Zeitgeschichte Als der Pop nach Deutschland kam

Der Kulturwissenschaftler Christian Huck zeigt in seinem neuen Buch, dass Popkultur in Deutschland immer auch eine Frage neuer Vertriebswege war - für Romane, Musik und Alkohol.

Von Birthe Mühlhoff

Bücher über Popkultur haben bisweilen die nervige Eigenschaft, dass sie ähnlich cool sein wollen wie ihr Gegenstand. Nicht selten sind es dann auch ehemals eingeschworene Fans, die den Werdegang ins Akademische vollziehen - ganz so wie die Popstars, die von ihnen angehimmelt wurden, ins Autobiografische wechseln. Als wäre es nicht, bei Lichte betrachtet, etwas sonderbar, die eigenen Jugenderfahrungen - Comics, Punk, Techno in den frühen Neunzigern - in universitäre Eichenfässer einzulagern, quasi als nächsten logischen Schritt der Coolness: Erst tritt man als größter Fan, dann als kundigster Chronist auf.

Man kann vermuten, dass Christian Huck, Professor für Englische und Amerikanische Kultur- und Medienwissenschaft an der Universität Kiel, sich eine gewisse Faszination für Jeans, Breakdance oder Indianer nicht erst anlesen musste, sondern bereits mitgebracht hat. In seinem Buch "Wie die Popkultur nach Deutschland kam" geht es allerdings weder um seine eigene Person noch um seine Generation. Auch sonstige Zugehörigkeitszuschreibungen, Abgrenzungen und Animositäten sind nicht die eigentliche Triebkraft seiner Studie. Genüsslich, aber dank seiner distanziert-akribischen Haltung keineswegs gehässig, erzählt Huck von der Ankunft des Populären.

Gegen Politikverdrossenheit und alte weiße Brexit-Männer

Endlich ist Pop wieder politisch: Yungblud und Bodega bohren den Finger in die Wunde eines kaputten Landes. Und The Nude Party klingen wie die blasierten Schrammel-Stones der Sechziger. mehr ...

Zum Beispiel Breakdance: In Deutschland wurde Breakdance vor allem inspiriert durch Filme, zum Teil der Popkultur, als die ursprünglichen Tänzer aus der New Yorker Bronx längst anderen Interessen nachgingen. Amerikanische Spielfilme wie "Wild Style!" von 1982 gaben sich zwar authentisch, waren es aber vor allem hinsichtlich ihrer Begeisterung für etwas, das leider schon vorbei war.

An der Bar sind sich alle fremd

Was man unter Populärkultur eigentlich zu verstehen hat, wird gleich im ersten Kapitel deutlich: Im Jahre 1902 wird in Hamburg nach amerikanischem Vorbild die erste "Bar" gegründet, die "Hamburg-Amerika Bar" auf der Reeperbahn. Erst zwei Jahre zuvor hatte es das Wort "Bar" überhaupt in den Duden geschafft. An einem neuartigen Möbelstück (dem Tresen) werden dort neumodische Getränke verkauft (Cocktails) und tragen so zu einer ganz neuen Form von Geselligkeit bei.

Die Bar ist eben keine Weinstube und auch kein Herrenclub, in dem man gesellschaftliche Regeln zu kennen und zu beachten hätte. Genauso wenig sollte man sie jedoch mit der Schankwirtschaft verwechseln, die einen mir nichts dir nichts dazu bringt, mit fremden Tischgenossen auf Bruderschaft zu trinken.

An der Bar lässt es sich auf Barhockern nebeneinander allein sein, fremd sind sich hier alle. Kein Wunder, dass sich die Bar vor allem in Hafenstädten und Metropolen größter Popularität zu erfreuen begann. Man kann die Bar als Chiffre für das Populärkulturelle schlechthin begreifen. Sie ist weder ein Produkt der Hochkultur, noch lässt sie sich ohne Weiteres der Massen- oder Volkskultur zuschlagen. "Eine solche inklusive Exklusivität, wie sie nur die Populärkultur bieten kann, ist allerdings ein instabiles Ereignis", schreibt Huck. "Leicht kippt es in eine Subkultur, die sich abschottet, leicht kippt es in eine Massenkultur, die keinen Zusammenhalt mehr erzeugt." Es kennzeichnet sie ein barrierefreier Zugang, der potenziell jedem offensteht, aber - zumindest im historischen Augenblick - nicht von allen genutzt werden will.

Ganz ähnlich war es mit der Begeisterung für Groschenromane wie "Buffalo Bill". Auch diesem Phänomen ging eine Erschließung von bis dato unbekannten Vertriebswegen voraus. Lesestoff ließ sich jetzt nicht mehr nur in alteingesessenen Buchhandlungen erwerben, sondern schnell und einfach am Kiosk mitnehmen, sammeln, tauschen und verleihen. Hilfreiche Erkenntnis: Der Buchhandel und die großen Verlage sind auch vor Zeiten des Internets bereits schwer unter Druck geraten.