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Zu Besuch bei den Dardenne-Brüdern:Am Puls der Gegenwart

Ein Besuch bei den Kino-Humanisten Jean-Pierre und Luc Dardenne, die all ihre universalen Dramen in einem verarmten Vorort von Lüttich erzählen - aktuell das "Das unbekannte Mädchen".

Von Martina Knoben

Woran die Menschen leiden, das kann man sehen, hören und erfühlen. Die junge Ärztin Jenny horcht mit dem Stethoskop die Lunge eines älteren Mannes ab, laut und schwer geht dessen Atem. "Hör du einmal", fordert sie ihren Praktikanten auf. "Ein Emphysem", sagt der. Die Ärztin legt die Hand auf den nackten Rücken des Patienten und lauscht noch einmal sehr konzentriert in dessen Körper hinein. "Horch hier noch mal!", sagt sie.

Hinhören, den Dingen auf den Grund gehen, die Ängste, Sorgen, Traumata der Menschen erspüren, die verborgenen Krankheiten diagnostizieren, die in einer Gesellschaft schwelen - das ist auch das Credo der beiden berühmten Belgier, die die Figur dieser jungen Ärztin erfunden haben - für "Das unbekannte Mädchen", ihren neuesten Film. Jean-Pierre und Luc Dardenne haben ihr Büro in einem ehrwürdigen Stadthaus in Lüttich, dem kulturellen Zentrum der Wallonie. Steile Stiegen führen in ein Büro mit alten Kaminen und modernen Möbeln. Die Brüder sind hochgewachsen, sie begrüßen den Gast freundlich. Jean-Pierre, mit 65 Jahren der Ältere, hat die weißeren, leuchtenderen Haare und wirkt bedächtiger, Luc, 62 Jahre alt, das verschmitztere Grinsen und den böseren Witz. Aber eigentlich treten sie, als Künstler, Regisseure und gefeierte Humanisten in der Welt des Kinos, immer gemeinsam auf. "Natürlich wollen wir immer in die Köpfe unserer Figuren hinein", sagt Luc. "Dort wären aber wohl nur Neuronen zu finden. Also betrachten wir eben ihre Gesichter - und ihre Körper."

Wie sie das allerdings tun, ist im Weltkino ziemlich einzigartig - etwa wenn ihre Kamera einer jugendlichen Herumtreiberin im Nacken sitzt, um sie auf ihren Streifzügen durch ein prekäres Leben zu begleiten und die ganze Welt in ihrem Gesicht zu finden. Das war der Film "Rosetta", 1999, ihr erster großer Erfolg im Arthouse-Kino, und ihre erste Goldene Palme in Cannes. Davor hatten sie mit "Das Versprechen", 1996, schon Aufsehen erregt, und "Das Kind", 2005, brachte ihnen dann eine zweite Goldene Palme. So einen Doppelschlag in Cannes schaffen nur die wenigsten Regisseure, damit sind sie in den Kino-Olymp aufgestiegen und in Belgien zu Nationalhelden geworden.

An der Oberfläche sind ihre Filme Sozialdramen, fast immer zentrieren sich ihre Geschichte um die Jungen, Schwachen, die Haltlosen und Ausgegrenzten der Gesellschaft. Zu diesem Anspruch stehen sie auch, an den Wänden ihres Büros hängt neben den eigenen Plakaten auch eines von "Jimmy's Hall" von Ken Loach - den britischen Kino-Sozialisten begreifen sie als Mitstreiter und Gleichgesinnten. Tatsächlich aber geht es den Dardennes noch um ein umfassenderes Projekt: Sie drehen immer in Seraing, einem Industrievorort, etwa fünfzehn Autominuten von Lüttich entfernt. Hier sind die Brüder aufgewachsen, hier kennen sie jeden Stein - und hier wollen sie alle Themen der Gegenwart spiegeln, ohne sich wegzubewegen. Dabei treiben sie ihre Figuren oft in Konflikte von der Wucht antiker Dramen. "Für uns ist Seraing ein Laboratorium", erklärt Luc Dardenne. "Dort lässt sich der Verfall der Industriegesellschaft besonders gut zeigen: Einwanderung, Arbeitslosigkeit, die Probleme der Arbeiterklasse - bei allen diesen Themen ist die Stadt beispielhaft."

Die Körper verraten, was die Menschen von sich aus nicht preisgeben, worunter sie leiden

In "Das unbekannte Mädchen" ist es die Ärztin Jenny (Adèle Haenel), die in Seraing eine Praxis hat und die Zuschauer wieder einmal an die Ränder der Gesellschaft führt, geleitet von einem Schuldgefühl: Eine junge Frau hatte spät abends an der Tür der Praxis geklingelt, in der Jenny eine Vertretung macht. Weil es so spät war, Jenny an dem Abend noch etwas vorhatte, sie ihrem Praktikanten außerdem eine Lektion erteilen wollte, öffnete sie nicht. Am nächsten Tag liegt die junge Frau tot am Flussufer. Um der unbekannten Toten wenigstens ein würdiges Begräbnis zu geben, will Jenny ihren Namen herausfinden und stellt auf eigene Faust Ermittlungen an.

Dabei geht es nicht um die Aufklärung eines Verbrechens. Die Menschen, die Jenny befragt, darunter illegal Eingewanderte, Drogenhändler, Zuhälter und ein Kunde der offenbar zur Prostitution gezwungenen Toten, fügen sich vielmehr zu einem Bild gesellschaftlicher Ausgrenzung. Das Besondere und filmisch Reizvolle dabei ist, wie sich aus der Arbeit der Ärztin die detektivische Spurensuche ergibt - und umgekehrt die Detektivarbeit am Ende heilende Wirkung hat. Einmal fühlt Jenny einem Jungen den Puls an der Schläfe, erwähnt das tote Mädchen und merkt zufällig, dass der Junge mehr weiß, als er zugibt. Später kriegt der Junge Bauchschmerzen, weil er sich schuldig fühlt. Ein Mann erleidet einen Bandscheibenvorfall. Die Körper verraten, was die Menschen von sich aus nicht preisgeben: was sie verschweigen, worunter sie leiden.

Mit Fragen von Schuld und Verantwortung konfrontieren die Brüder ihre Figuren immer wieder. In "Das Kind" hatte Bruno (Jérémie Renier) seinen neugeborenen Sohn verkauft. In "Der Sohn" wird ein Schreinermeister (Olivier Gourmet) der Lehrherr eines jugendlichen Straftäters, der, wie sich schließlich herausstellt, dessen eigenen Sohn getötet hatte. In der Haut all dieser Menschen möchte man nicht stecken. Und erlebt doch, wie sie, gegen alle Wahrscheinlichkeit und Psychologie, nein, nicht erlöst werden - sondern sich selbst erlösen. Es sind Filme, die von der Möglichkeit des freien Willens erzählen. Aber eben - ohne Ausnahme - vor dem Hintergrund eines besonders tristen belgischen Vororts.

"Wenn wir irgendwo einen Stoff entdecken", sagt Jean-Pierre Dardenne, "wenn irgendwo etwas für uns Interessantes passiert, dann überlegen wir sofort, wie es hier, in Seraing, passiert sein könnte. Wie wir es hier auf diese Region übertragen können." "Seraing ist der Zeit voraus", sagt Luc Dardenne. "Wer wissen will, was Europa in Zukunft erwartet, kann das hier studieren."

Nimmt man ihn beim Wort, ist die Zukunft Europas eine ziemliche Herausforderung - optimistisch formuliert. Seraing, wenn man denn tatsächlich einmal hinfährt, entpuppt sich als Musterbeispiel für misslungenen Strukturwandel. Seit der industriellen Revolution lebten die Menschen hier gut von der Kohle- und Stahlindustrie. John Cockerill hatte hier 1817 ein Industrieimperium aufgebaut, mit Stahlwerken und Maschinenbaufabriken. So viele Arbeitskräfte wurden zeitweise gebraucht, dass nach dem Zweiten Weltkrieg Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Marokko oder der Türkei kamen. Doch das ist vorbei, die Kohlegruben wurden geschlossen, Stahl wird heute in Asien und Amerika produziert, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Erst kürzlich machte die Wallonie von sich reden, als die Regionalregierung das Freihandelsabkommen mit Kanada fast blockiert hätte. Sie seien überzeugte Europäer, erklären dazu die Dardenne-Brüder; für den Widerstand gegen das Ceta-Abkommen aber hätten sie viel Verständnis.

Es ist ihre Welt, von der sie erzählen, eine Welt im Umbruch und im Niedergang. Die Cockerill-Werksanlagen in Seraing stehen noch - aber als Ruinen. Bis zu siebzig Meter ragen die Fördertürme der Kohlezechen und die Hochöfen in den Himmel und zeichnen die Silhouette der Stadt. Gewaltige Rohrleitungen führen über Dächer und Straßen hinweg und an Gärten entlang. Fabriken und Wohngebiete stehen hier nebeneinander, verbunden auch durch die Rußschicht, die in Seraing alles überzieht. Aber die Schlote rauchen nicht mehr.

Ein wintergrauer Himmel hängt über der Stadt. Dabei scheint die Sonne mit einer Härte und Klarheit, die alles Helle, wie die Fensterrahmen, die für die Häuser dieser Gegend so typisch sind, aufleuchten lassen, die toten Fenster der stillgelegten Fabriken aber umso düsterer macht. Es ist ein Dardenne-Licht. Hier hat die Menschlichkeit, die die Brüder in ihren Filmen fordern, noch mal einen höheren Preis.

Dass Rosetta ihren einzigen Freund verrät, um seinen Job zu bekommen, kann man jedenfalls besser verstehen, wenn man die Ruinen der Stahlwerke und Zechen hier gesehen hat; das Gleiche gilt für Sandras Ringen um ihren Arbeitsplatz in dem Film "Zwei Tage, eine Nacht" von 2014. Mit dem Feuer der Hochöfen ist vieles hier erloschen. Es ist die Leere, die in Seraing zu spüren ist, die die Stadt so trostlos wirken lässt.

Ursprünglich sollte der Arzt ein Mann und etwa 40 Jahre alt sein - das hat aber nicht funktioniert

"Als ,Rosetta' hier gedreht wurde, war das Gebäude noch bewohnt", erklärt Philippe. Er stammt wie die Brüder aus der Gegend und sucht seit "La Promesse" mit ihnen nach den passenden Drehorten. Wo in "Rosetta" der Waffelstand aufgebaut war, in dem die junge Frau unbedingt arbeiten wollte, am Busbahnhof von Seraing, ist heute eine Betonwüste. Zwei Hochhäuser ragen grau und schmutzig in den Himmel, als hätte ein Riesenbaby Betonklötze gestapelt. An den Fassaden Graffiti, aber die Häuser stehen leer. Hier wolle niemand mehr leben, erklärt Philippe. Die Hochhäuser stehen wie auf einer Insel, umzingelt von mehrspurigen Schnellstraßen. Auch der Busbahnhof wurde verlegt.

Seraing ist überhaupt eine laute Stadt, eine Stadt zum Durch- und Weiterfahren. In "Das unbekannte Mädchen" fällt das besonders auf, immerzu rauscht es auf der Tonspur. Das liegt daran, dass vor dem Haus mit Jennys Arztpraxis eine Schnellstraße verläuft, im Film wie auch in der Wirklichkeit. Um Raser ein bisschen einzubremsen, hat die Gemeinde auf dem Mittelstreifen eine Radarfalle fest installiert. "Noch bevor das Drehbuch entstanden ist, war klar, dass der Film in diesem Viertel nicht weit von der Maas spielen sollte", erklärt Jean-Pierre Dardenne. Die Bücher für ihre Filme schreibt immer sein Bruder Luc - alleine, wenn auch im ständigen Telefonkontakt mit Jean-Pierre. Das Haus, in dem Jennys Praxis untergebracht ist, haben die Brüder dann gemeinsam gesucht. Eigentlich war darin ein Sozialzentrum untergebracht, vorwiegend für Ausländer. Das Gebäude konnten die Brüder für die Dauer der Dreharbeiten aber mieten. "In Seraing", sagt Jean-Pierre, "findet man immer Lösungen." Die beiden sind schließlich auch Ehrenbürger der Stadt.

"Dass die Praxis an der Schnellstraße liegt, sollte vermitteln, dass sie ein wenig jenseits des Normalen liegt", sagt Jean-Pierre, "dass sie viele Patienten vom Rand der Gesellschaft hat." Tatsächlich muten Jennys Hausbesuche wie ein Streifzug durch diverse Formen prekärer Lebensverhältnisse an, dabei wird die Ärztin immer wieder auch zur Sozialarbeiterin. Einem schwer übergewichtigen Diabetiker, der fast nicht mehr gehen kann, hält sie keine Standpauke, sondern sorgt dafür, dass dessen Gasanschluss wieder funktioniert. Für die Krimi-Handlung ist die Szene ohne Bedeutung. Sie ist eine Miniatur der Menschlichkeit, ganz schlicht und berührend. Es ist diese kunstvolle Schlichtheit, die die Filme der Dardenne-Brüder zur vielleicht widerspenstigsten Antwort auf das Überwältigungs-Blockbuster-Kino macht.

Der Verkehrslärm im neuen Film der Brüder signalisiert, dass das Leben einfach weiterrauscht

Jenny wirkt so unbeirrbar und handlungssicher in ihrer Hilfsbereitschaft, als trüge sie einen Kompass in sich, der ihr zuverlässig den "richtigen" Weg anzeigt. Schließlich wirkt sie selbst wie eine solche Kompassnadel und ist auch passend in Signalfarben gekleidet: abwechselnd leuchtend blau oder rot. Ursprünglich sei Jenny ein etwa vierzig Jahre alter Arzt gewesen, erzählen die Dardenne-Brüder. Aber in jeder Fassung des Drehbuchs sei dieser Arzt, der zu viele Fragen stellt, bald wie ein Polizist erschienen - weil man, wie Jean-Pierre sagt, im Alter von vierzig die Unschuld verloren habe. Also haben sie die César-Preisträgerin Adèle Haenel, die erst 27 Jahre alt ist, besetzt - und sie ist großartig. Dass Schauspieler unter der Regie der Dardennes immer wieder über sich hinauswachsen, liegt wohl auch an den ungewöhnlich langen Proben: Fünf Wochen nehmen sie sich Zeit, um mit allen Darstellern und an den Originaldrehorten zu arbeiten. "In diesen fünf Wochen steigen die Schauspieler in ihre Rollen ein", erläutert Jean-Pierre. Die Brüder finden in diesen fünf Wochen auch ihre endgültige filmische Auflösung.

Vom Büro der Dardennes sieht man auf die Maas, la Meuse, hinunter. Der Fluss fließt auch durch Seraing und spielt in ihren Filmen immer wieder eine besondere Rolle. In seinem eiskalten Wasser haben sich in "Das Kind" die beiden Kleinganoven Bruno und Steve nach einem Raubüberfall vor der Polizei versteckt; es hat sie fast umgebracht. "Der Junge mit dem Fahrrad", 2011, radelt am Ende mit seiner Pflegemutter am Fluss entlang. In "Das unbekannte Mädchen" wird die Tote am Ufer der Maas entdeckt. Das Mädchen selbst ist im Film nur einmal zu sehen, als ein Polizist Jenny die Aufnahme der Überwachungskamera am Eingang ihrer Praxis vorspielt. In verschwommenen Grautönen ist eine junge Schwarze zu erkennen, die hektisch klingelt, sich umsieht und verzweifelt versucht, Schutz zu finden. So wuchtig wirkt ihre Not, dass die kurze Szene den Zuschauer förmlich anspringt - als Metapher für die Flüchtlingskrise.

Luc Dardenne bestätigt das Bild. Der Fluss stehe für das Mittelmeer, über das die Menschen kommen, namenlos und ohne Pass. Ein Mensch in Lebensgefahr bittet um Einlass und wird abgewiesen. So kurz die Aufnahme ist, geht sie Jenny - und auch den Zuschauern - nicht mehr aus dem Sinn. "Wenn es nun Momente der Stille im Film gibt", bemerkt Luc Dardenne, "merkt man, dass dieses Bild noch in Jennys Kopf ist. Dadurch übertragen sich auch ihre Schuldgefühle."

"Vermutlich haben die Brüder den ganzen Film um diesen Ort herum gebaut", mutmaßt Philippe, als er die Stelle am Ufer der Maas zeigt, wo im Film die Tote gefunden wird. So suggestiv ist das Bild, das die Dardenne-Brüder von der Toten geprägt haben, dass der reale Ort tatsächlich wie der Schauplatz einer Tragödie wirkt. Obwohl immer die Figuren im Vordergrund stehen, sind die Orte, an denen ihre Filme spielen, den Brüdern so wichtig, dass sie alle Locations mit eigenen Augen sehen wollen, erklärt Philippe. Fotografien reichten ihnen nicht.

Das Besondere an diesem Teil des Flussufers sei, dass das Ufer nicht senkrecht abbricht, sagt er. Wer hier stürzt, fällt auf eine rostige Metallplattform - und nicht in den Fluss. Für den Film ist das wichtig. Er ist, wie alle Filme der Brüder, ein Lehrstück. Und die Botschaft der moralischen Erzählung, die auch die Botschaft des unbekannten Mädchens ist, ist ganz einfach: Es ist nicht der Fluss, der tötet. Sondern das Nicht-Handeln, das Nicht-Helfen.

Ihr Ziel als Filmemacher sei durchaus, der Gesellschaft wie die Ärztin Jenny den Puls zu fühlen, sagt Luc Dardenne und lacht, weil ihm das Bild gefällt. Mit einem erst schnelleren, dann langsameren "Tak-tak-tak" deutet er Herzschläge an. Die Frage, wie es denn nun um die Gesellschaft stehe, speziell die belgische, quittieren die Brüder mit noch mehr Gelächter: "Comme ci, comme ça." Wenn man den Ort erlebt hat, in dem sie ihre Welt finden, liegt in diesem verschmitzen "so lala" eine erstaunliche Hoffnung.

© SZ vom 15.12.2016

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