bedeckt München 24°
vgwortpixel

Katholische Kirche:Segenskraft durch Verzicht auf Sex?

Bischöfe

Der Zölibat wurde nicht erst im 20. Jahrhundert für grausam und unzeitgemäß erklärt. Von Befürwortern werden die Argumente jedoch konsequent ignoriert.

(Foto: dpa)
  • Der Theologe Hubert Wolf hat ein Buch mit 16 Thesen geschrieben, die den Zölibat sehr alt aussehen lassen. Dabei geht er auch auf die historische Dimension des ewigen Streitfalls ein.
  • Er illustriert die Dringlichkeit der Debatte auch am Priestermangel in europäischen Diözesen und zeigt den Zölibatsverteidigern ihre selbstfabrizierten Widersprüche auf.
  • Für seine Thesen wird Wolf unter anderem als Mitglied einer "Mafia der Kirchenzersetzer" angegriffen.

Es gibt noch Katholiken, die Engeln alles zutrauen. Dem Teufel auch. "Beten wir zum Erzengel Michael", hat ein besonders frommer Engelfreund vor wenigen Tagen seine Facebook-Freunde aufgerufen, "dass er die Kirche vor den Plänen des Widersachers beschützt!" Anlass war ein Treffen, bei dem soeben Kleriker und Theologen in Rom den Zölibat erörterten, jenes Enthaltsamkeitsgebot, das in der katholischen Kirche seit dem Mittelalter vorgeschrieben ist.

Für die Engelverehrer ist der Zölibat sakrosankt und jeder öffentlich vorgebrachte Zweifel dagegen eine Sünde. Mit inhaltlichen Erläuterungen halten sie sich bisher zurück, der Teufel scheint ihr einziges Argument zu sein. Und jetzt kommt auch noch ein geweihter Priester und wirft ihnen 16 gründlich fundierte Thesen vor den Betschemel, von denen jede einzelne den Zölibat sehr, sehr alt aussehen lässt.

Glaube und Religion Papst bezieht Position in Reformdebatte - aber nicht zum Missbrauchsskandal
Katholische Kirche

Papst bezieht Position in Reformdebatte - aber nicht zum Missbrauchsskandal

Papst Franziskus unterstützt die Reformbemühungen der Kirche in Deutschland grundsätzlich - ihm geht es aber weniger um den Zölibat und die Frauenweihe.   Von Matthias Drobinski

Der Münsteraner Theologe Hubert Wolf, 59, hat sich erstmals in seiner nun doch schon gut 30 Jahre währenden Beschäftigung mit der Kirchengeschichte ausführlich und explizit mit dem Zölibat beschäftigt. Sein Fazit: Es gibt keinen theologisch haltbaren Grund, warum die Kirche daran festhalten soll. Im Gegenteil. Alle Argumente haben sich von selbst erledigt oder sind von der Geschichte bloßgestellt worden.

In manchen Gegenden gibt es so wenige Priester, dass nur drei Mal im Jahr Messe gefeiert wird

Seit jeher streitet die Kirche über dieses Thema. Diese historische Dimension des ewigen Streitfalls macht einem Wolfs Buch bewusst. Es erscheint in der kommenden Woche unter dem Titel "Zölibat. 16 Thesen" bei C.H. Beck (190 Seiten, 14,95 Euro). Der Zölibat ist nicht erst im 20. Jahrhundert für altmodisch und grausam erklärt worden. Gegner gibt es, seit es ihn gibt. Die Befürworter haben sich jedoch immer neue Begründungen einfallen lassen.

Zu den rührendsten Rechtfertigungen gehörte der Wunsch von Papst Pius X., dass Priester durch den Glanz ihrer heiligen Keuschheit "den Engeln ähnlich" werden sollen. Dies beschere ihnen die Hochachtung der Gläubigen und verleihe ihnen "übernatürliche Segenskraft". Segenskraft durch Verzicht auf Sex? Zweifellos konnten sich schon im Jahr 1908, als Pius' Lehrschreiben erschien, nur noch die ergebensten unter den Kirchentreuen vorstellen, dass die Enthaltsamkeit flächendeckend praktiziert wurde. Spätestens seit den Enthüllungen sexuellen Missbrauchs durch Priester in allen Teilen der Welt, und seit solche Fälle in den Archiven aufgespürt werden, ist der verschwurbelte Engelsvergleich als Heuchelei überführt.

Und heute? Gehen den Zölibatsbefürwortern die Argumente aus. Die längst fällige Abschaffung ist die letzte Chance der katholischen Kirche, unter Beweis zu stellen, dass sie wenigstens zu einem kleinen Schritt in Richtung Weltoffenheit fähig ist. Wegen ihres Umgangs mit Frauen, mit Schwulen und Geschiedenen, die wieder heiraten wollen, nehmen viele Menschen sie nicht mehr ernst oder nicht mehr wahr. Die einst einflussreichste Institution neben staatlichen Gewalten hat sich durch ihre Unnachgiebigkeit in eine Randlage befördert, in der sie dem Großteil gleichgültig ist.