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"Young Adult" im Kino:Schlampentum und Kleinstadt-Mütter

Fettige Säuferblässe, an den Brüsten klebt noch der Plastik-BH, den Atem möchte man gar nicht erst riechen: Charlize Theron spielt in "Young Adult" eine bemerkenswerte Frauenfigur, die in ihren rosafarbenen Juicy-Couture-Jogginganzug springt, um ihre Jugendliebe aus der Geiselhaft als Familienvater zu befreien. Den Machern des Kinohits "Juno" ist ein großer Film abseits des Hollywood-Mainstreams gelungen.

Was sieht diese Frau, wenn sie an einem bösen, sonnendurchfluteten Morgen in den Spiegel schaut? Zunächst einmal ein Barbie-Gesicht: perfektes süßes Näschen, große Augen, sinnliche Lippen. Dazu ein harter Zug um den Mund, der sagt: Meinen Sonderpreis aus der Gen-Lotterie geb' ich nicht wieder her. Und dann ist da noch diese fettige Säuferblässe, die langsam durch die Sonnenbankbräune hindurchsickert. Das Haar - ein Wischmop. An den Brüsten klebt noch der Plastik-BH, den Atem möchte man lieber nicht riechen. Das ist Mavis Gary.

Kinostarts - 'Young Adult' Charlize Theron

Für alle Welt ist sie eine eiskalte, zu allem entschlossene Familiensprengerin, eine Hexe auf der niedrigsten Stufe der Weiblichkeit, räudiger als die räudigste Hündin.

(Foto: dpa)

Schon hier balanciert der Film "Young Adult" auf einem dünnen Drahtseil, aufgespannt zwischen Neugier, Abscheu und Faszination. Und die Schauspielerin Charlize Theron, die diese Mavis verkörpert, steht da ohne Netz und doppelten Boden, ohne einen Hauch von Distanz zu ihrer Figur.

"Sie kann ihre innere Strahlkraft und Schönheit wie eine Glühbirne ausschalten", sagt der Regisseur Jason Reitman. Ein privilegierter Spross aus altem Hollywood-Adel, der Zottelhipsterbart schon leicht angegraut, die Hände weich wie die eines Zehnjährigen - so sitzt er da. In seiner Stimme klingt höchster Respekt. "Ich habe sie gebeten", sagt er, "Mavis möglichst hinterfotzig zu spielen."

Das sichere Ding mal ausschalten. Sich etwas trauen, wofür die anderen gerade zu feige sind. Den Mundgeruch sichtbar machen - darum geht es hier. Ein filmisches Experiment für alle Beteiligten, das nun bemerkenswert quer in den Hollywood-Mainstream hineinragt. Reitman hatte schon immer diesen Drang, auch mal unbequem zu werden: Mit seinem gnadenlos smarten Tabak-Lobbyisten in "Thank You For Smoking"; mit seiner altklugen Teenage-Mom in "Juno"; mit seinem supergetriebenen Entlassungsspezialisten George Clooney in "Up In The Air". Er riskierte was und gewann eigentlich immer: Am Ende fanden alle seine Filme böse und trotzdem sehr nett. "Young Adult" geht nun einen definitiven Schritt weiter.

Mavis Gary - die sich viel darauf einbildet, eine Erfolgsautorin zu sein, tatsächlich aber nur Trashromanserien für Schulmädchen schreibt, die in Amerika "Young Adult Fiction" heißen - bekommt an diesem bösen, sonnendurchfluten Morgen eine Mail. Buddy, ihr alter Kleinstadt-Lover - jener Buddy, mit dem sie König und Königin der Highschool gespielt hat, noch so ein Hauptgewinn aus der großen amerikanischen Genlotterie - ist Vater geworden. Und Mavis springt in ihren rosafarbenen Juicy-Couture-Jogginganzug und braust zurück nach Mercury, Minnesota.

Welcome Home, Psychotic Prom Queen Bitch

Sie will ihren armen Exfreund aus seiner Geiselhaft als Familienvater befreien - so sieht sie selbst das zumindest. Der Rest der Welt sieht allerdings etwas anderes: eine eiskalte, zu allem entschlossene Familiensprengerin, eine Hexe auf der niedrigsten Stufe der Weiblichkeit, räudiger als die räudigste Hündin. Welcome Home, Psychotic Prom Queen Bitch.

Das Schöne aber ist: Man will sehen, was diese Schlampe anstellt. Man folgt ihr, ob man will oder nicht. Sie macht sich gut im Zentrum des Films, man muss sie nicht bemitleiden. Und es ist schon faszinierend, "Young Adult" mit einer Gruppe von Amerikanerinnen im Alter zwischen zwanzig und vierzig anzuschauen. Ein Raunen geht da durch die Reihen, als Mavis sich im viel zu tief sitzenden Kleid dem besagten, leicht unbedarften, in seiner Vaterrolle durchaus glücklichen Buddy nähert, um ihn zum Schnapstrinken und später zum Ehebruch zu überreden. "That's me", hört man flüstern. Die Schlampe Mavis verfügt über eine Menge Identifikationspotential.

Auf der folgenden Pressekonferenz haben diese Frauen dann dringende Fragen: Wird Mavis verrückt oder wieder okay? Wird sie untergehen, muss sie sich ändern? Ein blondes Mädchen im hellblauen Kleid kriegt sich gar nicht mehr ein: Jemand müsste Mavis doch retten, sonst würde sie vor die Hunde gehen! Charlize Theron, die ihre innere Strahlkraft und Schönheit nun wieder angeschaltet hat, sitzt auf dem Podium. Aber für die Figur, die sie mit dieser bemerkenswerten Performance in die Welt entlassen hat, kann sie inzwischen nicht mehr sprechen. Sie hoffe einfach das Beste für Mavis, sagt sie.

Tollerweise hat Reitman trotzdem keinen Film nur über Frauen gedreht. Es geht eher um Kinder in den Körpern von Erwachsenen, um den totalen Realitätsverlust einer Generation, die mit nie hinterfragter Anspruchshaltung in die Sinnkrise taumelt. Nach einer endlosen Reihe von Kindmännern, die in ihrem selbstbezogenen Egowahn seit Jahren die neuen Hollywood-Komödien dominieren, sind nun endlich einmal die Frauen dran - gleiches Recht für alle. "Ich bin selbst Mavis Gary", sagt Jason Reitman. "Und ehrlich gesagt kann mir immer noch niemand erklären, was Erwachsensein überhaupt ist."

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