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Zeitgeschichte:Schöne Seele, blutige Taten

Horst Mahler mit Otto Schily, 1972

Horst Mahler (l.) im Gespräch mit seinem Anwalt Otto Schily, 1972.

Spät entdeckt: Ein Brief von Heinrich Böll an Horst Mahler vom 25. Mai 1972.

Von Willi Winkler

Ein Gespräch über Bäume zur Unzeit kann ein Verbrechen sein, ein Gespräch über Gewalt im Jahr 1972 war es ganz bestimmt. Das Bisschen mehr Demokratie, das Willy Brandt wagen wollte, zerrann wie die hauchdünne Mehrheit der sozialliberalen Koalition, die Ministerpräsidenten der Länder beschlossen den Radikalenerlass gegen alles überschüssig Linke, die Ostverträge wurden zur nationalen Gewissensfrage, und die RAF begann ihre so populäre wie gefürchtete zweite Existenz als Bande von Pistoleros.

"In die Bank und durchgeladen" titelte der Spiegel im Januar des Jahres über die Freischärler um Andreas Baader und Ulrike Meinhof, aber im Spiegel erschien auch ein Aufruf von Heinrich Böll mit der (nicht von ihm gewählten) Überschrift "Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?" Sie wolle möglicherweise gar keine Gnade, hieß es im Text, "wahrscheinlich erwartet sie von dieser Gesellschaft kein Recht. Trotzdem sollte man ihr freies Geleit bieten, einen öffentlichen Prozess, und man sollte auch Herrn Springer öffentlich den Prozess machen, wegen Volksverhetzung". Denn die Art, wie Bild das Wirken der RAF begleitet, ist für ihn "nicht mehr kryptofaschistisch, nicht mehr faschistoid, das ist nackter Faschismus, Verhetzung, Lüge, Dreck."

Horst Mahler saß zu seinem Glück bereits seit dem Herbst 1970 im Gefängnis

Nie in der Geschichte des Spiegel hat ein Artikel solches Aufsehen erregt wie der Aufruf Heinrich Bölls zum Waffenstillstand (verbunden allerdings mit heftigen Attacken gegen Springers Bild). Er wurde nicht bloß in den Zeitungen und im Fernsehen, sondern sogar im Bundestag diskutiert. Gerhard Löwenthal schimpfte im Fernsehen über "die Bölls und Brückners", die "Sympathisanten dieses Linksfaschismus", die auch nicht besser seien "als die geistigen Schrittmacher der Nazis". Doch auch die RAF war von diesem grüblerischen Text keineswegs überzeugt. Sie seien "ziemlich wütend" gewesen, behauptete Irmgard Möller, die mit den Anführen in Stammheim im Gefängnis saß. Vom Krieg von 6 gegen 60 Millionen, wie sich der Kampf für Böll darstellte, wollten die Krieger von der RAF nichts hören. Sie wollten sich keiner Volksfront gegenübersehen, sondern im Namen des Volkes "die Regierung und den Staat" bekämpfen.

Der Rechtsanwalt Horst Mahler, Anstifter und Begründer der RAF, aber bereits seit Herbst 1970 im Gefängnis, reagierte auf Bölls Appell mit einer geschraubten Entgegnung. Zu seinem Glück war er bereits im Herbst 1970 verhaftet worden, aber sein Kampfeswille war in diesem Frühjahr 1972 noch ungebrochen. In einem Leserbrief aus dem Gefängnis warf er dem Schriftsteller, der zugleich PEN-Präsident war, allen Ernstes vor, man müsse, um die Verhältnisse wirklich zu ändern, "auf die Wonne verzichten, dem Publikum als 'schöne Seele' zu gelten". Außerdem kenne er, der populäre Schriftsteller Böll, das Volk nicht, für das zu kämpfen die RAF immer wieder behauptet hatte. Selbstsüchtig sei sein Engagement und eitel. "Ist Ihnen verborgen geblieben, dass alle Appelle an die RAF aufzugeben, nur dem eigennützigen Interesse ihrer Autoren dienen, die für sie lebensnotwendige Lüge von der Vergeblichkeit eines wirkenden Widerstands wiederherzustellen?"

Für die RAF war Böll wie Gustav Heinemann, der dem wiederbewaffnungswilligen Adenauer widerstanden hatte und inzwischen Bundespräsident war, ein Liberaler, einer, der als "schöne Seele" für einen schöneren Schein auf die Gewalt sorgte, vielleicht wirklich nicht mehr als ein nützlicher Idiot. Heinrich Böll hat auf diesen Unsinn, wie jetzt bekannt wird, tatsächlich geantwortet. In ihrer aktuellen Ausgabe bringt die Zeit einen Brief, den er erst drei Monate nach Mahlers Zurechtweisung geschrieben hat. Wie schon durch Günter Grass, der ihn in der Süddeutschen Zeitung recht staatstragend für seine Intervention getadelt hatte, fühlt sich Böll von Mahler nach deutscher Art und Kunst, also lehrerhaft gemaßregelt. Den Vorwurf, dass ihm das Volk so unbekannt sei, weist er zurück. "Was für den Arbeiter die Verfremdung ist, ist für den Autor Fremdheit."

Vor allem aber wendet Böll sich gegen die Gewaltphilosophie, wie sie Mahler vertritt. Die Gewalt als Mittel zur Veränderung der Verhältnisse könne "nur eine Gewalt sein, die eine Minorität, dabei eine ganz winzige Minorität, gegen die überwiegende Mehrheit des Volkes ausübt". Als Böll Mahler antwortete, am 25. Mai 1972, war der "wirkende Widerstand" der RAF bereits in vollem Gang. Der irreguläre deutsche Arm der vietnamesischen Volksbefreiungsarmee hatte mit seinem Feldzug gegen amerikanische Kasernen und den Springer-Verlag begonnen. In Frankfurt und Heidelberg starben vier Menschen, Dutzende weitere wurden in Hamburg, Augsburg und München verletzt, wenige Wochen später war die gesamte erste Generation der RAF gefangen. Das Volk hatte bei der Ergreifung mitgeholfen.

Die Literaturgeschichte verdankt dem Streit um Böll immerhin seine von Friedrich Schiller inspirierte Novelle "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Und Max Goldt empfiehlt dringend, sich von der Bild-Zeitung fernzuhalten: "Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun."

© SZ vom 08.12.2017
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