ZDF-Serie: "Die Deutschen":Schärfer als ein Werbespot

Dankenswerterweise haben die Initiatoren der Serie die Ursprünge der Deutschen nicht schon in die Zeit von Hermann dem Cherusker gelegt, der zu Beginn der Zeitrechnung drei römische Legionen schlug und dafür von Tacitus als "Befreier der Germanen" tituliert wurde. In dieser Hinsicht ist die Serie der Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum überlegen, die die Anfänge der deutschen Geschichte allen Ernstes bis auf das Jahr 9 zurückführt.

In allen Folgen wird der Akzent auf das Deutsche gelegt: sei es die deutsche Sprache oder das sich erst im Gefolge der napoleonischen Kriege im 19. Jahrhundert entwickelnde Nationalbewusstsein.

Es wird nicht unter den Tisch gekehrt, dass die Deutschen - anders als etwa die Franzosen - ihre nationale Identität nicht aus dem Umstand nähren konnten, ein in Jahrhunderten gefestigtes staatliches Gebilde mit einem einigermaßen präzise definierten Kernland zu bewohnen.

Überzogen ist hingegen die Darstellung der gescheiterten Revolution von 1848/49: Um "Einheit und Freiheit" sei es gegangen, wird gesagt. Dass diese beiden Ziele alsbald nicht mehr Hand in Hand gingen, ja dass die Bürgerfreiheiten auch deshalb nicht durchgesetzt wurden, weil die oberen Schichten lieber unter der Führung eines Monarchen geeint werden wollten, wird zwar angedeutet, geht aber angesichts der wiederholten Beschwörungsformel "Einheit und Freiheit" unter.

So und nur so

Die in dieser Hinsicht sogar verzerrte teleologische Perspektive der Serie vermittelt die Vorstellung, das Ziel der Geschichte sei eigentlich die bundesdeutsche Demokratie gewesen, wie sie seit 1990 existiert. Das ist, was Hobsbawm meint, wenn er von "Erfindung" von Traditionen redet. Die väterlich-autoritäre Stimme des Sprechers Hans Mittermüller tut das Ihre dazu, den Eindruck zu erwecken: So und nur so soll die Geschichte gesehen werden.

Was die Vermittlung von Geschichte erreichen kann, ist in dieser Serie nicht einmal versucht worden: Wer von den Wechselfällen der Geschichte erzählt bekommt, kann dabei auch politisch denken lernen. Das ist aber nur dann möglich, wenn der Zuschauer oder Leser ein bisschen zum Denken animiert wird.

Die Schnellfeuerdramaturgie dieser Serie erlaubt das nicht. Doch sie gefällt dem Publikum. Die erste Folge über Otto I. hatte eine Einschaltquote von mehr als zwanzig Prozent. Es spricht für die Zuschauer, dass sie sich mehr für Otto I. als für Menschen interessieren, die mit Senf beschmiert werden. Als Unterrichtsmaterial - auch als solches ist die Serie gedacht - eignen sich die Folgen von "Die Deutschen" indes nicht.

Mehr als vier Minuten berichtete das heute-journal am Montagabend in eigener Sache: über den guten Start der Serie Die Deutschen (6,5 Millionen Zuschauer). Auftreten durfte nach einem Bericht über die Serie ZDF-Geschichtsexperte Guido Knopp, der für Die Deutschen verantwortlich ist. Moderator Claus Kleber, der die Produktion als "fulminant gelungen" bezeichnete, fragte Knopp: "Wie erklären Sie sich den Erfolg?" Auch der ausführliche Hinweis auf die Serie im Internet fehlte nicht. Am Dienstag teilte Kleber mit, ein solcher Bericht sei "weder üblich noch notwendig", aber das Thema sei einfach "gut" gewesen und nur auf Initiative der heute-journal-Redaktion entstanden sei. Man fühle sich den Machern der Serie "kollegial verbunden".

Die Deutschen, ZDF, Sendetermine der Folgen drei bis zehn jeweils sonntags, 19.30 Uhr und dienstags, 20.15 Uhr, außerdem sind die Folgen in der ZDF Mediathek abrufbar.

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