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Zeitgeschichte:Hamburger Stolpersteine

Eine der vielen Publikationen des Hamburger Instituts: die Dissertation der heutigen Direktorin Miriam Rürup.

(Foto: Wallstein Verlag)

Vor 50 Jahren wurde das erste "Institut für die Geschichte der deutschen Juden" gegründet. Bei wieder grassierendem Rassismus gibt es viel zu tun.

Von Till Briegleb

"Juden-Institut feierlich eröffnet", betitelte die Welt am 5. Mai 1966 eine Meldung, deren Anlass von historischer Bedeutung war. 21 Jahre akademischer Grabesruhe waren seit Kriegsende verstrichen, bis in der Bundesrepublik ein Institut gegründet werden konnte, das sich der Geschichte der deutschen Juden widmete. Vor der faschistischen Machtergreifung hatte es im Deutschen Reich zwar einige Professuren für Judaistik gegeben. Aber die 1966 in einer kleinen Wohnung im Hamburger Grindelviertel ihre Arbeit aufnehmende Forschungsstelle war nach Jahrhunderten des Zusammenlebens die erste staatliche Einrichtung, die sich wissenschaftlich dem jüdischen Leben in Deutschland widmete.

Als nun dieser Tage das 50-jährige Jubiläum des "Instituts für die Geschichte der deutschen Juden" mit einem Senatsempfang in Hamburg begangen wurde, taugte das Novum, das damals als "deutsches Leo-Baeck-Institut" begrüßt wurde, für keine kruden Schlagzeilen mehr. Die Aufarbeitung dieser Geschichte ist in Deutschland mittlerweile auch institutionell so gesichert, dass die Goldene Hochzeit der akademischen Wiedervereinigung von jüdischer und deutscher Historiographie kein großes Datum mehr zu sein scheint. Dabei lehrt gerade die Eigengeschichte des IGDJ viel über den Wandel des historischen Selbstverständnisses in der BRD, wie eine umfangreiche Festschrift belegt.

So stand die Vertuschung personeller Kontinuität aus dem Dritten Reich, die den Wiederaufstieg Deutschlands zum demokratischen und ökonomischen "Wunderland" begleitete, auch am Anfang der Institutsgründung. Fritz Fischer, Ordinarius für Geschichte an der Universität Hamburg, der mit einer "Arbeitsgemeinschaft für die Geschichte der Juden" das Feld für die Institutsgründung bereitet hatte, war 1933 in die SA eingetreten und hatte sich in Kriegsvorträgen über das "Eindringen des Judentums in Politik und Kultur" ausgelassen. Auch der erste Fast-Direktor war ein gewendeter Antisemit. Der Münsteraner Historiker Karl Heinrich Rengstorf hatte ebenfalls 1933 die SA und ein Jahr später den NS-Lehrerbund als geistige Heimat gewählt, wurde aber schließlich wegen Mitgliedschaft in einer christlichen Missionsgemeinschaft nach dem Krieg für untauglich befunden, als Gründungsdirektor einer akademischen Stelle für die Betrachtung der jüdischen Geschichte anzutreten.

Auch das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel war damals keineswegs herzlich, wie die langjährige juristische Auseinandersetzung um den Dokumentenbestand der jüdischen Gemeinde zeigte, die vor der Gründung geklärt werden musste. Israel bestand darauf, das erstaunlich vollständige Hamburger Akten-Archiv aus Deutschland nach Jerusalem zu bringen, weil man dem neuen Staat nicht traute. Auf deutscher Seite dagegen wehrte man sich dagegen, insbesondere die Dokumente der NS-Zeit an "die Juden" auszuliefern. Ein Kompromiss, der den Aktenbestand teilte und die jeweils andere Hälfte als Mikrofilm-Kopien ergänzte, so dass das Archiv seither doppelt in Hamburg und Jerusalem einzusehen ist, legte den Grundstock für das neue Institut.

Wenn Rassismus wiederkehrt, wird Alltagsgeschichte wichtig

Der dann tatsächlich berufene Gründungsdirektor, der aus Haifa zurückgekehrte Historiker, Philosoph und Judaist Heinz Moshe Graupe, prägte das Institut durch seinen Anspruch, die gesamte gemeinsame Geschichte von Juden und Deutschen untersuchen zu wollen. Ausgrenzungs- und Holocaust-Forschung standen von Beginn an nicht allein im Fokus der Instituts-Projekte. Vielmehr ging es darum, dass sich die Auslöschungs-Politik von Hitler-Deutschland nicht auch im Bereich des Wissens fortsetzen sollte. Und dieser optimistische Ansatz, der den Glauben an die gemeinsame Geistes- und Kulturgeschichte von Deutschen und Juden bewahrte, führte in 50 Jahren zu Publikationen zu allen Bereichen des jüdischen Lebens und weit über die deutschen Grenzen hinaus: Von geistesgeschichtlicher Forschung zum 17. Jahrhundert oder zur Integration der sephardischen Juden über Fragen der Frauenrollen und des Sports, vom Jiddischen bis zu Flüchtlingssiedlungen in der Dominikanischen Republik reichten die Themen des Instituts, das sich damit zu einem der bedeutendsten europäischen Forschungsstellen für die Kulturgeschichte der Juden entwickelt hat.

Das verzweigte Interesse an allen Facetten des jüdischen Daseins in Deutschland mag dennoch der Grund sein, warum das IGDJ, das heute mit 15 Mitarbeitern und großer Bibliothek in einem ehemaligen Finanzamt untergebracht ist, stets ein wenig im Schatten jener Einrichtungen stand, die sich primär mit der Aufarbeitung der Nazi-Zeit befassen. Der Holocaust ist und bleibt das alles bestimmende Thema, wenn es um die gemeinsame Geschichte der Juden und der Deutschen geht. Das Interesse an einer Kulturgeschichte ist dagegen ein Spezialistenthema geblieben.

Allerdings weiß das IGDJ dort, wo es die Ausgrenzung und Vernichtung der Juden aufarbeitet, seine speziellen kulturgeschichtlichen Betrachtungsweisen durchaus originell und öffentlichkeitswirksam einzusetzen. Vor allem die biografische Begleitung des Stolperstein-Projekts von Gunter Demnig in Buchform wie online hat ganz erheblich dazu beigetragen, das Leben der deutschen jüdischen Bevölkerung bis zu ihrer Ermordung detailliert und in großer erzählerischer Breite in Erinnerung zu behalten. Zu jedem der Opfer, denen mit der Markierung vor dem ehemaligen Wohnort im Boden gedacht wird, recherchieren Mitarbeiter des Instituts die verfügbaren Zeugnisse und machen sie in mehrsprachigen Texten öffentlich.

Jetzt, da ein wieder grassierender Rassismus erneut das Schreckenspotenzial von Ausgrenzung und Diffamierung zeigt, ist eine solche Grassroots-Forschung zu den konkreten Auswirkungen von eskalierenden Ressentiments vermutlich so wichtig wie lange nicht mehr. Auch der aktuelle Forschungsschwerpunkt des IGDJ zur jüdischen Migrationsgeschichte reagiert auf diese Parallelen. Und so besitzt das "Juden-Institut" mit 50 Jahren seine ewig junge Aufgabe aktuell dringlicher als je zuvor: gegen die gefährliche Verkürzung von menschlichen Schicksalen auf simple Zuschreibungen von Religion und Rasse ein reiches und differenziertes Bild des Anderen zu zeigen.

© SZ vom 23.05.2016

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