Japanische Literatur Plagiat des Lebens

Yukio Mishima, 1925 geboren, beging 1970 Harakiri, indem er sich enthaupten ließ – nach einem inszenierten Putschversuch zugunsten des Kaisers.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Zum ersten Mal wurden Yukio Mishimas "Bekenntnisse einer Maske" unmittelbar aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt.

Von Gustav Seibt

Was tut ein heranwachsender Mensch, der bemerkt, dass sein sexuelles Begehren von dem abweicht, was seine Umgebung als selbstverständlich voraussetzt, bespricht und tatsächlich lebt? Er versucht mitzumachen, denn er will kein anderer sein. Doch er tut dies auf eine äußerliche, im Kern verständnislose Weise. Er tut so, als ob er dabei wäre. Yukio Mishima bezeichnet dies in seinem Jugendroman "Bekenntnisse einer Maske" als "abschreiben" und vergleicht damit die Situation bei schulischen Prüfungen: "Ich schrieb bei Prüfungen bei meinen Kameraden ab, ohne zu verstehen, was ich da heimlich kopierte." Damit könne man durchaus Erfolge erzielen, allerdings werde jeder folgende Schritt immer schwieriger, denn der geprüfte Stoff ist Voraussetzung des späteren Unterrichts.

Immer weiter muss der verständnislose Schüler so tun, als verstünde er alles. So bewegt er sich erfahrungsfrei, auf der Grundlage äußerlicher Beobachtungen in einem fremden Rollenfach. Er wird zum Träger einer Maske und erfährt das Leben als Bühne.

Mishimas zuerst 1949 erschienener Roman war ein Sensationserfolg, vor allem in der englisch- und französischsprachigen Welt. Er begründete den Ruhm seines 1925 auf die Welt gekommenen Autors, der 1970 Harakiri beging und sich enthaupten ließ, nachdem er einen theatralischen, von Anfang an wohl aufs Scheitern angelegten Putschversuch zugunsten des japanischen Kaisers in Szene gesetzt hatte. Diese spektakuläre, archaisch ritualisierte Bluttat bestimmt seither das Bild Mishimas als Schriftsteller, und natürlich auch die Wahrnehmung seines ersten Romans.

Dieser zeigt eine doppelte Bewegung: einerseits das Erwachen eines homoerotischen Triebs mit deutlich sadomasochistischen, ja blutrünstigen Zügen, andererseits das parallele Wachsen einer Maske, mit der der junge Ich-Erzähler, der die Züge des Autors trägt, versucht, sich einen Lebenstext zu eigen zu machen, der nicht zu diesem Begehren passt.

Das Begehren erzwingt die Maske, die ihm doch entgegenwirkt; die Maske verbindet sich für den, der sie ausbildet, mit der Hoffnung, dass das Begehren ihr irgendwann zu entsprechen beginne. Der von den anderen abgeschriebene Text möge, so der Wunsch, einmal zu einem eigenen werden.

Darum müssen auch ernsthafte, wenn auch traurige Versuche unternommen werden, in der Art zu lieben, wie dies offenbar alle anderen tun. Im Untergrund wühlen die verleugneten Triebe dabei immer weiter. Diese dreifache Bewegung - das Entdecken des eigenen Begehrens, die Ausbildung einer dieses verbergenden Maske und der Versuch, diese Maske mit wirklichem Leben zu erfüllen - ist der Inhalt von Mishimas Roman. Er ist, soweit das die Übertragung aus einer sehr weit entfernten Sprache dies zu beurteilen erlaubt, in einem zugleich zarten und kühlen Ton geschrieben, stoisch dem Zeitablauf folgend, schonungslos genau, die einzelnen Schritte gründlich reflektierend, zugleich voller Bildkraft, reich an Metaphorik, dabei auch präzise im historischen Kolorit. Kein Wunder, dass die "Bekenntnisse" bei einem so kühl-bewussten Künstler wie Christian Kracht große Bewunderung genießen.

Der größte Teil des Romans spielt in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs, der Japan in eine ähnlich radikale Niederlage führte wie das verbündete Deutschland. Der Ich-Erzähler gehört wie der Autor zur Oberschicht, er ist ein zartes, kränkelndes Kind, dessen Schwärmen für nach Schweiß riechende, blutige Männlichkeit einen Tonio-Kröger-haften Zug hat, nur düsterer, auswegloser, gnadenloser und peinlicher in den Einzelheiten: Ausführlich spricht die Erzählung von der Attraktion durch männliche Achselhaare unter pubertierenden Jungen.

Die Härte des Kriegsalltags und die verzehrenden Wonnen am Gewöhnlichen kontrastieren mit einer überfeinerten Bildsprache, von der man nicht genau weiß, ist sie nun europäisch-dekadent oder nicht vielmehr klassisch-traditionell: "Ein leichter Wind wehte wie ein fröhliches Insekt mit unsichtbarem Flügelschlag vom Meer zu mir herüber, als wollte er mir wichtigtuerisch ein delikates Geheimnis anvertrauen."

Der scheiternde Versuch, mit der Schwester eines Kameraden eine Liebesbeziehung zu beginnen, holt die Erzählung aus den ästhetisierenden Sphären von geheimer Lust und starrer Maske herunter in einen realen Schmerz. Grausam sind weniger die blutigen Fantasien des Erzählers als das, was er einem ahnungslosen Mädchen antut. Der abgeschriebene Text erweist sich außerhalb des eigenen Ichs als wahre Sprache, die verpflichtende, aber unerfüllbare Gefühle auslöst. Das tut weh auch beim Lesen. Das Buch endet ohne Erlösung oder Befreiung, mit der Feststellung endgültiger Disharmonie.

Erst ganz am Ende erscheinen allgemeine Begriffe und Vorbilder, fallen Worte wie "Sodomit", "schwul", erscheinen Namen wie Graf Platen, Winckelmann und Michelangelo, dazu der von Magnus Hirschfeld. Das erscheint in einem japanischen Buch so bemerkenswert, dass man gerne Erläuterungen erhalten würde.

Die neue Ausgabe ist die erste direkte Übersetzung aus dem Japanischen ins Deutsche, die bisher greifbare Version war aus einer amerikanischen Übersetzung ins Deutsche übertragen worden (unter dem leicht abweichenden Titel "Geständnis einer Maske"). Bisher pflegten Mishima-Bewunderer dessen Werke ohnehin bevorzugt in französischen Ausgaben zu lesen. Die neue Übersetzung hätte nun Anlass zu einem gründlichen Nachwort geben können und zu einem Kommentar, der nicht nur ein paar japanische Ausdrücke erklärt.

So ist der Text beispielsweise voll von Anspielungen auf griechische Mythologie und abendländische Philosophie. Dass ein deutscher Nebenklassiker wie Platen hier auftaucht, erstaunt, auch wenn man mittlerweile gewöhnt ist, den von Heine verhöhnten Grafen als schwule Ikone zu begreifen.

Schon diese Text- und Kulturbeziehungen hätten eine Einordnung verdient. Dazu kommt die größere Frage, ob Mishimas Text überhaupt als homosexuelles Buch zu lesen ist. Zunächst ist er eine raffinierte psychologische Studie, die eine autobiografische Lesart gebieterisch nahelegt.

Doch Yukio Mishima wurde kein Vorkämpfer homosexueller Befreiung, seinem Buch fehlt das Programmatische, der Ton der Anklage. Soll man die "Bekenntnisse" des Titels in die Linie von Augustinus und Rousseau stellen, als beichtende Selbstentblößung? Die Maske behält ihre Undurchdringlichkeit.

Die Übersetzung, deren Richtigkeit der Rezensent nicht beurteilen kann, zeigt erstaunliche stilistische Schwächen. Was haben in der folgenden, eigentlich sehr schönen Passage Wörter wie "aufgrund" und "angesichts" zu suchen?

"Aufgrund des Krieges wuchsen wir in einer seltsamen Sentimentalität heran, er machte uns glauben, wir würden ohnehin nie das dreißigste Lebensjahr erreichen. (...) Angesichts der zeitlichen Begrenzung wies der Salzsee unseres Lebens eine solch hohe Konzentration auf, dass unsere Körper auf dem Wasser zu schweben schienen." Nun, die Sprache schwebt hier jedenfalls nicht.

Yukio Mishima: Bekenntnisse einer Maske. Roman. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Verlag Kein & Aber, Zürich, Berlin 2019. 216 Seiten, 20 Euro.