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Zeitgeschichte:Hassen für Deutschland

Klebezettel des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, 1930.

(Foto: The Wiener Library for the Study of the Holocaust & Genocide, London)

Eine Ausstellung im Berliner Deutschen Historischen Museum zeigt antisemitische Aufkleber.

In der Berliner Stadtbahn bemerkte ein Mitarbeiter des Märkischen Museums 1893 den Aufkleber: "Kauft nicht bei Juden". Sorgsam entfernte er ihn, notierte Ort und Zeit des Fundes. Nun hängt der unscheinbare Zettel neben zu Hetzzwecken imitierten Bahnfahrkarten - "Nach Jerusalem. Hin, aber nicht zurück!" - in einer Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin. Zu sehen sind dort antisemitische und rassistische Klebezettel, Sammelmarken, Briefverschlussmarken, Sticker aus gut 120 Jahren - und einige Beispiele der Gegenwehr, die etwa der 1893 gegründete Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens organisierte. "Fanatische Judenhetzer enden meist im Irrenhaus . . . ", hieß es 1908 und 1935, als der Antisemitismus Staatsräson geworden war: "Lieber einen König von Gottes Gnaden / als einen Idioten aus Berchtesgaden".

Die Ausstellung verdankt sich der Initiative des Sammlers Wolfgang Haney, der 1924 als Sohn einer jüdischen Mutter in Berlin geboren wurde, der Expertise des Zentrums für Antisemitismusforschung und der jahrelangen Arbeit von Irmela Mensah-Schramm. Seit 1986 zieht sie mit Spachtel und Sprühdose durch die Straßen Berlins und entfernt und dokumentiert rassistische und antisemitische Aufkleber.

Das Repertoire des Hasses hat sich nur wenig gewandelt. "Volksverräter" hießen einst jene, die doch "bei Juden" einkauften, bevor der Raub- und Mordzug der Volksgemeinschaft begann; heute ruft man das Angela Merkel hinterher. Weil man "besorgt" ist, heißt es: Aber ob nun Mitte der 1890er-Jahre das Frankfurter Hotel "Kölner Hof" für sich warb, es sei "judenfrei" oder der "Kameradschaftsbund Barnim" 2003 "Bratwurst statt Döner!" forderte - über all die Jahrzehnte wird geduckt aggressiv und mit der immer gleichen Reinheitshysterie ein "Eigenes" verteidigt, das sich durch nichts anderes auszeichnet als dadurch, angeblich in Gefahr zu sein. Zu diesem Hass gehört die Untergangsfantasie und der Glaube an den "Notstand" - und also das Recht zuzuschlagen.

Diese Klebezettel und Sticker hatten und haben nicht die Funktion, eine Meinung kundzutun. Sie sollen das Revier markieren, die Verwandlung des öffentlichen Raums in einen Gewaltraum vorantreiben, einen Raum also, der nicht mehr allen zugänglich ist, einen Raum, in dem zugeschlagen und gemordet wird. Als in München 1948 vor Gaststätten, die angeblich Juden gehörten, antisemitische Pappschilder auftauchten - "6 Millionen Juden wurden zu wenig vergast" -, flogen bald auch Steine. Als 2014 in Hoyerswerda ein Denkmal zur Erinnerung an das Pogrom von 1991 - tagelange Krawalle gegen DDR-Vertragsarbeiter und Asylsuchende - eingeweiht wurde, lagen danach Zettel herum "Nein zum Denkmal".

Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute. Deutsches Historisches Museum, Berlin. Bis 31. Juli. www.dhm.de