"Zero Dark Thirty" im Kino:Wundersame Vermehrung von Männern

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Den Angriff auf das World Trade Center nicht zu zeigen, sondern nur Schwarzfilm mit Ton zu unterlegen - so ungefähr hat es auch schon Michael Moore in "Fahrenheit 9/11" gemacht. Die Unübersichtlichkeit der langjährigen Ermittlungen hat Bigelow nicht entwirrt. Sie stiftet eher noch unnötig Verwirrung: In der entscheidenden Sitzung, in der darüber diskutiert wird, ob sich Bin Laden in dem Haus in Abbottabad versteckt hält, ist das Hauptargument dafür, es müsse der drei Frauen wegen auch einen dritten Mann dort geben. Als hätte keiner der Anwesenden je von der Vielehe gehört. Bei der Erstürmung des Hauses sind dann plötzlich vier Männer da. Sollte es für die wundersame Vermehrung der im Haus befindlichen Personen einen Grund geben, wird er im Film zumindest nicht erwähnt.

Solche Patzer hat Kathryn Bigelow in "The Hurt Locker" nicht gemacht. Sie hat den Oscar vor zwei Jahren zu Recht bekommen, und dass sie diesmal nicht für ihre Regie nominiert ist, ist ebenfalls richtig. Auch wenn es dann immer noch frustrierend ist, dass die einzige weibliche Oscargewinnerin für Regie ihre Filme macht wie ein Kerl. Und das tut sie, nicht nur der Action wegen. Maya sieht nur aus wie ein Mädchen, ansonsten ist sie wie die Männer in "The Hurt Locker" - sie hat keine anderen Prioritäten als die Jagd. Sie hat kein Leben, bloß einen Beruf. Und es gibt keinen Moment, in dem Kathryn Bigelow einen Blick auf sie wirft, den nicht auch ein männlicher Regisseur so werfen würde. Einmal sitzt Maya allein am Frühstückstisch mit einem sexy verrutschten Strickjäckchen, das sie nicht über die Schulter hochzieht - für eine solche Einstellung braucht man jetzt nicht unbedingt eine Frau hinter der Kamera.

Bigelows wichtigste Entscheidung in "Zero Dark Thirty" ist die Zeichnung ihrer Hauptfigur - und sie weiß natürlich selbst ganz genau, dass es unvoreingenommene Darstellungen nicht gibt. Jeder Lichteinfall von hinten und jede Kamerabewegung sind Teil der Charakterisierung. Wir sind zweieinhalb Stunden bei Maya, und Maya hat immer Recht in einer Welt, in der alle anderen Unrecht haben - eine kritische Darstellung dieser Figur ist nicht in Sicht.

Ist schon klar: Ein Agent, der in einem Land wie Pakistan arbeitet, braucht Nerven wie Drahtseile und darf nicht zimperlich sein. Aber Maya hat den schwerwiegenden Schönheitsfehler, dass sie bei ihren Ermittlungen in Gefängnissen auf systematische Folter, Demütigung und Einschüchterung setzt und es richtig findet - und so, wie Bigelow sie inszeniert, ist sie dabei eine Heldin. Hätte man sie nur gelassen, ach, sie hätte Bin Laden schneller gekriegt - aber es hat eine Verwechslung gegeben, und dann fangen die feigen Bedenkenträger im Weißen Haus an, ihr immer wieder dazwischenzufunken.

Maya ist die letzte aufrechte Kämpferin in einer Geheimdienstwelt der zaudernden Weicheier, und sie irrt nie. Gerade in den letzten Szenen, wenn die Jägerin in ein tiefes Loch fällt, weil ihr der Lebensinhalt abhandengekommen ist - da braucht Kathryn Bigelow keinem zu erzählen, dass sie uns hier nicht diese Frau nahebringen will, die ihr Privatleben zwölf Jahre lang auf einem Altar für die Weltsicherheit dargebracht hat.

Für die eigene Haltung ist jeder verantwortlich

"Zero Dark Thirty" ist ein Film mit viel zu vielen Längen und zu wenig Inspiration, und irgendwie muss man sagen: Die Kontroverse, die innere Debatte, die er einem aufzwingt, ist auf verquere Weise noch das Interessanteste an ihm. Jeder Film ist ein wenig mehr als das, was seine Schöpfer abgeliefert haben, wir spinnen ihn im Kopf weiter. Was wir denken und empfinden, ist Teil der Vorstellung - auch der innere Widerstreit oder der Protest, den er provoziert. Für seine eigene Haltung ist letztlich jeder selbst verantwortlich, auch als Zuschauer, egal, was auf der Leinwand zu sehen ist.

Zero Dark Thirty, USA 2012 - Regie: Kathryn Bigelow. Drehbuch: Mark Boal. Kamera: Greig Fraser. Schnitt: Dylan Tichenor, William Goldenberg. Mit: Jessica Chastain, Jason Clarke, Joel Edgerton, Jennifer Ehle, Mark Strong. Universal, 156 Minuten.

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