Zeitgeschichte:Nach der Haft wurde Speer Medienstar

Noch heute werden Jahr für Jahr etwa eintausend Bücher von Speer verkauft, sagt Alexander Schmidt. Offenbar wollen die Käufer immer noch aus erster Hand erfahren, wie's mit Hitler so war und wie es sich als verurteilter Kriegsverbrecher im Spandauer Gefängnis lebte. In seiner Scheinbekenntnis-Rhetorik noch aus Nürnberger Prozesstagen geübt, baute Hitlers Architekt nach seiner Haftentlassung weiter an seinem Lügengebäude.

Als er am 1. Oktober 1966 um Mitternacht aus dem Gefängnis kam, war er von der ersten Minute an ein Medienstar. Das erste Interview gab er dem Spiegel, er ließ sich dafür bezahlen. Am Ende des Gesprächs sagte er: "Das, was ich Ihnen hier - das Gespräch findet ja auf Ihren Wunsch hin statt - gesagt habe, soll auch das Letzte sein, was vorerst von mir zu hören ist."

Es war natürlich nicht das Letzte, im Gegenteil. Nur musste sich nach dieser Ansage fortan jeder Journalist, der dem prominenten Nazi-Faszinosum Fragen stellen durfte, automatisch geschmeichelt und privilegiert fühlen und in Dankbarkeit üben. Das nächste Interview druckte sechs Tage später der Stern: "Nach 20 Jahren Haft in Spandau sucht Albert Speer nach einem neuen Start ins Leben. Er sagt: ,Ich habe Hitler verehrt und gefürchtet...'" Gewöhnlich wurden diese Interviews als exklusiv verkauft. Allein exklusiv war daran so gut wie nichts. Ob dem Playboy, dem NDR oder der Quick - Speer, der alte Salonnazi, schwadronierte immer das Gleiche, wenn es um seine Rolle im Dritten Reich ging.

Ein stereotypischer Speer-Satz war: "Wenn ich nichts wusste, dann habe ich dafür gesorgt, dass ich nichts wusste. Wenn ich nichts gesehen habe, dann, weil ich nicht sehen wollte." Oder auch: "Ich bin der Sache nicht nachgegangen. Ich tat gar nichts." Genau das - und nicht mehr! - ließ er sich vorwerfen.

Und genau das ist nun auch den Männern vorzuwerfen, die unreflektiert und unkritisch bis zur völligen Ignoranz einen Bestsellerautor aus ihm machten: Wolf Jobst Siedler und Joachim Fest. Der eine verlegte Speers Bücher und klatschte den Namen Speer in megalomanischen Versalien als Marke auf die Buchtitel. Der andere, Fest, lektorierte und redigierte sie.

Christmeier und Schmidt zeigen in der Ausstellung, wie diese literarischen Mentoren Einfluss nahmen auf Speer: Hier möge er doch sein geplantes Hitler-Attentat näher erläutern, das im Text unvermittelt komme. Und wäre es dort nicht angebracht, das Tagebuch über die Spandauer Haft nachträglich mit Einträgen zu ergänzen? Speer dichtete etwas dazu, Fest veredelte den Fake, Siedler brachte ihn unters Volk. Den Deutschen, die ebenfalls nichts mitbekommen haben wollten von Gräueln im Nationalsozialismus, war all das angenehme Bestätigung: Wenn schon Speer nichts wusste, wie sollten wir etwas wissen?

Kein Gentleman wie sein Biograf Joachim Fest

Der 2006 verstorbene Joachim Fest, von 1973 an zwanzig Jahre lang FAZ-Herausgeber, hatte so etwas wie ein Hausrecht auf die Speer-Publikationen und die Prärogative bei ihrer Deutung. Man profitierte stark voneinander.

Die Hitler-Biografie Fests fußte auf einer Quelle aus erster Hand: Hitlers Architekt. Noch 1999, als schon erwiesen war, wie dieser gelogen hatte, veröffentlichte Fest eine einseitige Speer-Biografie. Unterbelichtet blieb etwa eine Studie aus dem Jahr 1982, die Speers Fälschungen von Originaldokumenten aufdeckte und belegte, wie er die Vertreibung von Juden aus Berlin anordnete.

Die Nürnberger Ausstellung inszeniert neun Historiker, die Albert Speer enttarnten, und ihre Quellen. Einer dieser Wissenschaftler ist Magnus Brechtken, dessen Speer-Buch Ende Mai erscheinen wird. "Speer", sagt Brechtken, "war eine ideale Projektionsfläche für Millionen Deutsche, die gerne genau die gleiche Distanzierungsgeschichte zum Nationalsozialismus erzählen wollten, wie Speer das tat."

Ja doch, Speer war über alle Verbrechen des Nationalsozialismus im Bilde. Ja doch, Speer wirkte beim Massenmord an Juden mit. Ein Nazi-Minister als Gentleman? Wenn dieser Betrug nicht so unsäglich wäre, dann wäre er ein guter Witz.

Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit. Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Nürnberg. Bis 26. November. Begleitband (88 Seiten) 9,80 Euro.

© SZ vom 04.05.2017/odg
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