Doris Uhlich ist eine majestätische Erscheinung. Auch ohne diesen Turm aus Haaren auf dem Kopf und die haushohen Sandalen. Für den Tanz und seine Kritik ist ihre Stattlichkeit aber offenbar noch immer eine Provokation. Bei der Tanzwerkstatt Europa hat die "Tänzerin des Jahres 2011" in den vergangenen Jahren die szenischen Möglichkeiten und Grenzen der von ihr entwickelten Fetttanztechnik präsentiert, heuer hat sie das Stück mitgebracht, in dem sie 2009 erstmals ihr eigenes Fleisch Wellen schlagen ließ.
Der längst ikonografisch gewordene "Pudertanz" in "Mehr als genug" dauert nur drei Minuten. Uhlich überschüttet darin ihren nackten Körper mit Babypuder, versetzt ihn von den mächtigen Beinen her in staubende und duftende Schwingung und legt Hand an Brüste, Po und Winkeärmchen. Unabhängig von der besonderen Beziehung, die die Österreicherin zum Fleisch unter der Haut unterhält, unterläuft sie hier die Objektivierung des Körpers mit ihrem unverwandt auf das Publikum gerichteten Blick. Keine Kleinigkeit in einem Metier, in dem (Ex-)Ballerinen stolz von Müttern erzählen, die 75-jährig "mit einem Kinderpopo" gestorben sind.
Uhlich befragt unsere gängigen Vorstellungen von Schönheit - in einem Setting, das sich deren Inszenierung widersetzt. Was sie und ihre Co-Tänzerin Virginie Roy-Nigl dem ungnädigen Saallicht aussetzen, hat das Aroma des Improvisierten und Hemdsärmeligen. Uhlich ruft live Menschen an, die eine Glatze haben, blind sind oder beruflich der Religion der Schlankheit huldigen, und bekommt auf ihre direkten und sanften Fragen selbstreferenzielle, beleidigende und poetische Antworten. Die beiden Damen tanzen synchron und einzeln, üben das Schreiten und Straucheln, absolvieren Selbstberührungsposen im Stil des frühen Tonfilms und verzetteln sich in einer schwer verständlichen Neuübersetzung von Baudelaires "Hymne an die Schönheit". Bisweilen entstehen dabei klug-ironische Szenen, manchmal nur charmanter Leerlauf.
Obwohl tags darauf in "Inaudible" ebenfalls der Choreograf, in diesem Fall Thomas Hauert, selbst auf der Bühne steht, gibt es hier einen anderen Protagonisten: George Gershwins F-Dur-Klavierkonzert. Diese jazzig-swingenden Harmonien, verpackt in klassischen Orchester-Pomp dominieren die Szenerie. Zu Beginn noch nach klar erkennbaren Spielregeln: Hauert sampelt die gleiche musikalische Stelle in verschiedenen Versionen aneinander. Mal rauschend in einer historischen Aufnahme von 1932, dann in der Version für zwei Klaviere oder im zeitgenössischen Hochglanz-Sound. Die fünf Tänzer improvisieren auf die immer wiederkehrenden musikalischen Akzente, in Gruppen, dann solistisch - punktgenau und mit einem Slapstick-Hauch von Stummfilmkomik werden hier pantomimische Energien erfolgreich in Tanz übertragen. Wenn sich das Gestückele der Musik dann irgendwann auflöst und die mit ihrem ganzen Bläserbombast länger erklingt, bekommt der Tanz mehr Fluss, besonders bei Sarah Ludi und Fabian Barba, die die musikalische Energie in reine Körperlichkeit verwandeln.
In den guten Momenten bekommt der Tanz hier etwas Pures und Unbelastetes zurück. Denn durch die enge Verbindung verschmelzen die auf Improvisation basierenden Bewegungen mit der Musik zu raumfüllenden Ereignissen, für die es keine weitere Aussage braucht: Musik und die rhythmische Bewegung darauf, das funktioniert für so blühende Tänzer wie Ludi. Das funktioniert aber ebenfalls für den älteren Mat Voorter, der die Musik nicht in körperliche Kraft, sondern in subtilen Witz übersetzt.
Als Introduktion und gegen Ende gibt es hingegen esoterisch anmutende Körperballungen auf elektronische Tiergeräusch-Musik, die im Gegensatz zum Mittelteil so zäh wirken, wie die suchenden Slow-Motion-Bewegungen der Tänzer darauf.