Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland:Wunder im Werden

Gedächtnis der jüdischen Gemeinden zieht in das Landfriedhaus

Ittai Joseph Tamari ist der dritte Direktor des Zentralarchivs, das es seit 1987 in Heidelberg gibt.

(Foto: Philipp Rothe/Zentralrat der Juden)

Damit vom deutschen Judentum nicht nur "Schindlers Liste" bleibt: Ein Zentralarchiv in Heidelberg dokumentiert jüdisches Leben seit 1945.

Von Moritz Baumstieger

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liegen in dieser alten Tabakfabrik in Heidelberg recht eng beisammen. Während in den oberen Stockwerken Südwestdeutschlands einziger Softwareriese sein "AppHaus" eingerichtet hat und in Loftatmosphäre Anwendungen für die Zukunft entwickelt, versucht im zweiten Stock Ittai Tamari, die Vergangenheit festzuhalten. Damit sie auch in der Zukunft verstanden werden kann.

Tamari sagt über sich selbst, er sei "einer, der nicht so gut loslassen kann" - zu Hause habe er kaum Platz für Möbel, weil sich 8000 Bücher entlang der Wände stapeln. So eine Sammelleidenschaft ist sicher nicht hinderlich, wenn man so etwas wie ein zentrales Gedächtnis einer Gemeinschaft auf- und ausbauen will. Genau das tut Ittai Tamari. Seit fünf Jahren leitet er das "Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland".

Gegründet wurde die Institution 1987, um das jüdische Leben im deutschsprachigen Raum nach 1945 zu dokumentieren. Nach Jahren in beengten Kellern ist das Archiv nun umgezogen, die neuen Räume in der alten Fabriketage, durch die Tamari in eiligem Schritt führt, werden am Dienstag mit einem Festakt eingeweiht. Stolz zeigt der Archivleiter brandsichere Kartons, Reihen von Rollregalen, die sich trotz ihres tonnenschweren Inhalts spielend bewegen lassen, "Sehen Sie? Man muss nur ganz leicht die Kurbel an der Seite drehen."

"Guten Tag, ich bin vom Staatschutz - könnte ich wegen des Festakts am Dienstag die Räumlichkeiten sehen?"

In derzeit 2300 Regalmetern stapeln sich die Belege für das, was Tamari "ein Wunder" nennt: Aufzeichnungen aus Frankfurter Suppenküchen kurz nach Kriegsende, wo jüdische Überlebende von Polen kommend nach langen Fußmärschen gestrandet waren. Protokolle von Vorstandssitzungen wiederbelebter jüdischer Gemeinden, in denen große gesellschaftspolitische Themen und kleine persönliche Zwistigkeiten verhandelt wurden. Nach- und Vorlässe jüdischer Schriftsteller und Intellektueller, Familienpapiere in einem antiken Seemanskoffer, Handwerkerrechnungen und Baupläne, etwa für die neue Synagoge am Münchner Jakobsplatz. Nach der Nazizeit seien Juden kaum in Deutschland geblieben, weil sie das gewollt hätten, sagt Tamari. "Sie sind geblieben, weil sie sonst niemand haben wollte." Und dass aus dieser Ansammlung von körperlich oder psychisch Versehrten wieder ein Gemeindeleben habe aufblühen können: "Das war nicht vorherzusehen."

Tamari ist es wichtig, dass kommende Generationen sich einmal diesem Wunder nähern können - "und zwar durch die echten Daten, nicht durch Metadaten". Jede Geschichtsschreibung ist schließlich Interpretation, die den Perspektiven ihrer Zeit folgt. In 200 Jahren aber würden die Menschen sicher ganz anders auf Vergangenes blicken als heute. "Wenn wir die Quellen nicht bewahren, fürchte ich, das alles, was vom Judentum in Deutschland in Erinnerung bleibt, 'Schindlers Liste' ist", sagt er. Die Monstrosität des industriellen Massenmords durch die Nazis überstrahle oft, dass es vor, während der Schoa und eben auch danach jüdisches Leben in Deutschland gab. Und gibt.

Das Wunder, das er dokumentiere, sei aber immer noch ein "Wunder im Werden": "Wir müssen noch daran arbeiten, dass die nächste Generation hierbleibt", sagt Tamari. "wir hadern noch." Und wie zur Illustration seiner Worte, er würde sich so sehr nach einem Leben sehnen, in dem nicht jede jüdische Einrichtung, jedes jüdische Fest von der Polizei bewacht werden muss, steht kurz darauf ein Herr im Foyer, kurze Haare, Polohemd. "Guten Tag", sagt er, "ich bin vom Staatschutz - könnte ich wegen des Festakts am Dienstag die Räumlichkeiten sehen?"

Die Räumlichkeiten - Tamari nennt sie ein "archivarisches Paradies". Also nicht im Gespräch mit dem Beamten in Zivil, der sich eher für Ein- und Ausgänge interessiert, sondern wenn er in der Republik unterwegs ist, um Kultusgemeinden oder Privatpersonen davon zu überzeugen, dass seine Fabriketage in Heidelberg der ideale Ort für ihre Dokumente ist. Jederzeit würden er und seine Mitarbeiter den Gebern digitale Versionen der Dokumente schicken, falls sie die benötigten, "schneller findet sie die Gemeindesekretärin im Keller auch nicht". Und Geber hätten 70 Jahre lang das Recht, Anfragen auf Einsicht der Dokumente durch Wissenschaftler, Interessenten oder Familienforscher abzulehnen oder zu genehmigen - "länger als irgendwo sonst".

Von 1905 bis 1938 gab es bereits das "Gesamtarchiv der deutschen Juden"

Bevor die Dokumente in die stapelbaren Boxen kommen, die gegen Feuer und Wasser schützen, müssen sie - jede Profession hat ihr Vokabular - "entmetallisiert" werden. Also Büroklammern und Tackernadeln raus, sie könnten das Papier durch Rost beschädigen. Dann wird der Inhalt noch grob verschlagwortet. Privat mag Tamari seine Bücher einfach entlang der Wand stapeln, beruflich arbeitet er darauf hin, neben einer Dokumentensammlung eine digitale Datenbank aufzubauen, die mit anderen Institutionen weltweit vernetzt ist.

Denn sein vom Zentralrat der Juden getragenes Archiv hatte einen Vorläufer, das von 1905 bis 1938 bestehende "Gesamtarchiv der deutschen Juden". Als die Nazis es beschlagnahmten, zerstörten sie die Dokumente nicht - "sie waren nützlich, um Juden nachzuspüren", sagt Tamari. Nach Kriegsende nahmen die Amerikaner große Teile des Materials mit, es lagert nun in Cincinnati. Manche Akten gingen nach Jerusalem, wieder andere nach Russland. Dokumente zu Juden, die über Frankreich auswanderten, sind in Paris, die von jenen, die nach Italien flohen, in Mailand. Und obwohl er all diese Akten gerne hier in Heidelberg hätte, müsse er Realist sein, sagt Tamari. "Keiner wird seine Bestände zurückgeben."

Bislang jedoch bestehe das Netzwerk, von dem er träumt, "eher aus Löchern denn aus Knoten", das gibt Tamari zu. Bei der Erfassung der Dokumente für Datenbanken liege der Rückstau im Zentralarchiv "derzeit etwa bei 75 Prozent". Die Vergangenheit in die Zukunft überführen, das geht auch in der Heidelberger Tabakfabrik nur in kleinen Schritten.

© SZ/dbs
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