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Zeitgeistkomödie:Im Wohlstandskokon

Berliner Ensemble

Die von Andrea Breth animierten Pariser Highsocietyschluffis scheitern am Boulevardspaß.

(Foto: Bernd Uhlig; Bernd Uhlig)

Andrea Breth inszeniert in Berlin Yasmina Rezas "Drei Mal Leben" und kann dabei nicht kaschieren, dass der 20 Jahre alte Text aus der Zeit gefallen ist.

Das Berliner Ensemble hat Erfahrung damit, in die Jahre gekommene Zeitstücke zu reanimieren. Vor zwei Jahren entdeckte Robert Borgmann in Rainald Goetz' Stück "Krieg", einem seit der Uraufführung 1987 nur noch selten gespielten Text-Monstrum, ein Werk von erschreckender Aktualität. All die Hassgesänge, die Reden von Terror und "Heiligem Krieg" wirkten plötzlich sehr real und konkret. Es war eine der aufregendsten, interessantesten Inszenierungen der bisherigen Intendanz Oliver Reeses. Das Gegenteil erlebt das Berliner Ensemble jetzt mit einer anderen Stück-Wiederentdeckung, Yasmina Rezas 20 Jahre alter Beziehungskomödie "Drei Mal Leben", literarischer Edelboulevard vom feinsten. Größere Aufregung ist hier nicht unbedingt zu befürchten.

Die beiden Akademikerpaare, die sich bei einer aus dem Ruder laufenden kleinen Party ihre Statuskämpfe und Ehemissverständnisse um die Ohren hauen, sind unverkennbar französische, also deutlich zivilisiertere Wiedergänger der whiskyimprägnierten Ehekriegsveteranen aus Edward Albees "Wer hat Angst vor Virgina Woolf", der Mutter aller Zimmerschlachten. Zu Rezas Raffinesse gehört, dass sie das in drei Varianten durchspielt, jedes Mal mit Nuancenverschiebungen, mal krampfig verlogen um Fassadenwahrung bemüht, mal mit offensiver Kaputtheit, mal mit Nonchalance und Selbstironie, eben "drei mal Leben". So entstehen lauter schön verdrehte Beispiele für das, was der Eheberater Niklas Luhmann die "Pathologie des ständigen Reflektierens, was der andere von einem erwartet, und das gleichzeitige Einbringen eines Höchstmaßes an Selbstverwirklichung" nennt - ein zuverlässiges Rezept, um jede Beziehung unerträglich zu machen.

Der Astrophysiker Henri, beruflich eher erfolglos und optisch ein freundlicher Schluffi (Nico Holonics) hat, wie es sich im Eheduellgenre gehört, eine toughe Karrierejuristin zur Gattin, die ihn offenbar aus reiner Großzügigkeit liebt. Constanze Becker zeigt sie als kluge Frau, die nicht nur ihren harmlosen Gatten, sondern auch den Rest der Welt nicht übertrieben ernst nehmen kann. Die Dummheiten und Zumutungen der bedauernswerten Mitmenschentrottel amüsieren sie aus sicherer Distanz. Beschwingt von Selbstgenuss hebt sich ihre Stimme gerne zu einem leichten Singen, das gleichzeitig Spott und eisern gute Laune signalisiert.

In einer heute unübersehbar gereizten Lage wirken Rezas Befunde vom Ende des vergangenen Jahrhunderts recht putzig

Das Desaster nimmt seinen Lauf, als der aus Karriereopportunismus eingeladene Physikerkollege und Starwissenschaftler Hubert samt schon etwas verblühtem Gattinnendummchen Ines einen Tag zu früh zu Besuch kommt. Chips statt Dreigängemenue! Langeweilebesäufnis statt gepflegter Konversation! August Diehl macht aus Hubert im altmodischen, grauen Dreiteiler einen genau so grauen Machtstrategen, der sich ohne rechte Freude am servilen Gezappel Henris weidet. Die große Judith Engel führt vor, wie der Hang zum Sancerre, gesteigertes Plauder- und Anerkennungsbedürfnis, Zickigkeit, Körperakrobatik und leichter Wahnsinn einen ziemlich unwiderstehlichen Komikcocktail ergeben: "In nur zwei Stunden bin ich verblüht!"

Trotz der Spielfreude, den Slapsticks, den hübschen Bosheiten wirkt Andrea Breths in jeder Minute bewundernswert fein, klar, genau gearbeitete Inszenierung seltsam aus der Zeit gefallen. Die zwei Jahrzehnte seit ihrer Uraufführung sind Rezas Komödie nicht gut bekommen. Und das nicht nur, weil einige Verwicklungen entstehen, da der nervöse Henri zuhause nicht ins Internet kommt: "Ich habe meinen Laptop im Büro gelassen." Hat der arme Mann kein Smartphone? Vor allem: Haben diese Bürger gutbürgerlicher Pariser Arrondissements keine anderen Sorgen als den nächsten kleinen Karriereschritt, den nächsten kleinen Schwips, den nächsten kleinen Ehekrach, die nächste routiniert angebahnte Ehebruchaffäre?

Die vier durch den verunglückten Abend stolpernden Partygäste müssen Bewohner eines gemütlichen Frankreichs vor den Zeiten von Abstiegsängsten, Terroranschlägen, Klimawandel, Le Pen und den Sozialprotesten der Gelbwesten sein. Selbst die lustig peinlichen Eskalationen sind nur Befindlichkeitszuckungen im Wohlstandskokon.

Das wäre im puren Boulevardspaß nicht weiter schlimm, nicht jede Beziehungskomödie muss die Weltlage zur Kenntnis nehmen. Aber bei Reza und erst recht bei der großen Seelenabgrundforscherin Andrea Breth sind wir nicht im Spaßpartyland. Unter der Oberfläche einer hochtourigen Komödie schimmert gut sichtbar immer der Ernst, die Melancholie, der Wahrheitsanspruch durch. Breths Aufführung will schon auch sagen, wie einsam und verloren wir sind. Rezas Stück will durchaus zeigen, wie zeitgenössische Bürger und ihre handelsüblichen Lebenslügen so ticken und zicken. In einer deutlich gereizter und in den Statusbewahrungskämpfen auch unübersehbar aggressiver gewordenen Lage wirken Rezas Befunde vom Ende des vergangenen Jahrhunderts recht putzig. Das macht die Aufführung bei aller glänzenden Könnerschaft dann doch etwas harmlos.

© SZ vom 18.01.2020
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