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Zora del Buonos Roman "Die Marschallin":Kommunismus ist Aristokratie für alle

Pressebilder zu: Zora del Buono "Die Marschallin" 
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"Kommunismus ist Aristokratie für alle." - Zora del Buono.

(Foto: Yvonne Böhler.)

Eine große Familiengeschichte und das Taumeln der Ideologien im 20. Jahrhundert von Italien aus gesehen: Der atemberaubende Roman "Die Marschallin" der Schweizer Schriftstellerin Zora del Buono.

Von Fritz Göttler

"Sie werfen uns raus", ruft Zora erregt, und man hat sie noch nie so wütend gesehen. Ein Abend im September 1948 in Bari, im herrschaftlichen Haus von Zora und Pietro Del Buono. Mit der Abendpost ist ein Brief der Kommunistischen Partei Italiens gekommen, darin ist von störenden Umtrieben und Zersetzung die Rede und vom Ausschluss der Del Buonos aus der Partei. "Danken sollten Sie uns, anstatt uns zu erniedrigen!", ruft Zora. "Auf den Knien herumrutschen sollten sie aus lauter Dankbarkeit! Was, wenn wir reden? Wie sollen sie es ohne uns schaffen? Diese dilettantischen Dummköpfe! Diese Bastarde! Diese Kleinbürger! DIESE STALINISTEN!"

Stalin und der Stalinismus, das ist in der Tat der Punkt, an dem die Partei und die Del Buonos mit ihrem Salonkommunismus heftig divergieren. Zora ist ein Fan von Josip Broz Tito, natürlich, sie ist Slowenin, der Feldmarschall war zu Gast im Haus Del Buono, ihr Mann Pietro hat ihn untersucht und ihn in Moskau möglicherweise vor einer Mordintrige Stalins bewahrt. Er ist ein berühmter Radiologe, hat eine große Klinik neben seinem Haus in Bari errichtet.

Zora ist die Großmutter der Schweizer Architektin und Schriftstellerin Zora del Buono. "Unsere Großmutter habe einen starken Charakter gehabt, hieß es immer wieder. Sie sei feurig gewesen. Großzügig. Starrsinnig. Oder auch: herrisch. Wäre sie ein Mann gewesen, sie wäre Major geworden, eher noch Marschall, vielleicht sogar Staatspräsident." Die große, politische Geschichte ist in del Buonos Roman "Die Marschallin" in jedem Satz mit der kleinen, privaten verkettet.

Mussolini und sein "Italy first" findet Zora pathetisch und lächerlich

Mit dem Rausschmiss aus der Partei endet die glorreiche Geschichte der Marschallin, die in sechzehn Kapiteln äußerst lebhaft und dynamisch erzählt wurde, das erste spielt im Ersten Weltkrieg und 1919. Was danach kommt, ist Stagnation und Resignation, ein tristes nörgelndes Lamento. Ein Niedergang ins Greisentum, in die Bedeutungslosigkeit, Zora endet in einem Pflegeheim im jugoslawischen Nova Gorica, zuckerkrank, sie wird das Ableben ihres Marschalls nicht mehr erleben. Pietro bleibt in einem Heim in Bari, Opfer seiner Demenz.

Es ist eine atemraubende Geschichte, progressiv im wahren Sinn, auf diverse Figuren und Perspektiven konzentriert - vier Brüder, drei Söhne, vier Schwiegertöchter, drei Enkelinnen, eine davon die Autorin, jede Menge Dienstmädchen. Ein Gewebe, in dem alles mit allem zusammenhängt, aber nicht alles wird benannt, zur Eindeutigkeit gebracht. Es ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts, von Italien aus gesehen, beginnend mit den Schlachten am Isonzo, brutalen Giftgaseinsätzen, Blaukreuz und Grünkreuz, der Deutschen und Österreicher. Zoras Bruder wird nach Kriegsende verletzt durch eine Granate, als er mit seinen Freunden leere Patronenhülsen sammelt, dadurch begegnet die Slowenin Zora Pietro, dem jungen Sanitätsoffizier, dreiundzwanzig, Sizilianer.

Danach kommen die sozialen Bewegungen der Zwischenkriegszeit, Pietro studiert in Berlin, Mussolini marschiert zur Macht nach Rom, entwickelt seine Vorstellungen von "Italy first", von Volkskörper und Volksgesundheit und einer umgreifenden Italianisierung: die slowenische Sprache und Kultur werden unterdrückt, der bekannteste schwarze Jazzmusiker heißt nun Luigi Fortebraccio - pathetisch und lächerlich findet Zora diese ganze Inszenierung. Beim Krieg in Abessinien kommt wieder Giftgas zum Einsatz. Die Italiener folgen und dienen Mussolini und vergehen sich dann, nach der Befreiung durch die Amerikaner, mit bodenloser Gemeinheit an seinem Leichnam. Die großen politischen und psychologischen Erkenntnisse, die das gesamte Jahrhundert bestimmen, werden noch wie Modeerscheinungen wahrgenommen. Marinetti, der große Futurist, will zur Volksgesundung die einheimische Pasta durch braunen Reis ersetzen. Freuds Psychoanalyse wird populär, "seine Bücher standen hinten in der Bibliothek. Zora hatte schon in Wien von Professor Freud gehört, während ihrer Schulzeit im Mädchenpensionat, da wurden allerhand Dinge über Die Traumdeutung kolportiert. Auch wenn keines der Mädchen je eine gelesen hat".

Natürlich hat man schon damals von Gender-Diskussionen gehört

Große historische Leitfiguren sind, neben Tito, der Autor Antonio Gramsci und Amadeo Bordiga, Gründer der KPI. Sie werden beide auf die Gefängnisinsel Ustica vor Palermo verbannt, wo Zoras Schwiegervater zum Bürgermeister ernannt wird. Gramsci ist der Held eines italienischen Kommunismus, er bleibt nur vierundvierzig Tage auf der Insel, und sein früher Tod wird heftig beklagt.

Auf eine andere Insel macht Zora eine denkwürdige Exkursion, um die Freundin ihres Bruders Ljubko zu suchen. Aber auf San Domino werden nur Gleichgeschlechtliche geschickt - Mussolini ist sich sicher: In Italien gibt es nur echte Männer -, und die gesuchte Person ist der junge Michele, der Bruder ist schwul. Natürlich hat man schon damals von Gender-Diskussionen gehört, in Berlin, von dem Arzt, der sagt, das dritte Geschlecht sei keine Krankheit, nur eine Varietät, Ljubko hat den Namen vergessen, weiß nur, ein Tier kam darin vor.

Zora hat ein übersteigertes Misstrauen allem gegenüber, sie analysiert ständig, politisch und psychologisch, als hätte sie bei Professor Freud studiert. Sie will alles im Griff behalten, den Haushalt, die Domestiken, das Leben des Mannes, das Schicksal der vier Brüder, die Erziehung der drei Söhne, die Auswahl der Schwiegertöchter. Sie hat auch ihr Haus in Bari selber entworfen, hat sich architektonisch an Mazzonis schnörkellosem Postamt in Palermo orientiert und "Ornament und Verbrechen" von Adolf Loos in die Hand genommen.

Der Banküberfall für die Partei geht auf groteske Weise schief

Im Krieg ist sie mit den Partisanen verbündet, klaut eines Tages Medikamente aus der Klinik des Mannes, um sie in Triest den Kämpfern zu bringen - eine der wenigen spontanen Aktionen in ihrem Leben. Später will sie die Partisanen mit Waffen versorgen. Die Revolution ist nur großbürgerlich denkbar, in Italien wenigstens. "Kommunismus ist Aristokratie für alle", das Motto des Romans.

1948 kommt es zum Bruch in der Geschichte, der von Zoras Familie und der Italiens. Wenige Wochen vor dem Rausschmiss aus der Partei gibt es einen Bankeinbruch, die Partei braucht Geld, aber das geht auf groteske Weise schief. Das letzte Kapitel des Buches ist ein Monolog der Marschallin Zora, 1980, in ihrer Pflegeanstalt, ein innerer, auch wenn sie ihre Pflegerin anredet und sich verantwortlich erklärt für die Kette der Todesfälle und Autounfälle in der Familie in den letzten Jahren. Mit diesem Schlussmonolog der Frau erinnert die Autorin Zora del Buono, die in Zürich geboren wurde und dort Architektur studierte, diskret an ein großes Vorbild des modernen Erzählers, den Jahrhundertroman von James Joyce, den Pietro seinen Söhnen Abend für Abend vorlas, um sie mit der Weltliteratur vertraut zu machen. Eine Frau, die im Mittelpunkt der Welt steht.

Zora del Buono: Die Marschallin. Roman. C.H. Beck, München 2020. 381 Seiten, 24 Euro.

© SZ/masc
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