bedeckt München
vgwortpixel

Zeitgeschichte:Russland, der böse Arzt

A woman poses with a painting, depicting Russia's President Vladimir Putin, during an opposition procession organized by painters, part of the campaign protesting against Putin's presidency, in Moscow

Eine Frau demonstriert 2012 in Moskau gegen Putin.

(Foto: Sergei Karpukhin/Reuters)
  • Der Historiker Timothy Snyder will in seinem neuen Buch die Bedrohungen für die liberalen Gesellschaften beschreiben.
  • Für den Yale-Professor agiert Russland wie der böse Arzt der westlichen Demokratien, der alles dafür tut, dass es den Patienten schlechter geht.
  • Das Buch mischt Zeitgeschichtsschreibung und liberale Erweckungspredigt, und dabei leidet beides.

Im Jahr 2013 erhielt der Geschäftsmann Donald Trump einige Millionen Dollar für einen Schönheitswettbewerb in Moskau. Er besaß die Rechte am "Miss Universe"-Spektakel. Das Gelände, auf dem es stattfand, gehörte dem Immobilienmogul Aras Agalarow, dessen Frau in der Jury saß und dessen Sohn, der Popstar Emin, sang. Die Bilder vom Ereignis zeigen verkrampfte Ausgelassenheit. Man möchte lieber nicht dabei gewesen sein.

Die Miss-Wahl in Moskau ist eine der Schlüsselszenen in "Der Weg in die Unfreiheit", dem neuen Buch des amerikanischen Historikers Timothy Snyder. Vieles traf damals zusammen. Agalarows Schwiegervater war einst KGB-Chef in Aserbaidschan, Agalarow selbst hatte vor Kurzem einen Orden von Putin erhalten. Er und seine Familie halfen, Kontakte zwischen Trump und dem Kreml einzufädeln. Eben damals verschärfte die russische Propaganda ihre Angriffe auf "Gayropa", erklärte die Schwulenrechte zum trojanischen Pferd der Globalisierung und Vorboten westlicher Dekadenz. Da musste eine Miss-Wahl als wichtiger Beitrag zur Stärkung der "globalen Heterosexualität" erscheinen. Während Trump sich fragte, ob Putin nicht sein neuer bester Freund werden würde, erhielt der Front National einen Kredit von einer russischen Bank und Nigel Farage behauptete im Propagandasender RT, das europäische Projekt liege "nun tatsächlich im Sterben".

Snyder mischt Zeitgeschichte und liberale Erweckungspredigt, zum Nachteil beider

Für Timothy Snyder agiert Russland wie ein böser Arzt der westlichen Demokratien, der alles dafür tut, dass es dem Patienten schlechter geht. Gerade deshalb sollte man die Diagnosen des feindlichen Arztes ernst nehmen. Sie zeigen deutlich die eigenen Schwächen. "The Road to Unfreedom" erschien im Frühjahr dieses Jahres. Snyder, der an der Yale University lehrt, will darin viel: die Feinde der liberalen Gesellschaften beschreiben, eine Geschichte der Gegenwart skizzieren und eine Politik zur Verteidigung der Demokratien ermöglichen. Das Buch mischt Zeitgeschichtsschreibung und liberale Erweckungspredigt, und dabei leidet beides. Der Historiker wird ungenau, der politische Kommentator verfehlt entscheidenden Punkte.

Literatur Tödliche Trollwut
"Troll" von Michael Hvorecky

Tödliche Trollwut

Michal Hvorecky wollte einen dystopischen Science-Fiction-Roman über digitale Lügenfabriken schreiben. Dann hat ihn die Gegenwart eingeholt.   Von Alex Rühle

Timothy Snyder beherrscht all die Sprachen, die es braucht, Europa zu verstehen. "Bloodlands" (2011) führte auf die Schlachtfelder der Diktatoren Hitler und Stalin, an die Schauplätze der Vernichtung und erklärte die osteuropäischen Erfahrungen im 20. Jahrhundert, die in den Selbstverständigungsgesprächen der Westeuropäer regelmäßig übergangen wurden. Nach dem Wahlsieg Donald Trumps verfasste er die politische Streitschrift "Über Tyrannei" (2017), die genretypisch manches überzeichnete, aber die Voraussetzungen demokratischer Öffentlichkeit klar benannte. Das traf einen Nerv, das Buch wurde ein Bestseller.

Nun erzählt Snyder vom Aufkommen faschistischer Ideologie in Russland, von der ukrainischen Revolution der Würde, auf die Putins Annexion der Krim und der unerklärte Krieg gegen die Ukraine folgten. Beides haben die EU und die Vereinigten Staaten und Barack Obama mit Grummeln, scharfen Bemerkungen und einigen Sanktionen hingenommen. Aber sie vermieden es, Putin entschlossen entgegenzutreten. Snyder rekapituliert den Brexit, streift die Entwicklung in Polen und den Aufstieg der AfD, um mit den russischen Kontakten Donald Trumps zu enden. Der Sonderermittler Robert Mueller findet in diesem Buch viele nützliche Hinweise.

Eingebettet aber ist die kurze Geschichte all dessen, was Timothy Snyder beunruhigt, in eine Diagnose zum Zeitgefühl der Gegenwart. Er unterscheidet eine "Politik der Unausweichlichkeit" von der "Politik der Ewigkeit". Unausweichlichkeitspolitiker glauben an die eherne Macht des Fortschritts und daran, dass es keine Alternative gebe. In den Neunzigerjahren etwa waren sie vom unaufhaltsamen Triumphzug der Marktwirtschaft und der Demokratie überzeugt. Sie neigen dazu, "Fakten zu einem Kokon des Wohlgefühls zu verschönern". Ewigkeitspolitiker konstruieren einen Mythos der Unschuld und definieren jedes Ereignis als "Moment einer zeitlosen Bedrohung". Sie unterdrücken Fakten, erzeugen "künstliche Krisen und tägliche Aufregergeschichten". Snyders These besagt, dass die russische Politik der Ewigkeit die Schwächen der europäischen Politik der Unausweichlichkeit erkannt und ausgenutzt habe.

Viel Platz räumt Snyder dem russischen Philosophen Iwan Iljin ein, der von 1883 bis 1954 lebte und dessen Vorstellungen von einer autoritären, "organischen" Staatlichkeit in Putins Russland wiederentdeckt wurden. 2005 wurden Iljins Gebeine von Zollikon nach Moskau überführt, er wird immer wieder zitiert und empfohlen. Neben der Eurasien-Ideologie gehören Iljins Ideen zur geistigen eisernen Reserve der "gelenkten Demokratie". Nur tragen die Zitate aus seinem Werk wenig zum Verständnis des Geschehens bei.