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Zeitgeschichte:"Extra-Prima-Stuka-Putz!"

In Athen zeigt eine Schau erstmals Fotografien, die deutsche Wehrmachtssoldaten während der deutschen Okkupation zwischen 1941 und 1944 von der Stadt gemacht haben.

Am Fuß der Akropolis, nicht weit vom Turm der Winde, liegt ein Monument, das meist wenig Aufmerksamkeit erhält: die Fethiye-Moschee, errichtet für Fatih Sultan Mehmed II., den Eroberer von Konstantinopel. An 400 Jahre osmanische Herrschaft erinnert man sich in Athen nicht so gern. Erst vor ein paar Jahren wurde der elegante Kuppelbau restauriert, er dient nun als Ausstellungsraum. Derzeit sind dort Zeugnisse einer anderen Okkupation zu sehen. Sie dauerte 42 Monate, von April 1941 bis Oktober 1944.

Gezeigt werden Fotos, die deutsche Wehrmachtssoldaten in Athen gemacht haben. Die Ausstellung ist ein Wagnis. Im auf Englisch und Griechisch verfassten Katalog schreibt Kulturministerin Myrsini Zorba: "Sogar nach acht Jahrzehnten braucht es Mut, unsere Stadt durch die Augen der Besatzer zu sehen." Dafür muss die Ausstellung gar nichts von den Gräueln der deutschen Okkupation zeigen, weder den Hunger noch die Toten. Sollte einer der Soldaten sie festgehalten haben, fielen sie unter die Militärzensur. Nur ausgewählte Fotostudios durften die Aufnahmen entwickeln. Allenfalls kann man die Not ahnen, wenn man Kinder sieht, die auf der Straße schlafen, oder Frauen, die für Wasser anstehen. Gerade die Abwesenheit des Krieges in den Kriegsbildern sei die visuelle Botschaft, sagt Stavroula Fotopoulou, die Ausstellungskoordinatorin. "Wenn man weiß, was passiert ist, und dann diese Fotos sieht, das sollte doch zu denken geben." Heutige Generationen könnten beim Betrachten der Bilder lernen, dass ein Foto eben nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit ist - und vielleicht nicht einmal das, ein Fake, weil viele Bilder inszeniert wurden, nach Propagandavorgaben aus Berlin.

Das Besucherbuch der Ausstellung zeigt, dass es noch einen anderen, schlichteren Lerneffekt gibt. Das Buch ist voll ehrlich erschütterter Kommentare. "Dieser Teil der deutschen Geschichte war mir so nicht klar. Umso dankbarer bin ich für die Gastfreundschaft der Griechen", steht da, auf Deutsch. Es gibt englische, russische, griechische, polnische, italienische Einträge. Athen ist ja gerade wieder voll von Touristen aus aller Welt, und fast alle laufen zum Turm der Winde, und kaum einer ist auf das vorbereitet, was ihn auf dem Weg dorthin in der Fethiye-Moschee erwartet.

Zehn Prozent der Deutschen besaßen 1939 eine Kamera

Die griechische Regierung hat erst jüngst wieder die Frage nach Kriegsreparationen gestellt. Die politische, hochemotionale Debatte spielte für die Ausstellungsmacher keine Rolle. Sie wollten zeigen, wie leicht sich das scheinbar Private für Propagandazwecke nutzen lässt.

Schon vor zehn Jahren zeigte die Wanderausstellung "Fremde im Visier", die zuerst im Münchner Stadtmuseum zu sehen war, wie eifrig im Krieg geknipst wurde. Die nationalsozialistische Propaganda sah im "Millionenheer" der Fotoamateure - zehn Prozent der Deutschen besaßen 1939 eine Kamera - ein großes Potenzial für "den geistigen und seelischen Wiederaufbau", wie das damals hieß. Die Bilder sollten den Daheimgebliebenen Eindrücke von Normalität vermitteln, mit einer Dosis Exotik und Abenteurertum. Die Fotos aus Athen, die zuvor noch nie öffentlich zu sehen waren, tun dies auf besondere Weise.

Denn die griechische Antike war eine Art arischer Traumkosmos. Es gab ausführliche Handreichungen für die Soldaten zu den klassischen Monumenten, und besonders gern ließen sich die Besatzer vor dem Parthenon ablichten. Den antiken Griechen fühlten sie sich verwandt, die modernen Griechen dagegen passten nicht ins Souveniralbum. Die NS-Ideologie erklärte das Mediterrane für minderwertig. So werden die Athener Bürger in vielen Bildern einfach ausgespart. "Die Menschen sollten da sein, aber sie sind nicht da", sagt Fotopoulou. Wenn Menschen trainiert werden, "das Schreckliche nicht zu sehen", dann sei es eben auch nicht zu sehen.

Bisweilen gibt es Kommentare auf den Rückseiten der Fotos, auch sie spiegeln nicht selten den Blick des Besatzers wider, etwa wenn es auf dem Bild eines Schuhputzers heißt: "Extra-Prima-Stuka-Putz!" Im Gegensatz zu Piräus, das völlig zerbombt wurde, blieb das Athener Zentrum unbeschädigt, das half, den Anschein von "Normalität" in den Bildern aufrechtzuerhalten. Auch mehrere Propagandakompanien mit Profifotografen waren in Griechenland am Werk, sie filmten Paraden und offizielle Besuche, bis die meisten im Juni 1941 abgezogen wurden, um den Überfall auf die Sowjetunion zu begleiten. 1942 wurde die Akropolis sogar als Filmkulisse für eine Propagandaromanze missbraucht: "Fronttheater", mit den damaligen Stars Heli Finkenzeller und René Deltgen. Sechs Millionen Reichsmark spielte der Streifen ein. Er darf heute nur nach besonderer Erlaubnis gezeigt werden. Die Ausstellung enthält Bilder der Dreharbeiten.

Bilder aus Thessaloniki wurden dort schon 2016 gezeigt

Die Fotos sind nur ein kleiner Teil der Kollektion des griechischen Sammlers Byron Metos. Der erwarb sie von der Tochter eines inzwischen verstorbenen Deutschen, der anonym bleiben wollte und einst zu einer deutschen Sanitätseinheit in Griechenland gehörte. Nach dem Krieg hatte der Mann damit begonnen, Fotos zu sammeln, die seine Kameraden auf dem Balkan und in Griechenland gemacht hatten, rund 3000 Stück. Die Tochter wollte das Erbe loswerden. Bilder aus Thessaloniki wurden schon 2016 im dortigen Byzantinischen Museum gezeigt. Da sah sie Fotopoulou, so entstand die Idee zu der Athener Ausstellung. Gezeigt werden soll sie vermutlich bis Oktober. Vom Katalog zu "The Occupier's Gaze" (Der Blick des Besatzers) soll es demnächst auch eine englisch-griechische Onlineversion geben (unter www.ayla.culture.gr).

Das Titelbild ist eines der eindrucksvollsten der Ausstellung. Es zeigt die Fethiye-Moschee, davor ein Kind. Der Junge blickt dem Betrachter in die Augen.