Zink Kleines reiches Land

Kaum einer kennt Neutral-Moresnet, das Territorium, das von 1818 bis 1916 existierte, vier Quadratkilometer, mit ganz eigenen Bedingungen. David Van Reybrouck erzählt seine Geschichte. Der Abbau von Zinkerz hat die Gegend reich und glücklich gemacht.

Von Nicolas Freund

Zink ist ein sehr wandelbares Metall. Schon bei niedrigen Temperaturen lässt es sich leicht bearbeiten und in jede gewünschte Form bringen. Zink ist ein Bestandteil von Messing, und Zink rostet nicht, eine Eigenschaft, die es mit Gold teilt. Es wird zu Geschirr verarbeitet, und die Dächer von Paris sind mit diesem Metall gedeckt. Zink ist vielfältig einsetzbar, auch als schillernde Metapher.

Mit seinem Bestseller "Kongo. Eine Geschichte", der 2012 auf Deutsch erschienen ist, wurde der Autor David Van Reybrouck international bekannt. Die groß angelegte Studie, für die er Hunderte Interviews führte und mehrmals in den Kongo reiste, zeichnet ein großes Panorama eines großen Landes. Für "Zink", sein neues, kleines Buch, kehrt Van Reybrouck nach Europa zurück, in ein sehr kleines Land: Neutral-Moresnet, ein keine vier Quadratkilometer großes Territorium, das von 1816 bis 1919 zwischen den wechselnden Grenzen der Niederlande, Belgiens, Preußens und des Deutschen Reichs existierte. Die einzige Stadt in dem Gebiet ist Kelmis, auch bekannt als La Calamine oder Altenberg. Dort wurde seit Jahrhunderten, vielleicht auch schon Jahrtausenden, Zinkerz abgebaut. 1815, nach der Schlacht bei Waterloo, konnten sich Preußen und die Niederlande nicht einigen, auf welchem Staatsgebiet die begehrte Erzmine liegt, so wurde Kelmis mit der Grube und seinen Bewohnern schließlich zum neutralen Gebiet erklärt.

"Wahlen? Hat es nie gegeben. Steuern? Äußerst niedrig ..."

Wie in "Kongo" erzählt Van Reybrouck die Geschichte Neutral-Moresnets nah an den Menschen, am Beispiel Joseph Rixens, der am 14. Februar 1903 in Kelmis als "Neutraler" geboren wurde. Seine Mutter, eine preußische Magd, war wegen einer ungewollten Schwangerschaft in Ungnade gefallen und in das kleine Niemandsland geflohen. Wie man sich denken kann, zog das Gebiet, in dem sich die einzigen zwei Polizisten eine Pistole teilen mussten, eine Menge Verzweifelter, aber auch viele zwielichtige Gestalten an. "Wahlen? Hat es nie gegeben. Steuern? Äußerst niedrig und nicht nachvollziehbar; die Berechnung basiert auf dem Besitz an Grund und Boden und der Anzahl der Türen, Fenster, Möbel und Hausangestellten. Währung? Keine."

So vergnüglich diese Skurrilitäten aus dem Zwergstaat sind, so dramatisch verläuft das Leben Rixens, der wie seine Heimat sprichwörtlich zwischen die Fronten der europäischen Großmächte geriet. Sowohl Deutschland als auch Belgien zogen im Ersten Weltkrieg Bewohner Neutral-Moresnets als Soldaten ein. Gerade noch Nachbarn, standen sie sich nun im Schützengraben gegenüber. Rixen kämpfte in zwei Weltkriegen, war Kriegsgefangener und Bürger von fünf Staaten, ohne je den Wohnort zu wechseln.

Immer wieder entzündeten sich an diesem kleinen Staatsgebilde mitten in Europa aber auch utopische Fantasien. So gab es Bestrebungen, das kleine Land "zur Welthauptstadt des Esperanto auszubauen". Das Scheitern liegt in der Natur solcher Bestrebungen.

Van Reybrouck hat sich jüngst gegen das repräsentative Wahlsystem und für eine Mischung aus Wahl- und Losverfahren ausgesprochen. "Zink" lässt sich als historische Fallstudie, aber auch als Metapher auf den Staat lesen, dem man, wie dem Metall, eine andere Form geben kann und manchmal auch muss. Ein nicht ungefährlicher Prozess. Zink lässt sich, so Van Reybrouck, schon bei 120 Grad verformen, bei 907 Grad beginnt es zu verdampfen.