Zeitgeschichte:Snyder überinterpretiert seine Quellen

Großartig ist Snyders Kapitel über die Ukraine im Jahr 2014 und seine Erinnerung daran, wie sich auf dem Maidan eine Zivilgesellschaft bildete, die von der Zusammenarbeit mit der EU ein Ende der Korruption und der Oligarchen-Kleptokratie erhoffte. Er schildert die Kultur des Schenkens - und die frühe Denunziation der Demonstranten als Vorreiter einer angeblich bedrohlichen Homosexualität. Wie Snyder die Absurditäten des russischen Informationskrieges analysiert, muss man gelesen haben. Statt über den realen Krieg mit Tausenden Toten redete alle Welt über Putins "Rhetorik der russischen Welt". Sie machte "die Bürger der Ukraine zu Geiseln der Launen eines ausländischen Machthabers".

So wie die deutsche Öffentlichkeit Putins Feinderklärung gegen die EU und die Effizienz seiner Propagandamaschinerie regelmäßig unterschätzt, überschätzt Snyder deren Erfolge. Er überinterpretiert seine Quellen. Erstes Beispiel: 2010 warb Putin in dieser Zeitung für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum "von Lissabon bis Wladiwostok". Snyder deutet das als Angebot, die EU solle ihre Regeln aufgeben und sich Russland angleichen. Davon steht im Text nichts, Kommentatoren verstanden es damals nicht so.

Zweites Beispiel: Snyder behauptet, die deutsche Regierung habe am 8. September 2015 bekanntgegeben, sie plane die "Aufnahme von einer halben Million Flüchtlingen pro Jahr". Seine Quelle ist ein Bericht des Guardian über ein ZDF-Interview mit Sigmar Gabriel, der sagte, so viele könnte das Land aufnehmen. Snyder setzt unvermittelt fort: Russland habe "keineswegs zufällig" drei Wochen später mit der Bombardierung Syriens begonnen, um Flüchtlinge zu produzieren und Panik unter den Europäern zu schüren. Das ist eine liberale Verschwörungstheorie, für die er Belege schuldig bleibt. Gewiss hat Putin allen Grund, von seiner eigenen "ewigen" Herrschaft und dem Versagen bei der Modernisierung Russlands abzulenken. Schuld sind immer die anderen. Aber im Falle Syriens wäre doch auch von wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen zu reden - und vom völligen Scheitern der Syrien-Politik Barack Obamas.

Snyder verweist auf den Ur-Fehler des Irakkriegs von 2003, auf Ungleichheit in den USA und Schwächen des demokratischen Westens, aber er hat kein Bild der liberalen Gesellschaften. Sie erscheinen bei ihm in erster Linie als Objekte russischer Propaganda. Da für Snyder "der Westen" nicht durch Handlungen, sondern allein durch seine Existenz eine Bedrohung für Russland darstellt, fehlen in seinem Buch die verschiedenen Akteure, die Auseinandersetzungen innerhalb einzelner Länder, die Grauzonen und Differenzierungen.

Es mag naheliegen, eine Linie von Putin bis Trump zu ziehen und Ereignisse wie den Brexit, den Wahlsieg von Kaczynskis PiS in Polen oder die Erfolge des Front National als Schritte auf dem "Weg in die Unfreiheit" einzuordnen. Man gewinnt so ein bedrohliches Szenario und verliert an analytischer Klarheit. Die Voraussetzungen für die Krisen der demokratischen Institutionen waren und sind in jedem dieser Fälle verschieden gewesen. Sie genau zu beschreiben, würde mehr helfen, als den Blick starr auf den bösen Arzt zu richten. Snyder fordert eine "Politik der Verantwortlichkeit". Sie begänne mit der Einsicht, dass Verzagtheit, Verlogenheit und Indifferenz der westlichen Liberalen, Sozialdemokraten, Konservativen die Demokratien so geschwächt haben, dass sie nun die falschen Arzneien schlucken.

Timothy Snyder: Der Weg in die Unfreiheit. Russland, Europa, Amerika. Aus dem Englischen von Ulla Höber und Werner Roller. C. H. Beck Verlag, München 2018. 376 Seiten, 24,95 Euro.

© SZ vom 22.09.2018/luch
Zur SZ-Startseite
Ronan Farrow

Buch "Das Ende der Diplomatie"
:Politik der dreckigen Deals

Ronan Farrow ist nicht nur Harvey-Weinstein-Enthüller - in seinem ersten Buch "Das Ende der Diplomatie" beklagt er, dass die Außenpolitik der USA nicht mehr in den Händen des Außenministeriums liegt, sondern in denen von Militärs und Geheimdiensten.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB