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Zeitgeschichte:Auch er ist wieder da

Ausstellung über Stalin-Kult in der frühen DDR

Der Stalin, der diesen Dienstag noch einmal kurz auf der heutigen Karl-Marx-Allee in Berlin aufgestellt wurde, fristete sein Dasein zuletzt in einer Diskothek in Ulan-Bator, Mongolei.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Diktator, Massenmörder und Idol der frühen DDR: In Berlin wurde eine riesige Stalin-Figur an der Karl-Marx-Allee aufgestellt. Als Teil einer Ausstellung der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Sie heißt: "Der rote Gott".

Von Peter Richter

Anfang der Woche war er noch einmal zurückgekehrt, ganz kurz nur für ein paar Fotos, an den Ort, wo er gestanden hatte, als diese Allee in Ostberlin noch nach ihm hieß und nicht nach Karl Marx und nachdem die DDR-Führung in Moskau ein 16 Meter hohes Standbild von ihm bestellt, allerdings nur ein 4,50 Meter hohes bekommen hatte, dafür inklusive Metallbürste und Tinktur zum Nachpatinieren. Aber selbst die paar Augenblicke haben gereicht, um bei etlichen Anwohnern ein fast schon vergessen geglaubtes Unwohlsein zu provozieren: Ob der da bitte bald wieder wegkomme. Bitte.

Kam er. Und jetzt liegt er im Hof der Gedenkstätte Hohenschönhausen, wo die sowjetische Militäradministration einst ihre Untersuchungshaftanstalt eingerichtet hatte, die dann von der Stasi ausgebaut worden war. Er liegt da auf halben Weg zwischen der Ausstellung "Der rote Gott - Stalin und die Deutschen" und dem Zellenkeller, in dem die Gefangenen gehalten und gefoltert wurden. Er liegt wie all diese gestürzten Statuen nach dem Umbruch im Ostblock erst einmal gelegen haben, bevor sie zersägt wurden. Aber er wirkt nicht unbedingt nur wie ein gestürzter Herrscher, er wirkt auch ein wenig wie aufgebahrt, die Rechte friedlich auf dem Bauch. (Die Marotte, die Hand in die Knopfleiste der Jacke zu schieben und sich ikonografisch auf diese Weise zum Napoleon zu machen, hatte der Mann im echten Leben auch; künstlerisch ist das also fast lupenreiner Realismus.) Selbst im Ikonoklasmus liegt noch Potenzial zur Ikonodulie, könnte man sagen; jedenfalls passen die Begriffe des frühneuzeitlichen Bild-Gebrauchs auf weniges so beängstigend perfekt wie auf die Bildnisse von ihm, Stalin.

Insofern ist "roter Gott" schon ein ganz treffender Titel, auch wenn die Nazis ihn zwischenzeitlich natürlich eher dämonisiert hatten, aber schon in den Versammlungszimmern der Berliner KPD-Kneipen der frühen Dreißiger hatte es immerhin diese roten Andachts-Ecken gegeben, die dem Herrgottswinkel in katholischen Haushalten entsprachen oder, genealogisch noch direkter, der Stelle, wo bei den Orthodoxen die Ikonen hängen.

Aber auch hier wirkte, um in der entsprechenden Terminologie zu bleiben, ganz klassisch das Urbild im Abbild. Denn es ist natürlich nicht derselbe Abguss von Nikolai Tomskis Stalin-Statue, der einst in Berlin stand, sondern einer, der damals in die Mongolei geliefert wurde, wo ihn zuletzt ein Privatinvestor erwarb und zur Dekoration einer Diskothek benutzte. Diese Unbefangenheit muss man erst einmal haben.

Im speziellen Kontext Berlins ist eher bis heute die Furcht wie mit Händen zu greifen, die Stalin den Leuten einflößte, wenn er "in effigie", also per Bild, anwesend war - die aber, und das ist besonders bemerkenswert, auch nicht recht verschwinden wollte, als er und seine Bilder verschwunden waren. Das alleine hat ja hier auch schon lang genug gedauert.

Nachdem Stalin im März 1953 gestorben war und bei den Unruhen vom 17. Juni auch seine Standbilder und Büsten attackiert wurden, leistete sich die DDR eher noch mehr davon. Ulbricht hielt am Stalinismus trotzig fest, als Chruschtschow längst von dessen Verbrechen sprach. Als Walter Janka, der Chef des Aufbau-Verlags, im Dezember 1956 in Hohenschönhausen eingeliefert wurde, hing in dem Raum, der im Stasi-Jargon "Rezeption im Grand Hotel" genannt worden sein soll, immer noch groß ein Stalin-Porträt. Das Standbild von der Stalinallee verschwand sogar erst im November 1961, in einem Akt von Nacht-und-Nebel-Bildersturm wie eins von Stalins aus offiziellen Fotos herausretuschierten Opfern. Es hält sich die Legende, dass es zu Tierskulpturen für den Zoo in Friedrichsfelde umgeschmolzen wurde. Erhalten haben sich nur ein Ohr und eine Hälfte des Schnurrbarts, zur Seite geschafft von einem der Arbeiter, für den das bizarre Souvenir sowohl als Trophäe wie als Reliquie riskant gewesen sein dürfte. In Bezug auf Stalin war irgendwann alles heikel, und so wurde praktisch bis Ende 1989 kurzerhand so getan, als hätte es ihn im Prinzip gar nicht gegeben, und wenn dafür schon mal sowjetische Zeitschriften vom Markt genommen werden mussten.

Fünf Jahre Haft für einen Druckfehler. Der offizielle Grund des Urteils: "Hetze"

In dieser Ausstellung wird er nun endlich wieder sichtbar. Und mit ihm die Deutschen von damals, die immerhin ganz gut gelernt hatten, beim organisierten Jubel den rechten Arm hochzureißen, nur vorher gestreckt, jetzt im Ellenbogen angewinkelt . . . Vor allem werden nun auch die wieder sichtbar, die hier im Keller landeten. In kyrillischen Buchstaben kann man etwa den Namen Paul Merkers entziffern, eben noch Verfasser einer Stalin-Huldigung, dann Opfer einer Parteisäuberung. Oder Karl Richter und Hugo Polkehn, die sich in der Zeitung Tribüne einen geradezu Freudianischen Druckfehler geleistet hatten. "Werter Genosse Mielke!", schreibt "mit sozialistischem Gruß" ein Mann vom Zentralkomitee. Anliegend das Beweisstück, in dem es über Stalin heißt: " . . . der überragende Kämpfer für die Erhaltung und Festigung des Krieges in der Welt . . . " Er übersende das, "damit Du bitte s o f o r t das Nötige veranlassen kannst". Mielke veranlasste. Redakteur Polkehn gestand unter Folter seine sozialdemokratischen Umtriebe. Setzer Richter, der nur gestanden hatte, übermüdet gewesen zu sein, kam ebenfalls fünf Jahre in Haft. Der offizielle Grund aus dem Urteil hieß dann, wie er bei noch so vielen heißen sollte bis zum Ende der DDR: "Hetze."

Es sind vermutlich auch solche Erfahrungen, die tief imprägnierte Kenntnis solcher Gummiparagrafen und die Ahnung von solchen Zellen irgendwo im Nichts, wo auf den offiziellen Karten die Straßen einfach endeten, die viele Ostdeutsche, die die DDR noch erlebt haben, immer etwas zusammenzucken lassen, wenn es ihnen heute scheint, dass wieder ein bisschen oft und ein bisschen unpräzise von "Hetze" die Rede ist, wo es für juristisch Greifbareres nicht reicht.

Der rote Gott. Gedenkstätte Hohenschönhausen, bis 20.6. Katalog 20 Euro.

© SZ vom 26.01.2018

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