ZDF-Serie: "Die Deutschen" Schärfer als ein Werbespot

Das ZDF zeigt die Geschichte der Deutschen als Doku-Disco. Dank Schnellfeuerdramaturgie stimmt auch die Quote.

Von Franziska Augstein

Thomas Gottschalk hat neulich in einem Interview gesagt, lieber lasse er sich in seiner Sendung "Wetten, dass . . .?" in ein riesiges Senffass eintauchen, als dass er seinen Gästen zumute, einander mit Senf zu beschmieren. Damit hat er recht. Das gleiche kann man jetzt über die zehnteilige ZDF-Serie "Die Deutschen" sagen: Es ist schön, wenn die Zuschauer sich für deutsche Geschichte mehr interessieren als für exhibitionistische Peinlichkeiten.

Bismarck als Postkartenmotiv zur Geschichtsserie "Die Deutschen".

(Foto: Foto: ZDF)

Natürlich ist die Serie "Die Deutschen" nicht das gleiche wie "Wetten, dass . . .?" Wer Thomas Gottschalk sieht, kann lernen, wie man liebenswürdig mit anderen Leuten umgeht. Wer Die Deutschen anschaut, erfährt, dass die deutschen Fürsten nicht immer liebenswürdig miteinander und mit ihrem Volk umgegangen sind. Das ist auch etwas wert. Außerdem gibt es keinen Familienkrach, wenn man vorm Fernseher sitzt. So ein Krach ist bei dieser Serie schon deshalb unmöglich, weil sie selbst laut genug ist.

Die musikalische Untermalung ist schärfer als das, was in Werbespots geboten wird. Die Serie ist ein bisschen Doku-Drama, vor allem ist sie Doku-Disco. Den Hörgewohnheiten von Kindern mag das entgegenkommen. So einpeitschend wie die Musik ist, so flirrend sind die Bilder: Alle paar Sekunden kommt ein Schnitt.

Aus der Sicht eines Düsenjets

Kleine schauspielerische Szenen sollen uns die Geschichte näherbringen. In den Szenendialogen werden die Figuren auf Gestalten aus Vorabendsendungen reduziert. Die Mutter des kleinen Heinrich ermahnt um 1057 ihren Sohn: "Heinrich, behandelt man so seine Gäste?" - "Nein", gibt Heinrich IV. kleinlaut zu. Kaiserin Agnes darauf: "Entschuldige dich bitte bei Herrn Hildebrand."

Die Serienproduzenten sind auf ihre Animationen mächtig stolz. Bedauerlicherweise sind diese zumeist nicht aussagekräftig: Es nützt nichts, computertechnisch eine Stadt wie Speyer um das Jahr 1000 zu rekonstruieren, wenn das Bild wie aus der Sicht eines schnellen Düsenjets unter den Augen hinwegsaust. Zu erkennen ist da wenig. Nachdem die Ohren und die Augen solchermaßen von Klimbim beansprucht sind, kommt es auf den Inhalt schon fast nicht mehr an.

"Die Deutschen" heißt die Serie. Sie behauptet, Antworten zu geben auf die Fragen: "Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehören wir?" In sehr groben Zügen wird deutsche Herrschafts- und Verfassungsgeschichte erzählt.

Den Geschichtsforschern zum Trotz, die sich zu Kommentaren bereitgefunden haben, folgt die Serie einem Begriff, den der Historiker Eric Hobsbawm prägte: Hier wird Tradition erfunden. Die Serie stellt die deutsche Geschichte als eine Entwicklung dar, die letztlich durch alle Fährnisse hindurch zielstrebig auf das Jahr 1990 und die deutsche Einigung zusteuerte.

Zu Beginn der Folgen ist immer wieder derselbe Satz zu hören: Es gehe um "ein Land, das lange braucht, um eins zu werden". Von welchem Land die Rede ist, wird nicht gesagt, aber offenbar ist von der jetzigen Bundesrepublik die Rede - ein mageres Gebilde im Vergleich zu den unermesslichen Weiten Europas, über die der Sachse Otto I. oder der Salier Heinrich IV. herrschten.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, was die Serie noch nicht einmal versucht.