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Zombies in Film und Buch:Der Zwang zum Leben

In ihrem unmotivierten Voranwackeln wollen die Film- und Romanfiguren der wandelnden Toten dem Fortschritt, der die modernen Gesellschaften bewegt, absolut nicht entsprechen. Doch die Zombies sind uns heute näher denn je.

F. Göttler

Als die lebenden Toten zurückkamen in unsere Gesellschaft, geschah das mit einem energischen Schub an Kreativität. The Night of the Living Dead, 1968, war ein unabhängiges kleines Filmprojekt, in das George A. Romero und seine Freunde reichlich privates Kapital, zahlreiche arbeitsintensive Wochenenden hinter und vor der Kamera und jede Menge Begeisterung und Beharrlichkeit gesteckt hatten. Der Film war gnadenlos in seinem Blick auf die erstarrte amerikanische Gesellschaft des Kalten Kriegs und so kühl und lakonisch in seinem Konzept wie Ginsbergs und Warhols künstlerische Revolution.

Die wandelnden Toten sind seitdem in Sichtweite der Gesellschaft geblieben, Romero hat kontinuierlich seine Fortsetzungen gedreht, es hat zuletzt Romane, Comics und - gerade in den USA gestartet - eine große TV-Serie The Walking Dead gegeben. Und die radikalen Fortschritte in den Gen- und Computerforschungen haben die Diskussionen um Leben und Tod, wie sie zusammengehören und ineinanderüberblenden, nachhaltig erschüttert, nicht nur wissenschaftlich, auch ethisch und politisch. Die Untoten sind uns heute näher denn je.

Nun hat der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl von der Humboldt-Universität in Berlin sie endgültig aus dem Limbus ihres dumpfen Horror-Daseins geholt und damit in weitem Bogen auch ihren Ruf - das Zombie-Dasein, die Zombie-Gesellschaft - rehabilitiert, in einem Gespräch mit Karin Harrasser, abgedruckt in der neuen Ausgabe des Magazins der Kulturstiftung des Bundes (Nr. 16 Herbst/Winter 2010). Es scheint kein Zufall zu sein, dass so eine diffizile Materie am leichtesten - nicht in einem abgeschlossenen Essay abgehandelt werden kann, sondern in einem frei schwebenden Gespräch.

Anders als die Vampire, die als Schreckensfiguren immer die Exoten, die Anderen sind, ist die Abgrenzung zum Zombie eher schwierig. "Zombies sind Wiedergängerfiguren", erklärt Vogl, "das heißt, sie sind nicht ohne das zu denken, was sie heimsuchen ... Da, wo der Zombie auftaucht, weiß derjenige, der ihm begegnet, dass er von ihm gemeint ist und dass einem etwas begegnet, das sich im Augenblick der Begegnung nicht einfach erledigen oder abfertigen lässt." Und er macht das durchaus mit einem gewissen Charme - die Zombies, sagt Vogl, weisen eine Chorus-Line-Existenz auf, sie performieren wie in einem Musical einen Toten- anstelle eines Vitalitätstanzes.

Dem Prinzip der Dynamik, der Unermüdlichkeit, des Fortschritts, das die modernen Gesellschaften bewegt, will der Zombie in seinem unmotivierten Voranwackeln absolut nicht entsprechen. "Man müsste wahrscheinlich die wandernden Figurationen des Untoten in den hochindustrialisierten und hochkapitalisierten Ländern seit dem 19.Jahrhundert als ein Wandern von Erschöpfungszonen begreifen ... Seit dem 19.Jahrhundert sind Verschleiß und Ermüdung ein zentrales Moment des Wiedergängertums. Das setzte sich in damals neuen Formen pathologischer ,Willensschwäche' fort. Im Überschuss des Wollens oder des Wollenmüssens oder auch des Wollenkönnens tauchen Tümpel an Willenlosigkeit auf ..."

Ein Exzess an Vitalität

Der Zombie leistet Widerstand, aber nicht dem gesellschaftlichen System gegenüber, sondern als Teil dieses Systems. Er sabotiert nicht die Produktionsverhältnisse, er will sie auch nicht bekämpfen und verbessern, er ist einfach eins ihrer Nebenprodukte.

Die Willenlosigkeit als Produktivkraft, damit stellt der Zombie das große Konstrukt der Moderne wieder in Frage, den selbstbestimmten Menschen, der seine Identität, seine Geschichte selber konstruiert und sich dafür verantwortlich sieht. Die alte Diskussion um Entfremdung und individuelle Freiheit - und ob und wie stark eine Gesellschaft sie überhaupt ermöglichen kann - drängt die Figur des wandelnden Toten in jenen Hintergrund, der in Erinnerung bringt, "dass die Lebenden im energetischen Zeitalter ihren eigenen Tod produzieren, während sie glauben zu leben".

Es ist eine lange philosophische und kulturwissenschaftliche Tradition, die die Dialektik von Leben und Tod zur gesellschaftlichen Analyse nutzt. Joseph Vogl hat sie in seinen bisherigen Arbeiten intensiv vorgestellt und diskutiert: Nietzsche und Freud, Kafka - von dem das Gespräch im Magazin ausgeht - und Foucault. Denker, die den Tod nicht unter metaphysischen oder religiösen Aspekten einbeziehen, sondern in seinen politischen Implikationen. Besonders heftig kehren die wandelnden Toten in Gesellschaften zurück, die sich durch einen Exzess an Vitalität, einen Vitalitätszwang auszeichnen.

Ist das der wahre Schrecken?

Und die deshalb Individuen besonders leicht der gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen Fremdbestimmung aussetzt: "Ausgerechnet der Überschuss an Kräften, der Überschuss an Energie, der Überschuss an Vitalität ist die Vorbedingung einer sackgassenartigen Verwicklung in die Zugriffsmöglichkeit von Macht."

Die ewige Propagierung von Lebenskräften und -prinzipien schwächt letztendlich das wirkliche Leben. Politik lebt, so lehrt es das Beispiel der wandelnden Toten, vom Primat der Vitalität: eine Politik, die nur an Gesundheit denken und nur die Gesundheit der Gesellschaft wie ihrer Individuen propagieren darf, die in ihren Programmen nur redet von Funktionalität, Wirtschaftlichkeit, Vollbeschäftigung, Sicherheit. Ist das der wahre Schrecken, diese Vision des totalen Wohlstandsstaats - der die Leiblichkeit, die Vergänglichkeit, den Tod verdrängt und wegdrückt?

Das Timing der Wiederkehr der Untoten in diesem Gespräch ist gespenstisch - angesichts der Meldungen und Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung in unserem Land. Nach Monaten der depressiven Mutlosigkeit in Folge der weltweiten Wirtschaftskrise wird nun nur noch vom neuen Wachstum und vom Aufschwung gesprochen. Von Abnutzung, Erschöpfung, Verschleiß - Aspekten, die in die Zukunft und auf den Tod deuten - ist keine Rede mehr. Eine neue Runde im alten Vitalitätstanz.

© SZ vom 12.11.2010/kar
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