Operette:Borstenvieh und Gänsefüßchen

Die Komische Oper in Berlin traut sich an den, jawohl: "Zigeuner"baron

Von Julia Spinola

Operette: Der "Zigeuner"baron Johann Strauss in der Inszenierung von Tobias Kratzer, Bühnenbild und Kostüme: Rainer Sellmaier

Der "Zigeuner"baron Johann Strauss in der Inszenierung von Tobias Kratzer, Bühnenbild und Kostüme: Rainer Sellmaier

(Foto: Monika Rittershaus/Monika Rittershaus)

Was macht man, wenn man etwas sagen will, von dem man vorher schon weiß, dass man es hinterher nicht gesagt haben möchte? Man legt es jemand anderem in den Mund und setzt es in Anführungszeichen. Ein bisschen so geht die Komische Oper Berlin jetzt mit der berühmten Strauss-Operette um, deren Name allein schon ausreicht, um Diskussionen über Antiziganismus hochkochen zu lassen. Premiere feierte daher der "Zigeuner"baron, um, so Regisseur Tobias Kratzer, zu signalisieren, dass der mit rassistischen Zuschreibungen belastete Titel "nicht hirnlos reproduziert" werde. Zudem wird das skandalträchtige Z-Wort ausführlich und korrekt gerahmt, nicht zuletzt durch eine geplante Diskussionsveranstaltung mit dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma: Obwohl, auch darauf wird hingewiesen, die von Strauss und seinem Librettisten Ignaz Schnitzer im Jahr 1885 erfundenen Operetten-"Zigeuner" mit der Lebensrealität der Sinti und Roma im Vielvölkerstaat der Donaumonarchie ohnehin nichts zu tun haben.

Szenisches Äquivalent für politisch korrekte Gänsefüßchen: Rahmenhandlungen und Meta-Ebenen

Das szenische Äquivalent für politisch korrekte Gänsefüßchen sind Rahmenhandlungen und Meta-Ebenen. Die Geschichte vom draufgängerischen Exilanten Sándor Barinkay, der seine Heimat als Ruine vorfindet, die verklemmte Tochter des Schweinezüchters heiraten soll, sich stattdessen in die "arme Zigeunermaid" Saffi verliebt, mit verwirrtem Kopf in den Krieg zieht und am Ende doch die Richtige heiratet - der gesamte Operettenschmonzes also wird aus der Perspektive des bösen Reaktionärs Graf Homonay erzählt, der sein Ohr am Soldatenlieder plärrenden Grammophon der "guadn oidn Zeit" hat und von dem wir uns auch an dieser Stelle ausdrücklich distanzieren möchten. Soweit die Rahmhandlung, die zur immerhin gute sieben Minuten dauernden Ouvertüre die pantomimischen Möglichkeiten des Baritons Dominik Köninger arg strapaziert. Meta-Ebene ist das "Zigeunerschnitzel", das er verschlingt, das dennoch nie alle wird und das dergestalt als stummer Mahner auf der Bühne verbleibt, in dem jedermann (und jedefrau) nach Belieben herumstochern kann.

Mix von derber Klamotte und reflektierender Verfremdungsmomente

Kratzer hat erkannt, dass es sich um die musikalisch heterogenste Operette von Strauss handelt. Um der wilden Mischung aus opernhaften, dadaistisch-komischen und intim-chansonhaften Nummern gerecht zu werden, mixt er derbe Klamotte und reflektierende Verfremdungsmomente. Das berühmte Schweinefürst-Couplet ("Borstenvieh und Schweinespeck") führt der Bassist Philipp Meierhöfer als Werbefilm seines in Osteuropa expandierenden Wurst-Imperiums vor. Die Musik dazu kommt vom Band. Für die Liebesszene mit der blaustrümpfigen Fabrikantentochter Arsena klettert der biedere Ottokar eine Leiter zur Proszeniumsloge hoch. Der großmäulige Sándor zwängt sich stattdessen mit seiner begehrten Saffi in eines der Wurfzelte ihrer Großfamilie. Beim "Werberlied", mit dem der böse, reaktionäre Homonay das Volk zum Krieg verführt, schmeißen sich plötzlich alle Männer inklusive des hinter der Szene auf der Bühne platzierten Orchesters in knallbunte Husarenuniformen (Kostüme: Rainer Sellmaier) und verschwinden. Die zurückbleibenden Frauen singen ihr Couplet nach Art eines Brettl-Liedes zur Triobegleitung mit Klavier, Trompete und Stehgeige. Das Tschingderassabum der Kriegsheimkehrer konterkariert die Szene mit der drastischen Darstellung der Kriegstraumata. Meierhöfer hat hier seinen großen Auftritt als kinskihafter Irrer mit klaffender Verwundung.

So klug das alles ausgedacht scheint, so wenig will es zünden. Das liegt zum einen an der zwar leichtfüßigen, aber auch recht blass klingenden reduzierten Orchestersetzung unter Stefan Soltesz, der alle Extreme scheut, die man in diesem Strauss jedoch auskosten müsste. Zum anderen auch an einer Sängerbesetzung, die musikalisch wenig Höhepunkte beschert und bis auf Thomas Blondelles protzig-lautem Tenor in der Partie des Sándor und Mirka Wagners durchdringendem, irisierenden Sopran als Saffi wie in Anführungszeichen singt. Vielleicht steht der Produktion, die ursprünglich schon im vergangenen Januar herauskommen sollte, auch der Umstand im Weg, dass es sich, wie Intendant Barrie Kosky in seiner Begrüßung verriet, um die am längsten geprobte Operette der Geschichte handelt. Nicht alles, was lange währt, wird auch gut. Das Schnitzel jedenfalls, so viel steht fest, kann nichts dafür.

© SZ/rich
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