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Yung Hurn:Blasenbildung im Hip-Hop

Bis dahin wird es wohl noch dauern, denn die meisten von Hurns Tracks sind ein Lob des Rausches durch Liebe, Sex und diverse Drogen. Was die Feier des Exzesses angeht, sind er und sein Umfeld die Erben der Technoszene, die derzeit in ihrer Berghain-Minimal- und Frickellärm-Coolness zu erstarren droht. Aber vor allem wird im Rahmen der allgemeinen Feier des Rausches in seinen Videos endlich mal wieder lustvoll vor der Kamera geraucht und gesoffen. Es ist deshalb erfrischend, weil der Exzess der Popmusik irgendwie ein bisschen abhandengekommen zu sein schien in den letzten Jahren.

"Wenn ich rappe, 'Handy läutet, oben steht Mama', meine ich diesen Moment, wenn du im Club aufs Klo gehst und auf dem Telefon Lines legst, und dann ruft auf einmal deine Mutter an, aber du willst sie nicht wegwischen und musst dich beeilen. Das kennst du doch? Ist dir doch bestimmt schon mal passiert?" fragt Yung Hurn. Nein. Aber er scheint, auch das ist bemerkenswert, der einzige Rapper der Welt zu sein, der ein halbwegs normales Verhältnis zu seiner Mutter hat. Im Hip-Hop ist die Mutter ja für gewöhnlich immer entweder eine Heilige (wenn es die eigene ist) oder eine Nutte (wenn es die von jemand anderem ist). Yung Hurns Mutter dagegen ist einfach da und schaut dem Treiben besorgt und ansatzweise belustigt zu. Wahre Coolness entsteht nicht nur aus dem, was man tut, sondern vor allem auch aus dem, was man lässt. Yung Hurn hat ein gutes Gespür dafür, er hat Jan Böhmermann, der ihn unbedingt in seiner Show haben wollte, mehrfach abgesagt. Und nach 2017 will er überhaupt keinen Rap mehr machen. Selbst wenn das nur ein Slogan ist, zeigt er damit trotzdem, dass er das Problem versteht: Der ganze Hype um die neuen Spielarten von R 'n' B und Hip-Hop wird sich irgendwann totlaufen. Es ist ja im Moment ganz klar eine Blasenbildung erkennbar. Wie an der Börse oder auf dem Immobilienmarkt.

Er stolpert mit dem Optimismus des Schelms und der verstrahlten Entspanntheit des Dandys durch die moderne Welt

Yung Hurn will in Zukunft Gitarrenmusik machen, erster Anlauf ist sein Song "Diamant". Er würde überhaupt am liebsten alles machen, ist in den meisten Dingen gut und behauptet, er könne nichts. Auf seinem Soundcloud gibt es Aufnahmen, in denen er Klavier spielt und singt. "Ich würde nie im Leben sagen, dass ich Klavier spielen kann", sagt er, "nie im Leben. Aber wenn jetzt hier ein Klavier stehen würde, und es wär ganz still, und ich würde dazu singen, dann würde es dir schon gefallen. Und du würdest sagen, 'Oh, kannst du Klavier spielen?', und ich würde sagen: 'Ein kleines bisschen.'" Aktuell plant er eine Yung-Hurn-Fliegenklatsche.

Wenn man sich auf Youtube die Kommentarschlachten unter Yung-Hurn-Tracks anschaut, sieht man, dass er die deutschsprachige Szene aufgestört hat. Was auf jeden Fall eine gute Nachricht ist. Denn bislang gab es in Deutschland nur zwei Lager: Spaß-Hip-Hop, also Hip-Hop für brave linksliberale Akademiker und die ganze Familie einerseits. Oder den Straßenrap von Bushido bis Haftbefehl, der leider schon viel zu lange eine Parodie seiner selbst ist. Yung Hurn bricht diese Situation auf. "Was viele deutsche Rapper nicht wahrhaben wollen", sagt Yung Hurn, an seinem Drink ziehend, "der Stil kommt aus Österreich. Die ersten waren die Salzburger HPF. Vor drei oder vier Jahren, noch in Wien, hab ich mich gefragt: Warum macht keiner neue Sachen? Aber die haben das schon davor gemacht. Noch davor eben Lil B und so. Ich würde nicht behaupten - auf gar keinen Fall -, ich hätte die Bewegung erschaffen. Aber ich war ein Teil davon."

Sein Erfolg hat allerdings auch viel mit seinem Changieren zwischen Lausbub und Model, Schüchternheit und Selbstbewusstsein zu tun. Auffällig ist, dass er jung ist, und doch sehr gelassen. Er stolpert mit dem Optimismus des Schelms und der verstrahlten Entspanntheit des Dandys durch die moderne Welt. Wenn darin etwas Utopisches steckt, dann dass er dabei im Netzwerk zerfasert und zugleich autonom bleibt. Er gibt einem die Hoffnung, dass man sich auf der Cloudmatratze durch den ganzen Kommunikationsmüll und die Zumutungen der Leistungsgesellschaft treiben lassen kann, ohne jemals unterzugehen.

© SZ vom 09.09.2017/doer
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