Süddeutsche Zeitung

Zeitgenössische Kunst in der Corona-Krise:Verlustschätzung

Manche Kunstausstellungen, die gerade ausfallen, passen ganz gut ins Internet, manche überhaupt nicht. Eine Besichtigung.

Von Catrin Lorch

Der berühmte Satz von Andy Warhol, dass in Zukunft jeder seine "15 Minuten Ruhm" erleben werde, den drehen britische Kunstkritiker gerade um. Die große Retrospektive von Andy Warhol, die kürzlich in der Londoner Tate Modern eröffnet wurde, die habe "gerade mal 15 Minuten Ruhm" erfahren. Dann war sie, wie alle britischen Museen, geschlossen. Doch seit die Türen der Ausstellungshäuser und Museen abgesperrt werden, gehen die Laptops auf. Kuratoren laden zu "virtuellen Rundgängen" ein, Sammlungen werden digital aufbereitet, und der Weg durch menschenleere Säle wird fotografiert, gefilmt und gestreamt. Es ging in den ersten Tagen zunächst darum, in einer Ausnahmesituation für das Publikum da zu sein.

Doch lassen sich die reale und die virtuelle Kunstwelt wirklich verlinken? Das fragen sich viele, während die Kunsthäuser - genauso wie Theater oder Orchester - experimentieren. Die Frankfurter Schirn beispielsweise lädt für diesen Samstag ein zu "Schirn at Home", man will "Musik, Drinks und viele Antworten zur Kunst virtuell zu euch nach Hause" bringen, "zusammen mit unserem Guide durch die Ausstellung ,Fantastische Frauen' schlendern, gemeinsam allein zu Hause tanzen und einen fantastischen Abend miteinander verbringen". Es ist Versuch, mit der Videosoftware Zoom auch das Miteinander bei Führungen, Vernissagen und langen Museumsnächten ins Netz zu bringen.

Doch auch wenn abzusehen ist, dass die Schirn mit diesem Angebot an ihre Grenzen stößt, so war diese Kunsthalle andererseits erfolgreich darin, die aktuelle, als Blockbuster angelegte Schau "Fantastische Frauen" bis zum Ende der Laufzeit im Mai ins Netz zu bringen. Das liegt nicht nur an der guten Aufbereitung, sondern daran, dass diese Ausstellung, die mit mehr als 240 Exponaten dem Einfluss von Frauen auf den Surrealismus nachgeht, dafür auch besonders geeignet ist.

Der Surrealismus war nicht nur ein übersexualisierter Männerclub

Zum einen, weil der von der Kuratorin Ingrid Pfeiffer gestaltete Katalog zum Standardwerk taugt, das 34 Künstlerinnen und deren Vernetzung würdigt. Das fügt sich zum Bild eines Surrealismus, wie man ihn nicht kannte. Denn diese Kunstströmung, die zwischen den beiden Weltkriegen entstand, galt lange auch vielen Kunsthistorikern als übersexualisierter Männerclub, dessen Mitglieder die Frauen, die sie dabei sein ließen, wenn überhaupt nur gönnerhaft an die Rampe schoben. "Wer ist uns über den Kopf gewachsen? Das Meretlein", schrieb Max Ernst über seine ehemalige Geliebte Meret Oppenheim, der es immerhin gelungen war, ihre mit Fell überzogene Tasse "Frühstück im Pelz" 1936 direkt an das Museum of Modern Art zu verkaufen.

Dass Mexiko City, die Stadt Frida Kahlos, nicht nur exotischer Sehnsuchtsort, sondern tatsächlich Lebensmittelpunkt einer ganzen Szene von Surrealistinnen im Exil wurde, ist eine Erkenntnis, die ebenso überrascht wie die vielen Namen britischer Surrealistinnen wie Emmy Bridgwater, Leonora Carrington, Edith Rimmington und Kay Sage. Und auch die Exponate lassen sich als Abdruck im Katalog oder als Abbildung auf der Website durchaus gut ansehen - es sind ja vor allem Gemälde, Zeichnungen, Collage und Fotografien.

Nur ein paar hundert Meter weiter ist man skeptischer. Die von der internationalen Szene lang erwartete Retrospektive des karibischen Künstlers Frank Walter, die an diesem Wochenende im Frankfurter Museum für Moderne Kunst eröffnen sollte, wird unsichtbar bleiben. Sie wäre die erste umfassende Einbettung des Werks des im Jahr 1926 in Antigua und Barbuda geborenen Franz Erhard Walther, der sich als Maler, Musiker, Dichter, Philosoph und Künstler auf einer Zuckerplantage behauptete. Sein Werk, so geht ihm der Ruf voraus, ist ein bedeutender Beitrag zu Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus und Rassismus. Die Direktorin Susanne Pfeffer, die jahrelang an den Vorbereitungen gearbeitet hat, hält diese Schau aber nicht wirklich für abbildbar. "Das erste Werk, dem der Besucher hier begegnen würde, ist ein Film von Broodthaers, der einen palmendekorierten Eingang zeigt", erklärt sie. Das Werk von Frank Walter wurde mit Arbeiten zeitgenössischer Künstler wie John Akomfrah, Isaac Julien, Kader Attia oder Rosemarie Trockel konfrontiert, vieles entstand eigens für diese Schau. Wie soll man die Arbeit eines bislang von der Kunstgeschichte weitgehend ignorierten Ausnahmekünstlers begreifen, wenn man nicht gleichzeitig die Chance bekommt, die eigene Wahrnehmung von Exotik, Peripherie und Karibik nachzukalibrieren?

Frank Walter arbeitete in einem engen, sehnsuchtsvollen Verhältnis zur europäischen Kultur, es gilt, Standorte zu bestimmen, reale und geistesgeschichtliche. Zudem sind seine Gemälde überraschend klein, "manche nur so groß wie eine Briefmarke", sagt Susanne Pfeffer. Die gleichmacherischen Internet-Seiten geben da, wo es ums Format geht, keine Hinweise, die Sensation einer Miniatur, eines mit feinstem Strich gepinselten Werks geht verloren. Und auch der von ihr selbst vorbereitete Katalog werde, so sagt Susanne Pfeffer, den Werken gerecht, nicht aber dem Erlebnis der Ausstellung. So wird sie jetzt einfach warten, bis sie das Museum wieder geöffnet ist. Sie hat ihr Programm angepasst, muss allerdings auch nicht, wie die Kollegen in der Schirn, 240 Leihgaben in alle Welt zurück schicken.

Zeitgenössische Installationen haben es jetzt im Netz schwerer als Gemälde oder Zeichungen

Ob sich das Programm des Münchner Lenbachhauses anpassen lässt, wo am Montag eigentlich die erste Retrospektive von Sheela Gowda eröffnen sollte, ist fraglich. Die im Jahr 1957 im indischen Bhadravati geborene Künstlerin hat wochenlang an dieser ersten musealen Überblicksausstellung über ihr Werk gearbeitet, es galt, raumfüllende Installationen präzise im Kunstbau einzurichten: Abdeckplanen, Teerfässer, Kokosfasern, Kuhdung. Sheela Gowda war in den vergangenen Jahren zu bedeutenden Gruppenausstellungen wie der Documenta eingeladen, auf Biennalen in Gwangju, Venedig und Sao Paulo präsentiert, sie gilt als Schlüsselfigur der zeitgenössischen Kunst. Jetzt sitzt sie auf unbestimmte Zeit in München fest, wird vorerst weder ihre Werkschau eröffnen noch in ihre Heimat zurück kehren können.

Diese Ausstellung, sagt Matthias Mühling, Direktor des Lenbachhauses, hätte mit ihrer politischen Ausrichtung und ihrer Thematik perfekt in dieses Frühjahr. Denn es geht Sheela Gowda um Arbeitsbedingungen, städtische Infrastruktur, die Reibung zwischen traditionellen und modernen Lebensformen. Doch trotz ihrer Aktualität wird es keine Netz-Version der großen Installationen geben. Stattdessen hat man aus dem Material, das bei langen Recherchen in Indien entstand, einen Film geschnitten, der ins Netz gestellt wird. Dazu kommt der Katalog, der auf der Seite geladen werden kann. "Eine großzügige Geste des Verlegers Steidl", wie Mühling sagt.

Drei Varianten, und doch: Diese Ausstellungs-Saison ist - trotz allen Bemühens um Ersatz, um Programm, um Kontakt zum Publikum - eine verlorene. Denn die stillen, meist unbeweglichen und ungeheuer fotogenen Werke der bildenden Kunst, die gerade um die Welt kreisen, sind ihrer Natur nach genauso wenig kompatibel mit dem Internet wie Theater, Musik, Performance oder Lesungen. Dass Kunst unsichtbar ist, bleibt ein Verlust. Diesen anzuerkennen ist aber die beste Voraussetzung dafür, die Vermittlungs- und Übersetzungsversuche der Museen und Ausstellungshäuser wirklich hoch zu schätzen.

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SZ vom 28.03.2020
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