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9/11 und die Kunst:Wo die Kultur komplett versagt hat

Viel Kitsch, wenig Wucht: Eigentlich sollte die Kultur das Grauen von 9/11 emotional fassbar machen und das Andenken wachhalten - doch es ist ihr nicht gelungen. Weder das Kino noch die Literatur oder die Musik konnten das Ausmaß der Gewalt bisher angemessen verarbeiten. Darüber hinweg trösten nur Dokus und Bilder.

Als die beiden Türme des World Trade Centers brannten, saß Paul McCartney auf dem Rollfeld des Flughafens JFK in einem Jet fest. Der Luftraum war gesperrt. Doch die Fernsicht war perfekt, und so erzählte McCartney später, wie er durchs Fenster des Flugzeugs die schwelenden Türme beobachtete. Am nächsten Tag setzte er sich ans Klavier und reagierte, wie jemand, der einige der besten Lieder aller Zeiten geschrieben hat, wohl reagieren muss - er schrieb ein Lied.

PAUL MCCARTNEY

"Freedom", der Song zu 9/11 von Paul McCartney: Kurz nach den Anschlägen organisierte der Künstler ein Benefizkonzert für die Nothelfer.

Mit New York hatten die Terroristen nicht nur das Finanzzentrum der Welt getroffen, sondern auch ihre Kulturhauptstadt. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg hatte New York Paris diesen Rang abgelaufen, hatte mit dem abstrakten Impressionismus, dem Modern Jazz, den Beatniks, der Pop Art, Punk und Hip-Hop die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Fast jeder Künstler der westlichen Welt fühlt sich in der Stadt seit den fünfziger Jahren mehr oder minder heimisch, egal ob er dort Erfolge feiern durfte oder nur wollte.

Weil sich aber nicht nur Musiker, Künstler und Filmemacher aus aller Welt so mit New York verbunden fühlen, sondern so ziemlich jeder, der die Stadt irgendwann einmal besucht hat, war die Kultur in den Augen der Welt als Ganzes gefordert. Egal ob Musik, Film, Kunst oder Literatur, die Kultur sollte das Grauen des 11. September 2001 einordnen, emotional fassbar machen, sie sollte darüber hinwegtrösten, einen historischen Kontext schaffen und gleichzeitig das Andenken wachhalten. Hatten die Künste das nicht immer wieder geleistet? Von Picassos "Guernica" und Benjamin Brittens "War Requiem" bis zu Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsfilm "Apocalypse Now" ist die Kulturgeschichte voll von großen Werken zu gewaltigen Ereignissen.

Weil sich wahre Künstler aber nicht weiter darum scheren, was die Welt von ihnen fordert, reagierte die Kultur fast durchweg mit den ihr eigenen Impulsen. Der erste Impuls war - keine Suche nach Formen zu forcieren, sondern aus dem eigenen Werk zu schöpfen. Nach den Anschlägen hatten sämtliche New Yorker Symphonieorchester ihr Programm umgestellt. Kaum ein Dirigent, der nicht ein Requiem spielte, egal ob von Mozart oder Brahms, gefolgt von Beethovens Neunter, gerne auch nur den vierten Satz.

Eine der wenigen Ausnahmen waren die New Yorker Philharmoniker. Sie suchten für die Eröffnung der nächsten Spielzeit einen Komponisten, der dem Ereignis des 11. September einen symphonischen Rahmen geben könnte.Auch die Filmwelt suchte schon bald nach Wegen, die Ereignisse zu verarbeiten. Sicher nicht nur aus Gründen der Trauer und Ergriffenheit. Von allen Geschäften mit Kultur ist das Filmgeschäft das härteste. 9/11 war großer historischer Stoff. Und ein Thema, das die Welt bewegt, ist immer auch ein Thema für Hollywood.

Zu früh, war das einhellige Urteil der meisten New Yorker. Einzig der Popmusik wurde die schnelle Reaktion eingeräumt. Und sie reagierte. Wenige Wochen nach dem 11. September spielte Paul McCartney das Lied, das er am 12. September geschrieben hatte, zum ersten Mal vor Publikum. Er hatte mit seinen Rockstar- und Hollywoodfreunden im Sportstadion des New Yorker Madison Square Garden ein Benefizkonzert für die Feuerwehrleute, Polizisten, Sanitäter und Helfer organisiert. Er war persönlich zu Feuerwachen gefahren und hatte Freikarten verteilt. Seine Villa mochte am äußersten Ende von Long Island stehen, McCartney fühlte sich im Herzen als New Yorker. Und im Gegensatz zu so vielen konnte er etwas unternehmen. David Bowie und Mick Jagger traten auf, Keith Richards, Jon Bon Jovi, The Who und Eric Clapton.

Die emotionalen Reaktionen in der Halle war überwältigend. Nicht nur, weil der Schock der Ereignisse noch frisch war. Für die Mehrzahl der Männer und Frauen, die hier im Stadion zusammengekommen waren, bestimmten die Anschläge immer noch den Alltag. Für einige, weil sie Angehörige oder Kollegen verloren hatten. Für die meisten, weil sie bei den Aufräumarbeiten mithalfen. Sechs Wochen nach den Anschlägen lag unverändert der Geruch von verschmortem Kunststoff über der Stadt. So traumatisch war die Arbeit in den Ruinen, dass die Nothelfer die Stadt gebeten hatten, die Beleuchtung des Empire State Buildings nicht wie üblich um Mitternacht abzuschalten, sondern es wie ein Nachtlicht für verängstigte Kinder bis zum Morgengrauen brennen zu lassen.

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