, um sich - erneut zitierte er Goethe - ansonsten "aus der Welt der Erscheinungen zurückzuziehen." Im hohen Alter darf man sich selbst historisch werden. "Manchmal trinkt man morgens Kaffee. Das ist eine gewisse Epoche. Dann wieder Tee oder einfach Mineralwasser. Das sind Lebensabschnitte."

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Es sind solche kleinen Irritationen, Belustigungen, manchmal auch Verärgerungen, die die gesammelten Gespräche mit Ernst Jünger so lebendig machen. Da bricht das Gravitätische, Erhabene, das er kultivierte, momentweise auf. So rief ihn 1982 Horst Tomayer im Auftrag der Zeitschrift Konkret an, indem er sich für Luis Trenker ausgab. Im Gespräch mit dem "Alpenfreund" entwickelt Jünger eine tiefenhumoristische Grandezza. Das Ansinnen des falschen Trenkers, endlich einmal zusammen etwas im Fernsehen zu machen, lässt Jünger in formvollendeter Höflichkeit ins Leere laufen. Seine Gesprächspartner pflegte er selber auszusuchen.

43 "Interviews und Dialoge" enthält der von den Regensburger Literaturwissenschaftlern Rainer Barbey und Thomas Petraschka herausgegebene Sammelband "Gespräche im Weltstaat". Die Auswahl - knapp die Hälfte dessen, was sich in Archiven aufstöbern lässt - ist schon deshalb spektakulär, weil der Zeitrahmen von 1929 bis 1997 reicht. Da es immer wieder auch um die Erlebnisse im Ersten Weltkrieg geht, umfasst der Band aber fast das gesamte 20. Jahrhundert - mit Ausblicken ins 22., in dem Jünger gerne zu Hause gewesen wäre. Spätestens nach dem Durchgang durch die Katastrophen des technoiden 21. erwartete er zusammen mit Hölderlin und Heidegger die Rückkehr der Götter und die Wiederverzauberung der Welt. Im Lauf der Jahrzehnte kommt er immer wieder auf den im "Abenteuerlichen Herz" von 1929 entwickelten Begriff des "stereoskopischen Denkens" zu sprechen. So wie der Mond wissenschaftlich beschrieben und erforscht werden kann, ohne dass der kindliche Blick auf den Mann im Mond darunter leidet, so wollte er verschiedene Perspektiven auf die Dinge werfen, ohne dass die eine die andere infrage stellen würde.

Er bevorzugte das freundschaftliche Gespräch und suchte die Gäste entsprechend aus

Dass viele seiner Gesprächspartner aus dem Ausland kommen, ist wenig erstaunlich, da Jünger bis heute vor allem in Frankreich sehr viel höheres Ansehen genießt als hierzulande. Je älter er war, desto gesuchter wurde er. Allein zum hundertsten Geburtstag gab es zwölf Gespräche, dagegen vor 1945 nur sieben und während der NS-Zeit gar nur ein einziges, 1935. Das hat damit zu tun, dass Jünger in den Zwanzigerjahren von Goebbels umworben wurde, die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten jedoch ablehnte und so zur Persona non grata geworden war.

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Nach 1945 sind es dann vor allem Bewunderer, die zu ihm nach Kirchhorst bei Hannover, nach Ravensburg und ab 1950 in die Wilflinger Oberförsterei pilgerten. Skeptiker wie der britische kommunistische Renegat Stephen Spender oder der französische Journalist Didier Raguenet, der "einem kleinen mageren Mann mit borstigen, kurzen, grauen Haaren, spitzer Nase, durchdringendem Blick und einem Gesicht ohne Lippen" begegnete, verfielen dann doch der Jünger'schen Faszination. Die einzige Frau unter den Gesprächspartnern ist Gertrud Fussenegger, die sich für den schöpferischen Augenblick und den Begriff der "Gestalt" interessiert. "Gestalt", antwortet Jünger, "das ist ein Wort, das Goethe gern verwendet hat; es bezeichnet das hinter den Dingen Wirkende, etwas Umfassendes jedenfalls." Der Käferforscher, der es gewohnt war, Arten und Gattungen zu unterscheiden, suchte immer nach diesem Größeren, das die Einzelphänomene übersteigt.

Jünger bevorzugte das freundschaftliche Gespräch und suchte sich seine Gäste entsprechend aus. Die Gegner, die in ihm bloß den Demokratieverächter zu erkennen in der Lage waren, kamen sowieso nicht. Sie führten die Debatte lieber in Zeitschriften, ohne sich der direkten Begegnung auszusetzen. Harte Nachfragen wie im Spiegel-Interview von 1982 zum heftig umstrittenen Goethepreis bleiben deshalb die Ausnahme. Auch da demonstrierte Jünger planetarische Gelassenheit, wenn er den Streit um seine Person mit den Worten kommentierte, er, der "im Kaukasus spazieren gehe", habe das Gefühl, er müsse "in Maulwurfshügeln herumstochern". Dabei hätte schon damals klar sein können, dass es keinen geeigneteren Goethepreisträger gab als ihn, der in der Personalunion als ein seine Autorschaft zelebrierender Autor und Käferforscher das letzte Exemplar einer goetheesken Existenz gewesen ist, in der Naturwissenschaft, Philosophie, Mythos und Dichtung keine Gegensätze sind.

Zugleich war er seiner Zeit voraus. Er propagierte Europa schon, als es noch in Trümmern lag. Nationen waren ihm, der nach seinen heroischen Jahren als Soldat im Ersten Weltkrieg einen militanten Nationalismus propagiert hatte, längst zu etwas Überlebtem geworden. Der "Weltstaat" würde kommen, ob man wolle oder nicht, und darunter würde es keine Nationen mehr geben, sondern Regionen und kulturell eigenständige Einheiten. Als er zu seinem 80. Geburtstag nach Fehlern gefragt wurde, die er bereue, sagte er den bemerkenswerten Satz: "Kommen Sie mir nicht mit Gewissensbissen. Auch nicht mit Reue, die Fahnenflucht ist ein Verrat an sich selbst." Zu diesem Stolz gehört, dass er sich nach 1945 weigerte, den Entnazifizierungsbogen der Alliierten auszufüllen.

"Das Genie ist vom Zeitgeist nicht abhängig. Das Genie macht Zeit"

Gespräche hielt er für zarte Gebilde, "so leicht und unbestimmt wie die Wolken", wie er in einem Brief an den Bruder Friedrich Georg schon 1920 notierte, aus dem die Herausgeber in ihrem instruktiven Vorwort zitieren. So wie die Wolken Wasser aufnehmen, transportieren Gespräche die gesamte Substanz ihrer Zeit. Tonbandmitschnitte lehnte er ab, weil sie das, was flüssig und immer in Bewegung sein sollte, ein für alle Mal festlegen.

Schon Walter Benjamin wusste, dass die Anwesenheit eines technischen Hilfsmittels das Gespräch verändert und verfälscht. Und mit Goethe ("Mikroskope und Fernröhre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn") kritisierte er die technische Verflachung der Wissenschaft. Jünger bevorzugte die Gesprächsreportage, die auch die äußeren Umstände und die Stimmung zur Sprache bringen kann. Dieses Genre war vor 1945 und bis Anfang der 60er-Jahre verbreitet. So bietet der Sammelband nebenbei auch Einblick in die Moden des Journalismus und die wechselnden Gebräuche der Gesprächsführung.

Die eigenen Werke waren für Jünger nie abgeschlossen. Selbst als er an der 22-bändigen Werkausgabe arbeitete, blieben sie einem ständigen Wandlungsprozess unterworfen. Für einen Autor, der als konservativ gilt, ist das eine überraschende Sichtweise. Er, der sich als "Anarch" bezeichnete, hielt "konservativ" in der prosperierenden Bundesrepublik für ein Wort, "das nichts mehr bedeutet". 1978 sagte er: "Ich bin Konservativer ein wenig wie die Eiche oder das Windröschen, wenn sie ihre Wurzeln in die Erde senken. Konservativer zu sein ist keine politische Idee. In meinem Sinn bedeutet es, ganz und ohne Einschränkung Mensch zu sein. Goethe ist meiner Ansicht nach ein Konservativer." Da war er, wenn es bemerkt worden wäre, längst zum grünen Vordenker geworden, der sich auf der Seite der Ökologie positionierte.

Redundanzen sind im Lauf der Jahrzehnte unvermeidlich und auch Widersprüchliches findet sich, was Jünger aber kein bisschen irritierte. Da kann er mal diese, mal jene Vorliebe behaupten, Rilke mal schätzen, mal ablehnen, sich im Zweifelsfall aber auf überzeitliche Allgemeinheit zurückziehen, von der aus das historische Klein-Klein sowieso unbedeutend wird. "Das Genie ist vom Zeitgeist nicht abhängig. Das Genie macht Zeit", sagte er selbstbewusst, und meinte damit wohl auch sich selbst. Solche marmornen Sätze kann auch einer wie er erst mit hundert gelassen aussprechen.

Ernst Jünger: Gespräche im Weltstaat. Interviews und Dialoge 1929 - 1997. Herausgegeben von Rainer Barbey und Thomas Petraschka. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2019. 576 Seiten, 45 Euro.

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