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Zehn Jahre iPhone:Wie das iPhone zur Ikone wurde

Das Design des iPhones ist auch deshalb so revolutionär, weil es die Quintessenz seines revolutionären Innenlebens zeigt. Und dabei doch fast alles unter der Oberfläche bleibt.

Von Gerhard Matzig

Vor einigen Jahren wurde der Modeschöpfer Karl Lagerfeld im Interview danach gefragt, was er von Facebook halte. Oh ja, antwortete er, wunderschön sei es - ein wahrlich "makelloses Produkt". Und weiter: "Ich bekam eines als Geschenk, aus weißem Gold." Bis heute wird darüber gerätselt, ob Lagerfeld das soziale Netzwerk Facebook nun mit einem iPod oder einem Smartphone verwechselte. Angeblich weiß er das selbst nicht mehr so genau. Lagerfeld kann dieses Rätselraten übrigens ziemlich egal sein, denn im gleichen Interview hat er das Internet und all seine Erzeugnisse, so hübsch sie auch seien, gelangweilt abgetan als "Modewelle, die bald verschwinden wird". Womit er sich als Prophet mindestens so kühn aus dem Fenster lehnte, wie dies einst Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) tat. Der sagte: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorrübergehende Erscheinung."

Ein makelloses Gehäuse. Ein ikonisches Gehäuse. Kurz: ein iPhone

Manches spricht dafür, dass es ein iPhone war, was Lagerfeld die Sinne vernebelte. Denn es sind vor allem die Apple-Handys, die seit 2007 von diversen Luxuslabels in Richtung Wahnsinn getunt, also zum Beispiel auch mit Weißgold ummantelt werden. Das teuerste Handy dürfte noch immer ein iPhone 5 sein, gestaltet vom Briten Stuart Hughes. Es besteht aus massivem Gold und wurde mit 600 weißen Diamanten verziert. Der Home-Button ist ein einziger schwarzer Diamant mit 26 Karat. Bestellt für umgerechnet knapp zwölf Millionen Euro hat das Handy ein chinesischer Geschäftsmann aus Hongkong. Er war im Besitz des einzigartigen schwarzen Diamanten, für den er ein einzigartig edles Gehäuse suchte. Ein makelloses Gehäuse. Ein ikonisches Gehäuse. Kurz: ein iPhone.

Denn zur Erfolgsgeschichte des Telefons gehört ja nicht allein das technologische Potenzial der Geräte - über das man ja vor allem inzwischen streiten kann. Es ist vielmehr die Gestaltung, die damit einhergeht, die aus einem Produkt eine, ja die bestimmende Chiffre unserer Zeit macht.

Dem vor zehn Jahren vorgestellten iPhone gelang das deshalb so unnachahmlich, weil sein Design nicht einfach nur schön war. Es war revolutionär - weil es das revolutionäre Innenleben so quintessenziell nach außen transformierte. Der große Touchscreen ohne Tastatur: Das war die eigentliche Sensation. Das markierte den Beginn des Wuschens und Wischens einerseits, und die Vollendung des Black-Box-Designs andererseits. Die Geräte hörten auf, mechanische, im Wortsinn begreifliche Geräte zu sein, ausgestattet mit Knöpfen, Tasten, Reglern. Sie wurden: Magie.

Und nur deshalb konnte die Gestaltung so konzentriert sein, so reduziert, so glatt, so schnörkellos und letztlich so "rein" im Sinne der klassischen Moderne, wie es zuvor - vom Funktionalismus eines Louis Sullivan über das Bauhaus bis zur "Ulmer Schule" - nie in dieser Radikalität glückte. "Form follows function": Diese Sentenz stammt als einer der Hauptsätze der Moderne vom amerikanischen Architekten Sullivan (1856-1924). Gemeint ist damit, dass jedwede äußere Form sich aus den inhaltlichen Aspekten des Bauens (was wird gebaut?) und zugleich aus den konstruktiven Parametern (wie wird es gebaut?) logisch zwingend ergebe. Nichts anderes ist das erste iPhone: Nur ein Gerät nahezu ohne Tasten kann reine Oberfläche sein. Die innere Technologie bestimmt kompromisslos die äußere Form. Form follows function.

Die Form triumphiert letztlich über die Funktion

Paradoxerweise ist das iPhone zugleich aber auch das genaue Gegenteil davon: Eben weil das Innenleben in radikaler Weise nicht mehr anschaulich ist, vermittelt durch irgendeine Art von Mechanik, sagt sich die äußere Form davon los. Die Form triumphiert letztlich über die Funktion. Jede glatte Oberfläche könnte nun als iPhone dienen, egal ob in rechteckiger oder runder Form. Oder als Ei.

Das iPhone ist insofern Moderne und Postmoderne in einem. Es ist ein Paradoxon. Das Design des iPhones wurde nicht allein deshalb so ikonisch - heute sieht von Samsung bis Xiaomi alles aus wie Apple -, weil es so klar und deshalb schön wäre, so makellos. Sondern mehr noch, weil es gleichzeitig so ungeheuer rätselhaft und vieldeutig erscheint.

Nichts ist so tief wie die Oberfläche. Das ist der zweite Hauptsatz der Moderne. Wie durch kein anderes Produkt unserer Zeit wird er vom iPhone illustriert. Das iPhone ist vieldeutig, weil mancherlei Gerät in einem. Und es ist zugleich eindeutig als pure, reine Form. Am Beginn der Moderne meinten die Futuristen, dass ein Rennwagen schöner sei als die Nike von Samothrake, schöner also als eine antike Skulptur. Heute ist dieser Rennwagen vom Beginn der Moderne ein iPhone als Höhepunkt der Moderne.

© SZ.de/luc/mane

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