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Gehört, gelesen, zitiert:Von wegen Historikerstreit

Jürgen Kocka

"Auch wenn man sich darüber ärgert...": Jürgen Kocka.

(Foto: Regina Schmeken)

In der Debatte um das deutsche Kaiserreich spricht der Doyen Jürgen Kocka, gerade achtzig geworden, ein salomonisches Urteil.

Der unermüdliche und hochdekorierte Historiker Jürgen Kocka hat gerade am Montag, dem 19. April, seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert. Kocka ist, obwohl er sich nicht wie ein Doyen benimmt, trotzdem der Doyen der Sozialhistorie - Stichwort: "Bielefelder Schule" - sowie überhaupt einer umfassenden Betrachtung der deutschen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert. Er war Professor in Bielefeld, als Weggefährte des 2014 gestorbenen Kollegen Hans-Ulrich Wehler, er baute das Zeitgeschichts-Institut in Potsdam auf und war in den bewegten Reform-Agenda-Jahren nach der Jahrtausendwende Präsident des Berliner Wissenschaftszentrums. Wer sich mit der Arbeiterbewegung, mit Bürgertum, Nationalismus und Kapitalismus beschäftigt, muss Kocka lesen.

Kurz vor seinem Geburtstag hat Jürgen Kocka nun ein langes Gespräch mit dem Portal Zeitgeschichte online geführt. Er spricht über den Wandel des Preußen-Bildes, über neue Tendenzen seines Faches - Globalgeschichte, Klimawandel, Identitätspolitik - und darüber, dass in der Nachkriegsforschung zum sogenannten deutschen Sonderweg, die den Aufstieg Hitlers erklären wollte, ja auch nicht alles schlecht war. Und in dem jüngsten Streit über die Bewertung des vor 150 Jahren gegründeten Kaiserreichs, der unter anderen zwischen Hedwig Richter ("Demokratie. Eine deutsche Affäre"), Eckart Conze und Andreas Wirsching ausgetragen wird, führt Jürgen Kocka vor, wie man ein salomonisches Urteil spricht:

"Auch wenn man sich darüber ärgert: wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung sind auch ohne Demokratisierung möglich. (...) Man muss akzeptieren, dass der Staat des Kaiserreichs eben beides war: einerseits ein autoritärer Militär-und Beamtenstaat, der den alten Eliten viel Macht und Maßgeblichkeit beließ, Untertanen-Mentalität beförderte und aggressiven Nationalismus züchtete, bis in den großen Krieg hinein; und andererseits das Gehäuse für wirtschaftlichen Aufstieg und Überwindung der Armut, für raschen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel für Aufbruch und Emanzipation. Die neuere Forschung hat sehr viel Neues über den zweiten Aspekt herausgearbeitet und verliert dabei manchmal den ersten aus dem Blick. Dabei ist das konfliktreiche Zusammenspiel der beiden Seiten des Kaiserreichs aus heutiger Sicht das eigentlich Spannende. Sie standen nicht nur gegeneinander, sondern sie beförderten sich auch gegenseitig. Diese durch und durch irritierende Einsicht darf man nicht verdrängen. Keine der beiden Seiten darf zugunsten der anderen wegnivelliert werden."

© SZ/SZ/knb
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